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WM-AKTUELL: Adere Berhane stürmt zum 10.000-m-Gold

Spannung bei ersten Laufentscheidung

23.08.2003

In einem atemberaubenden 10.000-m-Finale hat sich am Ende die Äthiopierin Berhane Adere die erste Lauf-Goldmedaille bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften von Paris gesichert. Adere siegte in der drittschnellsten Zeit aller Zeiten und stellte mit 30:04,18 Minuten nicht nur eine Jahresweltbestleistung auf sondern auch einen Meisterschaftsrekord und einen Afrikarekord. Die 30-Jährige, die in Detmold bei Manager Volker Wagner trainiert und eine Trainingspartnerin von Tegla Loroupe ist, krönte damit ihre bisherige Laufbahn eindrucksvoll. Lediglich die Chinesin Wang Yunxia (29:31,78 Minuten/1993) und Paula Radcliffe (Großbritannien), die bei der EM von München vor einem Jahr 30:01,09 Minuten gelaufen war, sind jemals schneller gewesen als Adere in Paris. Silber sicherte sich in einem packenden Zweikampf Aderes Landsfrau Worknesh Kidane in 30:07,15 Minuten vor der Chinesin Sun Yingjie, die nur fünf Hundertstelsekunden Rückstand hatte. Vierte wurde Lornah Kiplagat (Kenia) in 30:12,53.

Ein hohes Tempo hatte dieses 10.000-m-Finale von Beginn an. Nach 2:59,62 Minuten war der erste Kilometer gelaufen und das Feld zog sich immer weiter auseinander. Obwohl Paula Radcliffe nicht dabei war – die Britin hatte nach Verletzungs- und Krankheitsproblemen in der Folge des London-Marathons nicht mehr rechtzeitig eine gute Form aufbauen können – wurde es also schnell. Nachdem anfangs die Ungarin Aniko Kalovics geführt hatte und das Feld in 2:59,62 Minuten durch die 1000-m-Marke geführt hatte, übernahm die Chinesin Sun Yingjie die Initiative. In einem Stil, der an einen Roboter erinnerte, zog die 25-Jährige um die Bahn.

Es war genau zehn Jahre her, als bei der WM in Stuttgart die Chinesinnen die Läuferwelt schockten, weil sie unglaubliche Zeiten liefen und die Entscheidungen über 3000 und 10.000 Meter dominierten. Anschließend brachen sie Weltrekorde über 1500, 3000 und 10.000 m. Diese Zeiten sind bis heute unerreicht. Allerdings gab es viele Doping-Spekulationen rund um die Läufergruppe von Trainer Ma Junren. Nun also lief Sun Yingjie in einem ähnlichen Stil wie damals in Stuttgart ihre Landsfrauen. Sie kommt zwar aus der gleichen Provinz wie damals die Läuferinnen von Trainer Junren, aber er ist nicht ihr Coach.

Bis fast zur 5000-m-Marke führte Sun Yingjie – und inzwischen waren nur noch drei Konkurrentinnen verblieben: Berhane Adere und Worknesh Kidane (beide Äthiopien) sowie Lornah Kiplagat (Kenia), die nunmehr die Führungsarbeit übernahm. Adere und Kidane verfügen beide über einen starken Endspurt, ihnen war es also recht, dass das Tempo etwas nachließ. Nach 15:06 Minuten war die 5000-m-Marke passiert, nach 18:07,25 die 6000 m. Kurz darauf gab die Titelverteidigerin auf: Derartu Tulu, zweifache Olympiasiegerin über diese Strecke, ging von der Bahn.

Nachdem zwischenzeitlich Berhane Adere – Trainingspartnerin von Tegla Loroupe in Detmold – die Initiative ergriffen hatte, wechselte die Führung innerhalb der Vierergruppe öfter. Sun Yingjie, deren Sponsor die chinesischen Eisenbahnen sind, ging auch zeitweilig wieder nach vorne. Sie hat übrigens eine Weltklasse-Marathonbestzeit von 2:21:21 aus dem vergangenen Jahr.

Nachdem 9 km in 27:14,06 Minuten gelaufen waren, lag das Quartett immer noch gemeinsam an der Spitze. 750 Meter vor dem Ziel kam ein weiterer Vorstoß von der Chinesin, doch Berhane Adere heftete sich trotz des unglaublich hohen Tempos – der letzte Kilometer wurde in 2:50,12 Minuten gelaufen – an die Fersen der Chinesin, und hinter ihr liefen Kidane und Kiplagat. So ging es in die letzte Runde. Und dann konnte Adere nochmals zulegen. Ihrem Antritt war schließlich 250 Meter vor dem Ziel keine mehr gewachsen. „Das ist meine normale Taktik, 250 Meter vor dem Ziel den Spurt anzuziehen. Ich habe so lange gewartet. Aber in den anderen Rennen ist das Tempo vorher nie so hoch gewesen“, erklärte Berhane Adere. „Ich freue mich sehr über diesen Sieg.“

Über zwei Mittelstrecken standen zuvor die Vorläufe auf dem Programm. Eine Überraschung gab es dabei schon vor dem ersten 1500-m-Rennen. Denn der Kenianer Bernard Lagat, der in Bestform sogar zu den Titelaspiranten gehört hätte, verzichtete auf seinen Start. Souverän setzte sich in seinem Vorlauf Titelverteidiger Hicham El Guerrouj durch. Der Marokkaner rannte für seine Verhältnisse gemütliche 3:42,24 Minuten. El Guerrouj möchte in Paris für ein Novum in der WM-Geschichte sorgen. Er könnte als erster Athlet sowohl über 1500 m als auch über 5000 m eine Medaille gewinnen. Mehdi Baala, die französische Medaillenhoffnung über 1500 m, kam als Zweiter seines Vorlaufes ohne Probleme in die nächste Runde. Deutsche Läufer waren hier nicht am Start.

Anders ist das im 800-m-Lauf der Frauen. Mit Claudia Gesell gibt es hier eine Läuferin, die durchaus auch im Finale eine gute Platzierung erreichen könnte – vielleicht sogar mehr, denn die Hallen-Weltrekordlerin Jolanda Czeplak (Slowenien) hat verletzungsbedingt auf ihren Start verzichtet. Gesell lief im Vorlauf mit Titelverteidigerin Maria Mutola (Mosambik) und wurde hinter der großen Gold-Favoritin Zweite in 2:01,06 Minuten. Es war ein Lichtblick an einem Tag, bei dem es für die deutsche Leichtathletik nicht gut aussah. Ebenso kein Problem hatte Stephanie Graf (Österreich). Sie gewann ihren Vorlauf in 2:03,39 Minuten.

Jörg Wenig


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