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Der Kuß der Zwiebelfrau

oder: manchmal werden Träume schneller wahr als man glaubt

22.10.2003

Was macht man an einem Wochenende im goldenen Herbst als Berliner Läufer? Richtig: man läuft. Und wo? Grunewald, Tiergarten, Schlachten- oder Tegeler See oder darfs auch mal was anderes - sprich woanders sein?

Befreundete Läufer hatten mich eine Woche zuvor eingeladen: zum Weimarer Stadtlauf. Freitags Anreise, Samstags laufen, Sonntags nachmittags zurück. Paßt doch prima. Auch das Streckenangebot: Halbmarathon oder 10 km, im Hinblick auf meine verschleppte Frühjahrsmüdigkeit ( kennen Sie das auch: einfach während einer Saison nicht in Tritt kommen?), also - ich beliess es bei 10 km. Zwei Laufkameraden, davon ein Frischling mit Nahziel Frankfurt-Marathon planten den letzten ernsten Check vorm Angriff auf ihre persönlichen Bestzeiten.

Entsprechend unterschiedlich fiel das gemeinsame Abendessen aus. Hier die Pastafraktion mit bangen Vermutungen, ob die Sauce nicht doch zu ölig sei und ich genoß mein Zabaione. Zur Mittagszeit sollten die Startschüsse fallen, die Halbmarathonläufer eine viertel Stunde vor den Zehnern. Für mich ungewohnt: Die meisten starteten über die 10km-Distanz, scheint außerhalb Berlin wohl eher üblich zu sein.

Zweite Überraschung - und die weitaus größere - das allgemeine Ausmaß dieses Laufs und die ungeheuren Zuschauerzahlen. Der Lauf fiel nämlich zusammen mit dem 350. Zwiebelfest der Stadt Weimar und entsprechend dicht gedrängt standen die Zuschauer Spalier. Da auf einer 5 km-Runde gelaufen wurde, teils durch einen Park, aber eben auch immer durch die Stadt kam tolle Stimmung auf.

Im Zielbereich dann die nächste Überraschung. Ein Läufer aus Berlin, den ich vom Sehen her kenne, steht plötzlich neben mir und hier - in der Ferne - grüssen wir uns natürlich und stellen fest,daß wir beide Exil-Westfalen sind.

Dann das gespannte Warten auf unsere beiden Eliteläufer, die in Frankfurt die 3 Stunden-Marke brechen wollen. Bei 1:22:43 und 1:22:45 kommen sie geschafft, ob der doch leicht profilierten Strecke, aber mehr als glücklich über die gelungene Generalprobe ins Ziel. Frankfurt kann kommen. Fürs Startgeld von 10 Euro wurde eine Menge geboten: ein toller Lauf durch kuschelige Gässchen in Weimar, T-shirt, Gutschein für Getränk und echte Thüringer Bratwurst und 1 x Ausschwimmen im Weimarer Stadtbad, tolle Zuschauerkulisse, ein Moderator, der für jeden ein Sprüchlein übrig hatte und eine Siegerehrung bis in die M 80 auf einer Showbühne. Dazu das 350.Zwiebelfest der Goethestadt (und Schiller und Nietzsche und Cranach und und und)

Nun noch kurz zum Titel dieses Berichts. unser Frischling überlegte, ob er mit seiner Zeit wohl irgendwann mal aufs Treppchen käme und da er in der Männerhauptklasse startet zügelte ich ihn. Außerdem reizte ihn besonders der obligate Kuss der Zwiebelkönigin. Und siehe da: Platz zwei, rauf aufs Treppchen, Küsschen und Zwiebelstrauss und alle waren happy.

Ralf Heilig

Wer nächstes Jahr an diesem hervorragend organisierten Lauf teilnehmen möchte: www.weimarer-stadtlauf.de


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