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Der Ohnmacht nahe, aber Olympiasieger: Thomas J. Hicks

Der Amerikaner gewann in St. Louis 1904 nach einem unglaublichen Rennen die Goldmedaille im Marathon

22.09.2003

Dass der 26 Jahre alte Amerikaner Thomas J. Hicks vom Verein Christlicher Junger Männer in St. Louis 1904 nicht nur den olympischen Marathon überlebte, sondern ihn auch noch gewann, gehört zu den dramatischsten Geschichten der Sporthistorie. Im Frühtau der Moderne hatten sie es als schillernde Blickfänger allerdings leichter als heute, da der Wettkampfbetrieb in geordnete Bahnen übergegangen ist. Schon die Zeit des Siegers, 3:26:53 Stunden für 25 Meilen oder rund 40 Kilometer, kann nur noch eine blasse Ahnung von den durchlittenen Abgründen tiefster Erschöpfung wiedergeben. Zuletzt war Hicks der Ohnmacht nahe, vielleicht auch dem Sterben. Wir übertreiben nicht. "Es wäre unangemessen, in den Ereignissen allein nach Kauzigem, Verrücktem - oder sogar Lächerlichem zu suchen. Die handelnden Personen sind heute für die meisten ihrer Fehler entschuldigt. Denn sie wussten nicht, was sie taten. Selbst als sie dopten, taten sie es im guten Glauben. Zwar heißt es im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sei den Dauerläufern bei einem neugierig gewordenen Publikum schon ein hübscher Heldenstatus zugewachsen. Aber die Lehre des langen Laufes steckte noch in den Kinderschuhen." Hicks Trainer hielt die Ereignisse um den olympischen Marathon amgnadenlos heißen 30. August 1904 in einem spannenden Aufsatz fest. Daraus ragt nun also ein Satz mit einem Gedanken heraus, der wie ein verderblicher Irrläufer über die Zeilen rennt.

Zitat: “Der Marathonlauf zeigte vom medizinischen Standpunkt deutlich, dass Drogen für die Athleten bei einem Straßenlauf von großem Nutzen sind." (zitiert aus der “Geschichte der Olympischen Leichtathletik - 1. Band", mit freundlicher Genehmigung desBerliner Autors Ekkehard zur Megede). Es war schon nach 24 Kilometern, als Hicks zusammenzubrechen drohte. “Er bat um ein Glas Wasser, aber ich verweigerte es ihm. Ich gestattete lediglich, den Mund mit destilliertem Wasser auszuspülen." Die einzigen Wohltaten, die er dadurch gewann, konnten nur ein kurzes Verweilen und die Ruhe gewesen sein. Danach trottete der Läufer weiter. Bei Kilometer 27 "sah ich mich gezwungen, ihm ein tausendstel Gramm Strychnin mit einem Eiweiß einzuflößen. Obwohl wir auch französischen Cognac bei uns hatten, verzichteten wir darauf, ihm noch weitere stimulierende Mittel zu geben". In Wahrheit gipfelte die Wohltat allein darin, den Sportler nicht augenblicklich vom Leben zum Tod befördert zu haben. "Ein paar Minuten später sah sich der in bester Absicht misshandelte Schmerzensmann ein zweites Mal auf seine klapprigen Beine gestellt, und danach balancierte er mit glasigen Augen, jedoch geleitet von einem fürsorglichen Schutzengel, wieder an seiner völligen Austrocknung entlang. Währenddessen holten ihn die Betreuer aus seiner bleiern gewordenen Müdigkeit mit lautem Schreien heraus und trieben ihn bangen Herzens seiner sportlichen Unsterblichkeit entgegen.

“Als Hicks die 20-Meilen-Marke passierte," Kilometer 32, “war sein Gesicht aschfahl, so dass wir ihm noch einmal ein tausendstel Gramm Strychnin, zwei Eier und einen Schluck Brandy gaben. Außerdem rieben wir den ganzen Körper mit warmem Wasser ab, das wir in einem Boiler in unserem Automobil hatten." Nach diesem rettenden Bad erholte sich Hicks ausreichend genug, damit er wenigstens sein bescheidenstes Ziel ansteuern konnte: die Ankunft in Unversehrtheit. Immerhin war der antike Bote Phaidippides, der 490 vor Christus den Sieg der Athener über die Perser auf dem Marktplatz kund gab, tot zusammen gesunken. Das ist zwar eine Legende, in Szene gesetzt von dem römischen Geschichtsschreiber Plutarch. Aber jeder Leser erkannte sofort den wahren Kern in der Anekdote. Die Menschen waren, acht Jahre nach der Wiedereinführung der Olympischen Spiele in Athen 1896, immer noch auf alles gefasst.Auf den letzten drei Kilometern lief der Führende, allein diese herausgehobene Platzierung rechtfertigte die aufgebotene Hektik hinreichend, “nur noch mechanisch – wie eine gut geölte Maschine. SeineAugen verloren jeden Glanz, das Gesicht war blutleer, die Arme hingen schlaff herab, und Hicks vermochte kaum noch die Beine vom Boden zu heben, die Knie wirkten völlig steif. Er war bei Bewusstsein, doch plagten ihnHalluzinationen. So wurde die letzte Meile zu einer einzigen Qual. Nachdem er noch zwei Eier zu sich genommen hatte, erneut gebadet worden war und einen zusätzlichen Schluck Brandy erhalten hatte, ging er mühsam die letzten beiden Hügel vor dem Ziel hinauf und schaffte es."

Im Angesicht der sich überstürzenden Ereignisse waren drei und eine halbe Stunde nicht einmal eine zu lange Zeit, und niemand hielt es mehr für wichtig, auch das hinter dem Ersten abrollende Geschehen zu erzählen. Es musste ja einige gute Gründe haben, weshalb die beiden Amerikaner Albert Corey 5:59 Minuten und Arthur Newton sogar 18:40 Minuten länger brauchten.Die im Stadion “Physical Culture" versammelten Zuschauer empfingen diese erschöpfte Kreatur am Ende ihres Kalvarienbergs jedoch nicht mit dem erwarteten und auch gebotenen patriotischen Hurra. Sondern es war das Mitleid, das ihren Respekt deutlich überwog. Sie klatschten deshalb so entspannt, weil sie immer noch Fred Lorz anhimmelten. Alice, die Frau des US-Präsidenten Theodore Roosevelt, wollte ihn gerade als den dritten Marathon-Olympiasieger moderner Zeitrechnung beglückwünschen. Noch ahnte niemand, dass seine körperliche Verfassung deshalb gefiel, weil er schon nach 14 km mit einem Muskelkrampf in ein Auto gestiegen war, das er kurz vor dem Ziel verlassen hatte, um die letzten Meter wieder zu Fuß zurück zu legen. So wurde er der "närrische Sieger". Später bezeugten seine Kollegen, dass er ein Witzbold war.

Im darauf folgenden April gewann Lorz dann den Boston-Marathon. Dieses 1897 eingeführte und mittlerweile in eine eherne Tradition gegossenes Ereignis konnte mit der Bedeutung Olympias gleich gesetzt werden. Hier versuchte Hicks übrigens viermal sein Glück, und er belegte zweimal den zweiten Platz, einmal den sechsten und einmal gab er auf. Seine beste Zeit erzielte er im Frühjahr 1907, mit 2:39:43 Stunden für die vierzig Kilometer. Danach verzichtete er auf eine zweite olympische Bewerbung und überhaupt hatte er genug. Der Platz in der Ahnengalerie war ihm jedoch schon seit 1904 gewiss, als die Olympische Spiele zum ersten Mal über den Großen Teich nach Amerika übersetzten.

Robert Hartmann

Die Ergebnisse des olympischen Marathonlaufes von 1904


1. Thomas Hicks (USA) 3:28:53
2. Albert Corey (USA) 3:34:52
3. Arthur Newton (USA) 3:47:33

Weitere Zeiten wurden nicht gestoppt, bzw. sind nicht mehr bekannt. Die weitere Reihenfolge (14 Läufer erreichten das Ziel):

4. Felix Caravajal (Kuba), 5. Demeter Velouis (Griechenland), 6. D.J. Kneeland, 7. H.A. Brawley (USA), 8. S.H. Hatch (USA), 9. Lentauw (Südafrika), 10. C.D. Zehuritis (Griechenland), 11. F.P. Devlin (USA), 12. Yamasani (RSA), 13. John Furla (USA), 14. A. Ikonomou (Griechenland).

David E. Martin ist der Autor des Buches “The Olympic Marathon“, dem dieser Text entnommen wurde. Das Buch ist erschienen im Verlag Human Kinetics. Weitere Informationen im Internet unter: www.humankinetics.com


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