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Wer kann die Siegesserie von Jonathan Wyatt noch stoppen?

Großer Auftritt des Neuseeländers beim Berglauf-Klassiker Sierre-Zinal – Verbesserung des Streckenrekords um fast zwei Minuten – 3000 Teilnehmer bei der 30. Auflage von Sierre nach Zinal im Schweizer Wallis

15.08.2003

Wer kann die Erfolgsserie des dreifachen Berglauf-Weltmeisters Jonathan Wyatt noch stoppen? Diese Frage muss sich die internationale Berglauf-Elite stellen, nachdem der Neuseeländer seit seiner Ankunft auf europäischem Boden neben den Grand-Prix-Rennen am Großglockner und im Stubaital noch die Bergläufe am Karwendel in Mittenwald und in Linz mit zumeist neuen Streckenrekorden gewinnen konnte. Den jüngsten Coup lieferte Jonathan Wyatt, der übrigens mit 27:56 über 10 000 m, 1:02:36 über Halbmarathon und 2:13:00 über die Marathondistanz exzellente “Flachdistanz“-Bestmarken“ aufzuweisen hat, nun beim über 31 km führenden Berglauf-Klassiker “Course des Cinq 4000“ von Sierre nach Zinal im Schweizer Wallis ab. In einem Temporennen par excellence konnte er nicht nur neun Minuten Vorsprung vor dem britischen Topläufer Billy Burns herauslaufen, sondern auch den seit 2001 bestehenden Streckenrekord des Mexikaners Ricardo Mejia um fast zwei Minuten auf nunmehr 2:29:12 Stunden zu steigern. Wyatt krönte letztlich mit diesem Rekordlauf die dreißigste Auflage des Berglauf-Klassikers, die mit fast dreitausend Startern einmal mehr eine Spitzenbeteiligung aufzuweisen hatte. Dreitausend Leute jubelten mit “standing ovations“ minutenlang im vollbesetzten Festzelt Jonathan Wyatt zu, als er vom “Course des Cinq 4000“-Chef Jean-Claude Pont als großartiger Sieger 2003 präsentiert wurde.

Das Jubiläum ließen sich die Verantwortlichen um den an der Genfer Universität lehrenden Mathematik-Professor Jean-Claude Pont vor Ort einiges kosten. So krönte der französische Chansonier Salvadore Adamo die Jubiläumswoche vor dem großartigen Laufereignis im ausverkauften Festzelt in Zinal. Eine tolle Geste übrigens auch, möglichst viele der früheren Sieger am Vortage auf der 2 441 m hohen Sorebois-Bergstation zu Tisch zu bitten. Im illustren Kreis versammelten sich somit insgesamt mit Pablo Vigil (USA), Pierre-André Gobet (Schweiz), Jairo Correa, Francisco Sanchez, Jairo Lopez (alle Kolumbien), Ricardo Mejia (Mexiko), Billy Burns (Groß-Britannien) sowie dem auf der wegen starker Schneefälle im Vorjahr siegreichen Jonathan Wyatt bei den Männern sowie Svetlana Netchaeva (Russland) bei den Frauen neun Cracks mit insgesamt achtzehn Siegen.

Das Geheimnis von Sierre-Zinal

Was ist nun das Geheimnis von Sierre-Zinal? Der viermalige Sieger Pablo Vigil, einst einer der erfolgreichen, großen Weltenbummler in Sachen Berglauf, heute 51jährig, Vater dreier Kinder und Grundschullehrer für Spanisch und Englisch, muss dazu kräftig ausholen, um die wesentlichen Argumente auf den Punkt zu bringen: “Als ich 1979 zum ersten Mal nach Europa und damit die Schweiz kam, war es wie im Traum. Die Berge mit ihrer Eleganz und Schönheit, aber auch den langgezogenen Steigungen waren völlig anders als bei uns zuhause in Colorado. Und Sierre-Zinal war einfach so verrückt, eine Strecke zum Sterben schön. Die Leute, die Kultur, das Essen und viele andere angenehme Sachen, Zinal hat mir eine neue Welt eröffnet!“ Pierre-André Gobet, zweifacher Sieger in den Jahren 1988 und 1989, lebt nahe Bulle im Wallis und ist als Gebietsmanager für eine europaweit operierende Firma im Medizinischen Gerätebau häufig unterwegs, beschrieb den Stellenwert ähnlich treffend: “Es ist etwas besonderes. Vielleicht wie Rom für die Katholiken, Mekka für die Moslems oder auf dem Gebiet des Sports Paris-Roubaix für den Radprofi ist Sierre-Zinal der Lauf für den Bergläufer! Die Strecke bietet einfach alles, eine Strecke zum Leben. Hier gewinnt keiner durch Zufall, du musst schon Topläufer sein, um vorne zu sein!“ Der Schweizer Laufveteran Albrecht Moser, neunundzwanzig Male am Start bei Sierre-Zinal (lediglich bei der Premiere musste er passen, da er für die Eidgenossen im Länderkampf-Trikot 10 000 m lief), brachte es auf seine Art auf den Punkt: “Sierre-Zinal ist mehr als ein Lauf. Jeder flucht im Ziel, weil die Beine schmerzen, aber sie kommen alle wieder. Es ist eine Krankheit!“ Das journalistische Urgestein Yves Jeannotat kennt sie alle, die großen Läufe der Szene, weltweit. Sein Urteil hat nicht nur in der französisch-sprachigen Westschweiz Gewicht: “Es ist der erste Lauf über lange Distanzen gewesen. Selbst Asse wie Thompson oder Roelants sind noch während ihrer Hochzeit hierher gekommen und haben die einmalige Atmosphäre genossen. Es ist eine Synthese zwischen Normal und Extrem. Wenn dieser Lauf heute geschaffen werden würde, er hätte keine Chance mehr. Tradition kann man nicht durch andere Komponenten wettmachen!“

Wyatt: “Jungfrau-Marathon wird die Challenge!“

Für Jonathan Wyatt, der die Bergabpassagen nur höchst ungern läuft, ist Sierre-Zinal dennoch eine Herausforderung der besonderen Art geworden, auch wenn er fast 1000 Höhenmeter bergab laufen muss. “Ich muss zugeben, dass es mich überrascht hat, ohne Probleme einen so klaren Vorsprung herauslaufen zu können. Bergab habe ich mich geschont, auch wenn ich dadurch etwas Zeit eingebüßt habe!“ Der Neuseeländer, der wegen des Bergauf-Bergab-Charakters heuer keinen Start beim Weltchampionat nahe Anchorage eingeplant hat, ist für die internationale Anerkennung des Berglaufens ein entscheidender Sympathieträger. Nach den Grand-Prix-Rennen in Susa und Zermatt plant er allerdings schon in wenigen Wochen den nächsten Coup: Beim großartigen Jungfrau-Marathon wird er am 6. September gegen den Weltklasse-Marathonmann und dem im Vorjahr in Streckenrekordzeit siegenden Äthiopier Tesfaye Eticha treffen. “Das wird eine echte Challenge. Der Streckenrekord wird dabei sicherlich fallen!“

Ex-Radprofi Charriere überrascht als Vierter die Spezialisten! Doch zurück zum Jubiläum des Klassikers Sierre-Zinal. Hinter Wyatt, der zeitweise mit mehr als vier Minuten unter der Streckenbestmarke lief, attackierten sich die Großen der Szene. Billy Burns gewann letztlich das spannende Duell mit dem entthronten Streckenbesten Mejia, dem früheren Jungfrau-Marathon-Sieger Maati el Chaam, dem Graubünden-Marathon-Sieger Martin Cox, dem früheren Berglauf-Weltmeister Lucio Fregona oder den laufstarken Äthiopiern Fikadou Bekele oder dem Davoser K 42-Sieger Dissassa Dabessa. Gegen diesen Showdown der männlichen Cracks verblasste freilich das Rennen der Frauen, bei denen die ebenfalls in Davos schon über die Marathondistanz erfolgreiche Tsiege Worku einen hauchdünnen Sieg gegen die überraschend stark auftrumpfende Angeline Joly aus dem Jura landen konnte.

Überraschend hingegen das Comeback der inzwischen in Zinal lebenden Isabella Crettenand-Moretti auf Rang vier der Frauen-Gesamtwertung. Zwillingsschwester Christine hingegen versuchte sich im “Touristenlauf“, der dreieinhalb Stunden zuvor gestartet wurde, mit Erfolg als Kategorienerste. Überhaupt zeigten sich die Schweizer auf ureigenem Terrain in guter Form. Während allesamt der aus dem nur sechs Kilometer von Zinal entfernten Ayer als Lokalmatador als Geheimfavorit auf den Titel “Bester Schweizer“ gehandelt wurde, wuchs Christian Charriere mit der Startnummer 636 weit über sich hinaus und holte sich als Vierter sogar noch ein stattliches Preisgeld. Der 28jährige aus Vaulruz ist allenfalls als Radprofi ein Begriff. Doch – ohne Anstellung in einem der finanzkräftigen Rennställe lässt es sich auch in der Schweiz nicht mehr anständig überleben, so dass die Geländelaufvariante aus der Abteilung Kraftausdauer eine durchaus erfolgsversprechende Alternative sein kann. 700 Schweizer Franken gab es auf dem Podium in Zinal schon einmal....

Wilfried Raatz

30. Course des Cinq 4000/ Sierre-Zinal (10.8./ Länge : 31,0 km/ HD +2000/-1000 m) :

Männer : 1. Wyatt (Nzl) 2 :29 :12, 2. Burns (Gbr) 2:38:24, 3. El Chaam (Mar) 2:41:16, 4. Mejia (Mex) 2:41:43, 6. Epiney (Sui) 2:42:01, 7. Ancay (Sui) 2:42:03, 8. Fregona (Ita) 2:43:04, 9. Low (USA) 2:43:51, 10. Brown (Gbr) 2:45:28, 11. Padua (Col) 2:47:14, 12. Bekele (Eth) 2:50:38, 13. Masserey (Sui) 2:50:34, 14. Dabessa (Eth) 2:51:57, 15. Vaudan (Sui) 2:52:29, 16. Mucheru (Ken) 2:52:48, 17. Colomer (Esp) 2:53:41, 18. Cox (Gbr) 2:55:19, 19. Sanchez (Col) 2:55:30, 20. Hänni (Sui) 2 :56 :03….. 44. Frei (Ger/ Freiburg) 3:09:03, 200. Hofmann (Ger/ Pfungstadt) 3:52:31, 219. Bohsmann (Ger/ Dettingen) 3:55:48, 239. Berger (Ger/ Bayreuth) 3:59:15, 264. Zöller (Ger/ Hösbach) 4:03:13, 267. Jokisch (Ger/ Darmstadt) 4:03:24, 301. Philippen (Ger/ Selfkant) 4:09:18, 336. Heitzenröder (Ger/ Reinheim) 4:15:53.

Frauen: 1. Worku (Eth) 3:16:07, 2. Joly (Sui) 3:17:08, 3. Etzensperger (Sui) 3:20:22, 4. Crettenand-Moretti (Sui) 3:22:22, 5. Leserboiser (Fra) 3:22:49, 6. Capt (Sui) 3:27:26, 7. Defrancesco (Sui) 3:39:24, 8. Raeber-Burgdorfer (Sui) 3:40:26, 9. Borcard (Sui) 3:40:48, 10. Lusk (USA) 3:41:23…. 14. B. Stinner (Ger/ Wissen) 3:48:17, 29. K. Stinner (Ger/ Wissen) 4:09:52, 67. Dir (Ger/ Freiburg) 4:57:02.

Weitere Resultate unter www. Datasport.com oder www.sierre-zinal.com


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