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Dieter Baumann hört auf: Die Energie war weg

Langstreckler Dieter Baumann beendet überraschend schon am nächsten Sonntag seine Karriere

10.09.2003

Artikel © Robert Hartmann

Tübingen.- Ich höre auf! Dieter Baumann fiel mit der Tür ins Haus. Schon im ersten Satz war die Überraschung perfekt. Er war gerade von einem einwöchigen Urlaub in Viareggio in Norditalien heimgekehrt, und in Wahrheit hatte der 5000-m-Olympiasieger von Barceonla 1992 sich noch einmal auf die Suche nach der alten Lust begeben, der Laufkunst, wie er gern sagt. Ohne sie ist sein Beruf nur ein Job, ist er nicht von Belang. Der Schwabe war immer ein Schwärmer. Ohne das Laufen, das lockere und das ambitionierte, konnte er sich sein Leben nicht vorstellen. Das Wort von der Berufung war nicht zu groß.

Er erzählte, dass er in Viareggio den Umfang an laufend zurück gelegten Kilometer schließlich hoch geschraubt habe. Das verdichtete sich schließlich zum ultimativen Test, mit offenbar eindeutigem Resultat. Ich muss sagen, rief er sich am Montagvormittag seine Gefühle noch einmal zurück, die Energie war weg.

Das Wettkampf-Restprogramm: gestrichen. Über die Verträge, sagt er, habe er mit seinen Partnern schon gesprochen. Sie werden aufgelöst. Für ihn wird es keinen Marathon mehr am 2. November in New York geben, auf den er sich seit Monaten intensiv vorbereitete. Dafür war der Veranstalter Allan Steinfeld im Mai extra zu den deutschen 10 000-m-Meisterschaften in München eingeflogen. In einer kleinen Pressekonferenz erhielt Baumann damals schon seine Startnummer überreicht. Schließlich werden die Olympischen Spiele in Athen 2004 als Ziel gestrichen. Er war ja nicht nur Olympiasieger. Mit 23 verblüffte er in Seoul 1988 schon mit der Silbermedaille über 5000 m, und trotz einer schwierigen Vorbereitung erzielte er in Atlanta den vierten Platz. Darauf ist er besonders stolz. Wenn er jetzt sagte: Dieses Athen ist unbedeutend geworden, das kann sich ein ehrgeiziger Junger vielleicht nicht vorstellen. Dann brannte er nicht mehr.

Mit seiner Aufgabe während der 10000 m bei den Weltmeisterschaften in Paris am 24. August hatten die Zweifel am Sinn seines Tuns begonnen. Vorgenommen hatte er sich einen Platz zwischen sechs und acht. Einmal kann man sich so etwas wie in Paris erlauben stellt er jetzt nüchtern fest. Eine zweite Aufgabe würde seinen guten Ruf anhaltend beschädigen. Immerhin ist er 38, und seiner Frau Isabelle, mit der er seit elf Jahren verheiratet ist, sie ist auch seine Trainerin, unkte neulich spöttisch über sein fortgeschrittenes Alter: Jetzt sind sogar die Diskuswerfer jünger als du. Aber da lief er noch weiter und konnte nicht anders: Er hatte noch einen unfassbaren Überschuss an Spaß, Lust und Laune. Jedoch, wenn er tief in sich hinein horchte, galt dies nur noch für die Trainingsläufe. Nicht mehr für die Wettkämpfe. Ich vermisste in mir schon länger die Aggressivität.

Baumann ist ein Bauchmensch. Er war einer, der beim Saisonhöhepunkt über sich hinaus wuchs. Der altbewährte Rhythmus scheint ihm abhanden gekommen zu sein. Beim 7,6 km langen Stadtlauf von Tübingen, wo der Schwabe seit einigen Jahren mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt, wird er am Sonntagnachmittag sein Ade sagen. Es überrascht nicht, dass der gern auch weiße Kenianer genannte Schwabe zwei Weggefährten aus Afrika anführt, wenn er von seinen geschätzten letzten Gegnern spricht. Von Laban Chege aus Kenia und Tendai Chumusasa aus Simbabwe. Der gelernte Fotolaborant ist in ihrem so andersartigen Kulturkreis bei zahlreichen Reisen heimisch geworden. Das ist nicht der geringste Gewinn, den er seiner Laufzeit verdankt.

Der Schwabe hält die deutschen Rekorde von 3000 m (7:30,50 Minuten), 5000 m (12:54,70) und 10000 m (27:21,53). Während er bei den Weltmeisterschaften Vierter, Neunter und Fünfter wurde, gewann er bei den Europameisterschaften über 5000 m in Helsinki 1994. Aus der heutigen Sicht sorgte er für einen krönenden Abschluss mit dem Silber über 10000 m in München 2000. Vierzigmal wurde er als Deutscher Meister ausgerufen. Wahrscheinlich, sagte er einmal. Er zählte nicht mehr mit.

Seine schwärzesten Stunden erlebte Baumann nach seinem dubiosen Dopingfall. Im Oktober und November 1999 wurden in einer Zahnpastatube Spuren des Anabolikums Nandrolon gefunden. Sie waren zu gering, um überhaupt seine Muskeln zu erreichen, doch deutlich genug, um ihn im Labor zu überführen. Danach entspann sich eine Art von Glaubenskrieg zwischen Baumann-Anhängern und Gegnern, der sich bis in die Sport- und ordentliche Gerichtsbarkeit fortsetzte. Während die Sportrichter seines Verbandes ihn freisprachen, bestraften ihn deren Kollegen mit einer Zweijahressperre. Das endgültige Urteil erging an ihn in Sydney, im Olympiaort 2000, am Tag vor der Eröffnungsfeier. Der Athlet war am Boden zerstört, und er hatte auch später keinen Erfolg bei seiner Anrufung deutscher Berufsrichter, in Landes- und Oberlandesgerichten. Sie hielten seine Behandlung im Bereich des Weltdachverbandes IAAF für einigermaßen ausreichend. Schließlich gab er auf, und inzwischen durfte er auch wieder Wettkämpfe bestreiten.

Baumann kehrte im Winter 2002 zurück, als sei er nie weg gewesen. Damit lieferte er das stärkste Argument für seine Unschuld nach. Doch wer ihn reinlegte, was er immer wieder behauptet, ist nie heraus gekommen. Im nächsten Jahr wird ein Spielfilm zu seinem Fall entstehen, der im kommenden Sommer vor Athen in der ARD ausgestrahlt werden soll. Er ist ein charismatischer Typ, ein Vorläufer der Nation, er hat immer ein großes Medieninteresse geweckt.

Beruflich habe ich es im Moment nicht eilig, sagt er. Zur Zeit schreibt er an einem Laufbuch, sein Sportartikel-Sponsor wird ihm im Freizeitbereich einspannen, in der Fachzeitschrift Runners World schreibt er regelmäßig Kolumnen, er leitet Lauf-Seminare. Ich würde gern irgendwann einen anderen Hauptberuf haben, irgendwo im Sport, sagt er. Mit dem weltgewandten Schwaben geht eine Ära auf den roten Bahnen zu Ende. Ein deutscher Nachfolger ist nicht in Sicht, und so einer wie er schon gar nicht.


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