41. BMW BERLIN-MARATHON am 28. September 2014

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Erfolgreich von 30.000 Läufern überholt

Klaus-Dieter Knapp BERLIN-MARATHON Jubilee-Startnummer 605 - 17-facher Finisher des BERLIN-MARATHON

26.10.2003

Am 25. September veröffentlichten wir hier einen Bericht über Klaus-Dieter Knapp, der an einer inkompletten Querschnittslähmung leidet. Er hat die Jubilee-Nummer "605" - nahm zum 19-mal am real,- BERLIN-MARATHON teil und komplettierte jetzt seine "Sammlung" mit der 17. erfolgreichen Teilnahme am BERLIN-MARATHON. Das Team vom real- BERLIN-MARATHON gratuliert ihm herzlich - und sicherlich auch alle Läuferinnen und Läufer zu seiner bewundernswerten Leistung.

Die engagierten Helfer am Start kümmern sich rührend um mich. Die Chipmatten werden extra für mich eingeschaltet. Es ist 08.30 Uhr. Ich laufe los. 15 Minuten vor den Rollis, 30 Minuten vor dem großen Läuferfeld. Bekomme sogar ein eigenes Führungsfahrzeug mit, ein Fahrrad. Der freundliche Fahrer geleitet mich sicher bis zum Großen Stern, vorbei an Wowereits Dienstkarosse, sich warm machenden Rollis und Spitzenläufern, vorbei an zahlreichen Veranstalter- und Polizeifahrzeugen. Dann bin ich ganz alleine auf der Strecke des 30. real,- BERLIN-MARATHON, seit 19 Jahren in Folge mein Saisonhöhepunkt . Zwischen Ernst-Reuter-Platz und Gotzkowskybrücke rasen die Rollstuhlfahrer an mir vorbei. Das berührt mich tief. Viele Gedanken und Gefühle ergreifen mich auf diesem Streckenabschnitt. Es ist 1990. "Machen Sie noch einen Termin wegen des Rollstuhls", sagt mir eine Kapazität unter den Neurologen. Ein gutartiger Tumor in meinem Rückenmark hat eine inkomplette spastische Querschnittslähmung verursacht. Und die ist irreversibel, also lebenslänglich. Als begeisterter Marathonläufer soll ich mich in den Rollstuhl setzen? Dazu fühle ich mich zu gesund und will erstmal dagegen ankämpfen. Mit viel Training maßte man doch auch als stark Gehbehinderter einen Marathon zu Fuß schaffen! Und das klappte dann tatsächlich meist auch, nur zweimal war mir der Besenwegen zu nah und Besenwagennähe macht Streß und Stress verstärkt die Spastik und mit Spastik geht und läuft gar nichts mehr. Um diese Besenwagennähe zu vermeiden, durfte ich als Einzelstarter bereits um 8.30 Uhr loslaufen. Ein beruhigendes Zeitpolster bei meinen Marathonzeiten der letzten Jahre, 5:42 - 7:33 Std. je nach Zustand von Lähmung und Spastik. Und Jetzt sehe ich diese vielen Rollstühle an mir vorbeiziehen, Rollstühle, denen ich seit nunmehr 13 Jahren erfolgreich weglaufe. Kaum fassbare Gefühle. Sind das Freudentränen? Ich weiß es nicht.

In Moabit bin ich wieder ganz allein auf der Strecke, die Rollis sind durch, die Läuferspitze noch nicht da. Die Zuschauer feuern mich heftig an. Sie verstehen offensichtlich, daß dieser humpelnde Startnummernträger nicht etwa schummelt oder sich verlaufen hat, sondern eher zu den Rollis gehört. "Heute wohl ohne Rollstuhl?" ruft mir einer zu, ein anderer: "Invalidenstart, wa?" Auch am ersten Getränkestand wundert sich niemand über den einzelnen Läufer, alles läuft problemlos, nur einmal schickt mich ein Motorradpolizist auf den Gehweg, weil er meint, ich gehöre nicht zum real,- BERLIN-MARAHTON, holt mich aber mit einer Entschuldigung sofort nieder auf die Fahrbahn zurück, als er seinen Irrtum bemerkt. Am Kanzleramt fliegt die Läuferspitze an mir vorbei, Horst Milde grüßt mich aus dem Führungsfahrzeug, ab nun gilt es, möglichst weit weg von der blauen Linie zu laufen, um die deutlich schnelleren nicht zu behindern. Die Läufermasse schwillt von Minute zu Minute an, In Kreuzberg Ist die Strecke voll und ich bin nicht nur dabei, sondern mittendrin, fühle mich trotz Behinderung integriert In den Lauf und habe mehr als einmal einen Kloß im Hals. Alles läuft prima und ich liege auf Bestzeitkurs für die letzten 7 Jahre (5:42), aber ab Rathaus Schöneberg verstärkt sich die Spastik, trotz Anstrengung fällt des Tempo, die zweite Hälfte wird deutlich langsamer als die erste. Aber egal, ich genieße trotzdem die einmalige Atmosphäre des 30 real,- BERLIN-MARATHON und freue mich, dass mich der Besenwagen durch den Frühstart nicht jagt und ich so keine spastischen Stressanfälle befürchten muss.

Ich fühle mich wohl und weiß auch wieder, wofür ich bis zu 15 Stunden pro Woche trainiere. Zunächst für den Frühjahrshöhepunkt, den 12-Stunden-Ultralauf in Brühl, der nach meiner Kenntnis als einziger Lauf in Deutschland eine eigene Behindertenklasse eingerichtet hat. Und eben für diesen BERLIN-MARATHON. Mit viel Training sind diese Läufe euch für einen Behinderten gut zu überstehen. Und genau dieses Training ist es, was mich dann auch im Alltagsleben auf meinen eigenen Beinen stehen lässt, was mich seit 13 Jahren dem Rollstuhl erfolgreich weglaufen lasst. Und nun genieße ich den BERLIN-MARATHON als Sahnehäubchen des Trainingsjahres. Gegen Ende des Laufs dünnt das Läuferfeld wieder aus, ich werde nur noch langsam überholt, die ersten Walkergruppen ziehen an mir vorbei, ich bin eben nun mal nicht schneller. Unter den Linden habe ich noch genügend Kraft und Luft übrig, aber heute verhindert die Spastik das Abrufen der restlichen Reserven. Macht nichts, gibt schlimmeres. Noch 6:11 Std. endet mein 52. Marathonlauf, zum 17. Mal bin ich im BERLIN-MARATHON Ziel. Vor dem Tumor habe ich nur gut halb so viel Zeit gebraucht, mit weniger Training und Anstrengung. Trotzdem bin ich glücklich im Ziel. Der Lauf hat mir wie immer Freude bereitet, auch wenn ich von mehr als 30.000 Läufern überholt worden bin.

Mein herzlichster Läuferdank geht an Horst Milde, Dr. Willi Heepe und alle beteiligten Helfer für den Extra-Service durch den Einzelstart. Freue mich auf den nächsten real.- BERLIN-MARATHON 2004, hoffentlich wieder mit "lnvalidenstart" und dort stehe ich ja denn vielleicht auch nicht mehr als einziger Behinderter.


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