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Dieter Baumann zu seinem Abschied und seiner Zukunft

Interview mit Dieter Baumann

18.09.2003

Wie ist es zu der Entscheidung gekommen, sich aus vom aktiven Wettkampfsport zu verabschieden und die erfolgreiche Karriere gerade in dieser Phase zu beenden?

Baumann: So eine Entscheidung trifft man nicht aus dem Bauch heraus und hat im Prinzip mit dem Abschneiden bei einem Wettbewerb nichts zu tun. Es ist eine Entscheidung, die man nicht in einem Augenblick fällt, sondern eine, die reift. Und ich weiß, dass diese Entscheidung bereits während des Trainingslagers in Kenia im Januar zu reifen begann. Dort ist eine alte Verletzung wieder ausgebrochen, die mich während der gesamten Saison begleitet hat. Ich musste feststellen, dass ich mich in einem Stadium befinde, in dem ich die Verletzungen nicht mehr so wegstecke wie ich das vielleicht vor ein paar Jahren getan habe. Ich habe gemerkt, hoppla, diese Verletzung ist anders und ich muss auch anders damit umgehen. Es kommt die Alterskomponente dazu, denn als junger Athlet ist es doch eigentlich kein Problem, weil man die Zeit hat, das auszukurieren und dann wieder einzusteigen. Und mir war schon klar, dass ich in meinem Alter diese Zeit nicht mehr habe, einfach ein halbes Jahr auszusetzen.

18 Jahre Hochleistungssport, viele Höhen, einige Tiefen. Haben Sie sich Ihren Rücktritt von der sportlichen Bühne so vorgestellt?

Baumann: Im Grunde genommen habe ich mir das immer folgender Maßen vorgestellt: Als junger Athlet hat man begonnen, hat den ersten Schülerwettkampf gewonnen, hat weitere Erfolge gefeiert, es lief ganz gut und wurde besser und besser. Irgendwann war man dann Mitglied der Leichtathletik-Familie und hat seine Karriere weiterentwickelt. Ich habe immer gedacht, dass es auch schön wäre, so auszusteigen: Man macht ein paar Rennen, startet bei weiteren Rennen und irgendwann merkt der Zuschauer gar nicht mehr, ob es den Baumann nun gibt oder nicht. Man löst sich wieder in Luft auf, so wie man auch gekommen ist.

In meinem Fall ist das natürlich sehr schwierig, weil ich bekannt bin und der Fokus auf mich gerichtet ist. Daher wähle ich jetzt diesen Weg zu sagen: Mein Abschied ist beim Lauf in Tübingen, weil es meine Heimatstadt ist.

Trotzdem wird der Rücktritt für viele überraschend sein.

Baumann: Ich habe nach Paris noch mal versucht, für meinen Start beim Marathon in New York ins Training zu kommen. Aber ich merke, dass ich keinen Schwung mehr habe. Ich finde einfach keinen Tritt mehr und merke, dass ich die Vorbereitung, wie ich sie für New York geplant hatte, nicht mehr machen kann. Deshalb habe ich mich auch entschieden, New York nicht zu laufen, mit der Konsequenz, gar nicht erst in die Vorbereitung für nächstes Jahr zu gehen.

Für Sie scheint diese Entscheidung gar nicht mal so überraschend zu klingen wie es sicherlich für das Gros der Fans sein dürfte.

Baumann: Man muss das doch mal relativieren. Es wurde immer sehr viel in den Medien darüber spekuliert, wann Dieter Baumann seinen Rücktritt bekannt geben wird. Bei jedem Wettkampf, der einigermaßen gut lief, hat man geglaubt, jetzt würde ich die Gunst der Stunde nutzen und mich verabschieden. Und als es ganz schlecht lief, wie in Paris hat auch jeder gesagt, "jetzt reicht es aber, und er tritt zurück".

War denn Paris nicht doch der entscheidende Tropfen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat?

Baumann: Nein. Ich will das nicht an einem Wettkampf festmachen, denn so einen Entschluss trifft man nicht über Nacht. Aber an Ihrer Frage ist etwas Wahres dran, denn wenn man sagt "der Tropfen zum Überlaufen", sieht man doch schon, dass es nicht mehr viel gebraucht hat. Die Form in Paris stand in keinem Verhältnis zu meiner Vorbereitung und den guten Ergebnissen von Berlin und Zürich. Ich habe in diesem Jahr für meine Verhältnisse sehr viel trainiert und sehr viel gearbeitet. Nur wenn ich dann sehe, dass der Ertrag nicht meine eigenen Erwartungen erfüllt, bin ich mittlerweile bedingt durch mein Alter und meine Erfahrungen in der Position, wo ich sagen kann: "Leute, die Zeit ist da!". Diese Erkenntnis ist weit wichtiger als das Ergebnis eines einzelnen Rennens.

Trotzdem haben Sie im Vorfeld einige Erwartungen geschürt. Glauben Sie nicht, dass Sie mit Ihrem Rücktritt heute auch viele enttäuschen werden?

Baumann: Also zunächst enttäusche ich mich doch selbst. Aber ich habe selbstverständlich auch mit den Organisatoren in New York telefoniert, die mich gebeten haben, meine Entscheidung zu überdenken, schließlich seien noch zwei Monate Zeit. Für mich ist aber der eigene Anspruch das Entscheidende. Noch vor einiger Zeit hätte ich gesagt, es ist alles auf dem richtigen Weg. Aber bei mir ist inzwischen der Faden in der Vorbereitung gerissen. Ich bräuchte nun sehr lang, diesen Faden wieder aufzunehmen. Diese Zeit habe ich nicht. Was New York angeht, es geht mir nicht allein darum, Marathon zu laufen, sondern darum, vorne mitzulaufen. Dieses Ziel hatte ich mir gesetzt. Ich bin nicht bereit, mich mit einer Zeit von 2:20 h zufrieden zu geben. Es gibt für mich da keine Zwischentöne.

Ein großer Sportsmann tritt ab. Die Leichtathletik verliert eines ihrer Aushängeschilder. Wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?

Baumann: (lacht) Also ich sterbe ja nicht, ich lebe ja noch. Nein, im Ernst, ich habe die Hoffnung, dass man mich respektiert, wie ich bin. Ich denke, dass ich niemandem etwas Böses getan habe. Ich hoffe, dass der ein oder andere durch meine Wettkämpfe schöne Momente hatte. Ich hatte sie in jedem Fall und ich möchte nichts von dem missen, was ich in den 18 Jahren Hochleistungssport erlebt habe.

Wenn es um Laufsport in Deutschland geht, kommt man an Dieter Baumann nicht vorbei. Wird das auch nach Ihrem Karriereende so bleiben?

Baumann: Ich höre ja nicht mit dem Laufen auf, sondern nur mit den Wettkämpfen. Natürlich werde ich weiter laufen. Ich werde es mir doch nicht nehmen lassen, bei dem ein oder anderen kleineren Lauf vorne in der ersten Reihe zu stehen. Wenn ich Lust habe, einen Halbmarathon oder einen Zehner zu laufen, dann mache ich das. Der Unterschied zu vorher ist, dass ich ihn natürlich anders laufen werde, als man das bislang von mir gewohnt ist. Das werden für mich Erlebnisläufe sein.

Darüber hinaus bin ich seit 12 Jahren bei ASICS, die ja nun genauso für das Laufen stehen. Zusammen mit meinem langjährigen Ausrüstungspartner möchte ich das Thema Laufen weiterentwickeln.

Interview: ASICS


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