42. BMW BERLIN-MARATHON am 27. September 2015

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Grigory Murzin und Monica Casiraghi gewinnen die “Königstour“ in Davos

Guter Auftritt der deutschen Läufer: Michael Sommer holt Rang zwei vor Thomas Miksch – Jutta Alter überraschend Dritte – Swiss Alpine Marathon mit neuer Rekord-Teilnehmerzahl – Im K 30 gibt es einen Berliner Sieg durch Anja Carlsohn

28.07.2003

Das Siegerinterview im Sportzentrum in Davos mit Grigory Murzin musste ausfallen, weil für den russischen Champion kein Dolmetscher parat stand. Die Antwort nach dem besten Ultraläufer in der Landschaft Davos hatte der Streckenrekordler auf der 78,5 km langen Distanz zwischen Filisur, Bergün, der Keschhütte und dem Scalettapass dafür um so eindrücklicher gegeben.

Gegen die läuferische Klasse des 33jährigen Streckenbesten, der im Mai gerade erst Europameister über 100 km geworden war, ist derzeit kein Kraut gewachsen, auch wenn er wegen einer Zehenverletzung vor allem bergab seine liebe Mühe hatte. Mit 5:54:43 Stunden lag die Konkurrenz, diesmal angeführt von den beiden deutschen Läufern Michael Sommer aus Oberstenfeld und Thomas Miksch aus Kempten, dennoch mindestens fünf Minuten zurück. Der als Mitfavorit gehandelte K42-Sieger des Vorjahres, der marokkanische Wüstenläufer Mohamad Ahansal, enttäuschte als Fünfter mit einem Rückstand von fünfzehn Minuten, allerdings musste er nach einem Fehler des Streckeneinweisers in Bergün einen kleinen Vorsprung gegenüber Murzin einbüßen und hatte von diesem Zeitpunkt an merkliche Probleme, die sich beim harten Aufstieg auf die 2632 m hohe Keschhütte in einen rasch anwachsenden Rückstand offenbarten.

Das Duell “Wüstenläufer gegen Pfarrherr und Doktor“ fand nicht statt!

Auch wenn die zehnfache Swiss Alpine Marathon-Siegerin Birgit Lennartz aus Verletzungsgründen für Erfolge beim Hochgebirgsspektakel derzeit nicht mehr sorgen kann, sind die deutschen Starter unter der Rekordkulisse von 4 646 Teilnehmern stets gut für Podiumsplätze. Auf der “Königstour“ über 78,5 km und einer Höhendifferenz von 2 300 m duellierten sich hinter dem zum dritten Male nach 2000 und 2002 in 5:54:43 Stunden siegenden Russen zwei Deutsche: Michael Sommer lief in seinem zwölften Start in Davos zu seiner besten Platzierung und bezwang den zuletzt hierzulande als Rennsteigsieger gefeierten Vorjahreszweiten Thomas Miksch. Die beiden Deutschen, anerkannte 100 km-Spezialisten mit internationaler Erfahrung, hatten sich in der Vorwoche sogar gemeinsam in St. Moritz mit täglichem 40 km-Laufprogramm auf diese Herausforderung in der Landschaft Davos eingestellt. “Das hat uns beiden geholfen“, ordnete Michael Sommer das Unternehmen ein. “Ich hatte von Anfang an Probleme mit der Flüssigkeitsaufnahme“, gestand dagegen Thomas Miksch, der als Oberarzt im Kemptener Krankenhaus fürwahr keine “ruhige Kugel“ schiebt, sondern mit Nacht- und Schichtdienst weder einen geregelten Tagesablauf geschweige denn einen stetigen Trainingsalltag kennt. “Beim Aufstieg zur Keschhütte hatte ich einfach diesmal keine Power. Über den Panoramatrail und dann bergab nach Dürrboden habe ich scheinbar aber Flügel bekommen, so dass ich bis auf 100 Meter an Michael Sommer heranlaufen konnte!“

Eine Schweizer Zeitung hatte das Duell hinter dem russischen Laufprofi Murzin mit den eher als Amateure geltenden Konkurrenten um die Stockerl-Plätze als Duell “Wüstenläufer gegen Pfarrherr und Doktor“ betitelt, doch die Rechnung hatten die Zeitungsleute ohne den Forstmann aus der Albregion gemacht, der schlichtweg über sich hinausgewachsen war. Sommer scheint mit 39 Jahren vor seiner bislang besten Saison zu stehen, schließlich wurde er im April bereits EM-Neunter über 100 km in persönlicher Bestzeit von 6:53:00 Stunden. Der heuer so richtig in die Schlagzeilen geratene Pfarrer Markus Kellenberger hingegen musste den großen Anstrengungen der vergangenen sechs Wochen kräftig Tribut zollen, denn nach dem LGT-Marathon in Liechtenstein und dem Graubünden-Marathon von Chur aufs Rothorn war beim Unternehmen Swiss Alpine Marathon der Akku doch leer geworden. Dennoch möchte der in Vaduz diensttuende Kirchenmann (mit Genehmigung seines Erzbischofs Wolfgang Haas) im kommenden Jahr ein besonderes Ziel neben seinem Dienst ansteuern: Bei der “Olympiade der Kleinstaaten“ möchte er den finanzkräftigen Zwergstaat über die Marathonstrecke vertreten, der Weg über das nominierende NOK ist schon bereitet, ein Problem könnte dabei lediglich die Norm sein. “Eine 2:30 sollte zu schaffen sein!“

Monica ist die Überraschung bei den Frauen – aber eigentlich doch keine!

Bei den Frauen war die Italienerin Monica Casiraghi die überragende Läuferin im Feld, die noch in der Pressekonferenz tags zuvor bei den Prognosen der Veranstalter (fast) keine Rolle gespielt hatte. Die Vizeeuropameisterin über 100 km ist jedoch als Tempobolzerin bekannt, die schon in Moskau mit einem Starttempo von unter drei Stunden für die Marathondistanz die Konkurrenz außer der russischen Siegerin Tatjana Zhyrkjova aus den Schuhen gelaufen war. Die zweitplatzierte Jasmin Nunige, übrigens aus Davos und vor ihrem Rücktritt 1997 eine feste Größe im Schweizer Skilanglauf-Nationalteam, bekannte im Ziel freimütig: “Die Italienerin habe ich nie gesehen, nicht einmal am Start!“ Monica Casiraghi drückte entsprechend auch derart auf das Tempo, dass sie bereits nach zehn Männern ins Ziel (!) einlaufen konnte. Als man ihr bei der Pressekonferenz die geringe Differenz auf den Lennartzschen Streckenrekord vorrechnete, da gab es für sie nur eine Antwort: “Dann komme ich nächstes Jahr wieder und greife diesen Rekord an!“ So einfach scheint dies zu sein, wenn man Casiraghi heißt. Als Vorbereitung auf das Abenteuer in Davos (“Ich habe mir übrigens die Strecke schwieriger vorgestellt!“) gewann sie “nebenbei“ noch den traditionsreichen 100er von Florenz. Auf Rang drei überraschte die 30jährige Julia Alter aus Viernheim, die die mitfavorisierten 100 km-Spezialistinnen Magali Maggolini und Elke Hiebl, die Vorjahreszweite aus Bodenmais im Bayerischen Wald, klar auf Distanz halten konnte. “Das Ergebnis überrascht mich, zumal ich angesichts der vielen gleichzeitig gestarteten Wettbewerbe total den Überblick verloren hatte.....“. Am Landschaftslauf hat sie längst Gefallen gefunden, denn nach dem LGT-Marathon und Davos steht der Jungfrau-Marathon längst in der Jahresplanung verzeichnet.

K 30-Sieg gibt Hoffnung für Anja Carlsohn aus Berlin

Für einen deutschen Sieg sorgte im Einsteigerrennen über 30 km (K 30) die Berlinerin Anja Carlsohn, die damit ihren Vorjahreserfolg wiederholte. “Das ist eine gute Basis für meinen Start beim real,- BERLIN-MARATHON“, freute sich Anja über ihre starke Leistung im Ziel, nachdem sie im Frühjahr bei den deutschen Marathonmeisterschaften in Duisburg nur aus “Trainingsgründen“ gelaufen war. Papa Carlsohn wollte ihr als Trainer da keineswegs wiedersprechen.

Andrang ungebremst

Auch bei der 18. Auflage ist der Andrang in Davos ungebremst. Trotz der zunehmenden Konkurrenz allerorten, schließlich ist unter anderem auch mit dem Graubünden-Marathon in unmittelbarer Nachbarschaft ein weiterer Landschaftslauf hinzugekommen. Nach dem Rekord im Vorjahr mit 4070 Anmeldungen legte man im Höhenzentrum Davos noch einmal fünfzehn Prozent dazu, so dass die neue Rekordmarke nun bei 4 646 steht. Schließlich weiß SAD-Chef Andrea Tuffli immer neue Wettbewerbe zu erfinden. Wie vor wenigen Jahren den Team-Wettbewerb (mit Mountainbike und einem anspruchsvollen Skating-Abschnitt auf der Asphaltstraße von Alvaneu Bad über Filisur hinauf nach Bergün), der sich auf 180 Teams (sprich knapp 900 Teilnehmer) gemausert hat. Und heuer mit dem C 42, einem “Einsteiger“-Marathon mit einem in der Tendenz abfallenden Streckenprofil von Davos über Filisur nach Bergün. Besonders für Tuffli, der übrigens für den K 42 selbst die Laufschuhe schnürte, um seine “Organisation auf Herz und Nieren zu überprüfen“, wie er sich scherzhaft im Vorfeld äußerte. Nacharbeiten werden die Organisatoren trotz aller Anerkennung der logistischen Meisterleistungen dennoch: Das “Nervenzentrum“ Bergün mit seinen engen Straßen und der Vielzahl der Wettbewerbe ist etwas überfordert, weil neben dem durchlaufenden K78 und dem Team-Wettbewerb der neue C 42 endet, zugleich aber auch der attraktive K 42 startet. Hier ist eine klare (am besten farbliche) Beschilderung vonnöten, die die Streckeneinweiser etwas entlasten kann. Einmal mehr Glück hatten die Tüchtigen in der Landschaft Davos mit dem Wetter, zumeist strahlendblauer Himmel ist eigentlich die “halbe Miete“ in der hochsensiblen Gebirgswelt. Und Garantie für ein Wiedersehen im Jahr 2004, wo ein Andrea Tuffli bereits von einer neuen Rekordteilnehmerzahl um fünftausend Laufbegeisterten träumen kann.....

Davos/ Sui (26.7.): Swiss Alpine Marathon:

Ergebnisse: K 78 (78,5 km/ HD +- 2320 m): Männer: 1. Murzin (Rus) 5:54:43, 2. Sommer (Ger/ Oberstenfeld) 5:59:08, 3. Miksch (Ger/ Kempten) 6:00:48, 4. Jaquerod (Sui) 6:01:17, 5. M. Ahansal (Mar) 6:10:41, 6. Schenk 6:18:33, 7. Knechtle (beide Sui) 6:29:26, 8. Sartori (Ita) 6:30:25, 9. Keller 6:33:57, 10. Babel (beide Sui) 6:42:42 ... 19. Gunzelmann (Ger/ Nürnberg) 6:57:16, 20. Schweitzer (Ger/ Michelstadt) 6:59:33, 22. Maith (Ger/ Idstein) 7:03:19 - Frauen: 1. Casiraghi (Ita) 6:47:55, 2. Nunige (Sui) 6:54:00, 3. Alter (Ger/ Viernheim) 7:03:29, 4. Maggolini (Ita) 7:16:16, 5. Hiebl (Ger/ Bodenmais) 7:21:33, 6. Keller (Sui) 7:29:14.

K 42 (Bergün-Davos, 42,2 km/ HD +1890/-1710 m): Männer: 1. Disassa (Eth) 3:10:05, 2. Horisberger (Sui) 3:25:51, 3. Stampanoni (Ita) 3:27:37 – Frauen: 1. Worku (Eth) 3:36:36, 2. Reiber (Sui) 3:38:43, 3. Abosa (Eth) 3:57:07.

C 42 (Davos-Bergün, 42,2 km/ HD +830 m/-990 m): Männer: 1. Christen 2:38:46, 2. Gschwend 2:53:11, 3. Seynaeve (Bel) 3:06:35... 9. Utermöhle (Ger/ Uslar) 3:24:28... 11. Philipp (Ger/ Hasel) 3:25:33 – Frauen: 1. Lareida 3:21:56, 2. Zuber 3:36:01, 3. Heeb (alle Sui) 3:38:11.

K 30 (Davos-Filisur, 30,8 km/ HD +390 m/-920 m): Männer: 1. Gächter 1:55:14, 2. Piccirillo 1:56:44, 3. Walser (alle Sui) 1:57:24, 4. Ouahioune (Ger/ Marburg) 1:58:02 – Frauen: 1. Carlsohn (Ger/ LG Nike Berlin) 2:02:43, 2. Bösch 2:14:00, 3. Widmer (beide Sui) 2:18:00.

Wilfried Raatz


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