42. BMW BERLIN-MARATHON am 27. September 2015

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Mein erster BERLIN-MARATHON - Teil II

Erlebnisse und Gefühle beim BERLIN-MARATHON von Teilnehmern

25.07.2003

Der Literatur-Marathon gehört seit über einem Jahrzehnt zum umfangreichen Rahmenprogramm des real,- BERLIN-MARATHON. Dr. Detlef Kuhlmann, Dozent am Institut für Sportwissenschaft der FU Berlin und Professor und Lehrstuhlvertreter für Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaft der Universität Regensburg, organisiert und leitet von Beginn an diesen Teil des Programms am Marathonwochenende in Berlin Er motivierte auch Teilnehmer des real,- BERLIN-MARATHON ihre Erlebnisse und Gefühle beim Lauf durch die City niederzuschreiben - und bat zusätzlich Prominente ihre Ansichte und Gedanken über den real,- BERLIN-MARATHON zu Papier zu bringen. Wir veröffentlichen diese Texte in loser Reihenfolge.

Marathon boomt. Jedes Jahr kommen Läuferinnen und Läufer neu hinzu, die zum ersten mal die 42,195 km auf sich nehmen. Beim real,- BERLIN-MARATHON starten allein jährlich mehrere Tausend zum ersten Mal bei einem Marathon. Dieser Premieren-Marathon stellt einen Einschnitt in der Laufkarriere eines jeden einzelnen dar. Wir haben 999 Debütantinnen und Debütanten gebeten, einen kleinen Aufsatz zu schreiben zum Thema "Mein erster Berlin-Marathon":

Sven Goldmann (Jahrgang 1964), leitete das Ressort Sport beim "Tagesspiegel" Berlin):

Monika war Schuld. Monika war damals, im Sommer 1981, das schönste Mädchen der Welt (auch wenn ein paar neidische Mitschüler in meiner elften Klasse das ganz anders sahen). Ich weiß nicht mehr, warum ich ausgerechnet mit ihr über den BERLIN-MARATHON gesprochen habe, denn Monika hatte nicht viel übrig für diesen Sport. Vielleicht war sie gerade deshalb so beeindruckt: 42 Kilometer, alles an einem Tag, und dann auch noch auf Asphalt. "Das schaffst du nie!", sagte Monika.

Heute ahne ich, daß sie mich provozieren wollte. Ich war ein dankbares Opfer. 42 Kilometer? Lächerlich! Zur Vorbereitung werde ich im Urlaub ein paar Mal um diese Insel laufen, auf der ich mit meinen Eltern die Sommerferien verbringen wollte. Sardinien hatte in meiner damaligen Begriffswelt ungefähr die Größe der Pfaueninsel - ein Mißverständnis, an das Monika mich nach meiner Rückkehr auf ziemlich kleinliche Weise immer wieder erinnerte.

Es kam der erste Berliner Stadtmarathon, und ich fühlte mich nach gut fünfwöchiger Vorbereitung in bester Verfassung. Der Lauf wurde um 9 Uhr am Reichstag gestartet. Ich war pünktlich um fünf vor neun da und wunderte mich ein wenig über die vielen Leute, die noch früher gekommen waren. Als es dann losging, ging erst mal gar nichts. Menschen über Menschen stauten sich vor mir, und ich nahm mir vor, später von meiner Gesamtzeit zehn Minute abzuziehen. So lange muß es wohl gedauert haben, bis ich die ersten 100 Meter geschafft hatte. Danach lief es ganz gut, so gut, daß meine Eltern zu spät am verabredeten Streckenabschnitt auftauchten. Sie hatten einfach noch nicht mit mir gerechnet. Überhaupt - keiner war da, um mich anzufeuern, nicht einmal Monika, die eine Klassenfahrt nach München offenbar wichtiger fand.

Ich habe sie dann auch nicht allzu sehr vermißt, später, als der Regen kam und mein T-Shirt sich genauso schwer anfühlte wie meine Oberschenkel. Wundgescheuerte Brustwarzen verhalfen mir zu der Erkenntnis, daß es für Marathonläufe geeignetere Textilien gibt als Baumwolle. Die Aufenthalte an den Verpflegungspunkten zögerte ich, taktisch klug, immer mehr in die Länge. Seit diesem Sonntag weiß ich zweierlei: 1. Der Hohenzollerndamm ist in Richtung Fehrbelliner Platz die steilste Straße Berlins. 2. Gehen ist eine in weiten Kreisen der Öffentlichkeit völlig zu Unrecht belächelte Sportart.

Irgendwie habe ich es dann doch bis ins Ziel geschafft, und das sogar unter vier Stunden, wenn man die zehn Warteminuten am Start abzog. Ich war ein einsamer Held: Nach Hause bin ich mit der U-Bahn gefahren, auch in der Schule sind meine Entbehrungen nicht angemessen gefeiert worden. Monika hat mich ein paar Wochen später verlassen, aber da war sie auch schon nicht mehr das schönste Mädchen der Welt.
(BERLIN-MARATHON 1981; 4:07 Std.)



Jörg Wenig (Jahrgang 1967), Sportredakteur mit Schwerpunkt Leichtathletik, schreibt unter anderem für den Tagesspiegel Berlin sowie die Fachzeitschrift Leichtathletik und bearbeitet die Programmhefte des BERLIN-MARATHON und des ISTAF Berlin:

An gute 42 Kilometer hatten wir eigentlich gar nicht gedacht. Zumal meine ganz persönlichen Helden weder Frank Shorter noch Waldemar Cierpinski hießen, sondern: Sebastian Coe und Steve Ovett. Doch es war die Zeit des Testens - was schaffst du? Eine nicht ganz legale Piste unter dem Sessellift herunterfahren, ohne dabei mangels Haltung von oben verspottet zu werden - machen wir. Die 1000 Meter unter drei Minuten laufen - schaffen wir. Zelten während eines Hurrikans - wir fliegen nicht weg. 25 Kilometer laufen am Stück - machen wir. Denkste! Denn als wir diese Idee hatten, waren die "25 km de Berlin“ gerade gelaufen. Ohne uns!

Mit weniger wollten wir uns freilich nicht zufrieden geben, und ein Jahr warten kam nicht in Frage. Also blieb im Mai 1984 nur ein Ziel übrig: der Marathon. Wir wußten: der konnte uns nicht weglaufen, denn er fand erst nach den großen Ferien statt. Zum Trainingsprogramm zählte im Sommer eine Radtour: von Brighton nach Nordwales und zurück über Liverpool und Cambridge nach London mit Zelt und allem drum und dran - schaffen wir. Danach hatten wir eigentlich kaum noch Respekt vor diesem BERLIN-MARATHON. Dennoch passierte irgend etwas merkwürdiges mit André. Er verzichtete, weil er tags darauf unbedingt seinen 18. Geburtstag feiern wollte ... - das hätten wir auch noch geschafft.

Also ging ich alleine zum Start an jenem 30. September. Von dem positiven Effekt eines Nudelessens am Tag zuvor hatte ich schon einmal etwas gehört. Viel mehr über eine angepaßte Ernährung habe ich erst viel später erfahren. Doch das machte nichts. Nach einem wenig hilfreichen Frühstück und mit genügend Traubenzucker in der Tasche machte ich mich auf den Weg am Marathontag. Vor lauter Läufern lief am Reichstag erst einmal gar nichts. Mein Vier-Stunden-Plan war dahin. Als bei Kilometer 25 André im strömenden Regen mit seinen Eltern wartete, hatte ich zwar aufgeholt, doch bald kam der erste Wadenkrampf. Die Menschenmassen trieben mich zum Steglitzer Kreisel, wo Inge unter dem Regenschirm wartete.

Aber sehr viel weiter ging es nicht mehr gut. Die Wadenkrämpfe kamen wieder, und die Massage am Rotkreuzbus war eine Zeitverschwendung. Ich war, verglichen mit einem Trainingsplan für Anfänger in Woche drei: Zehn Minuten laufen, drei Minuten gehen - fünf Minuten laufen, drei Minuten gehen - zehn Minuten und so weiter. Gehpausen - vorher dachte ich, so etwas sei bei einem Marathon verboten und hatte Angst vor einer Disqualifikation. Doch die realistische Folge war, daß meine Klassenkameradin Antje nicht mehr am Hohenzollerndamm stand, als ich dort ankam. Mein Sportlehrer Sebastian hatte mehr Geduld mit mir. Er wartete an den Uhlandstraße und schrie - doch ich sah ihn nicht und hörte nichts mehr in diesem einzigartigen Spektakel. Nach gut viereinhalb Stunden war ich im Ziel und sagte nicht, nie wieder. Seitdem habe ich keinen BERLIN-MARATHON mehr verpaßt - allerdings aus einer anderen Perspektive. Ich bin eben zu langsam, um laufen und schreiben zu können.

(BERLIN-MARATHON 1984; 4:40 Std.)


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