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Taban lächelt!

Neun frühere sudanesische Kindersoldaten finden auf der Farm der kenianischen Läuferlegende Kip Keino eine vorübergehende Bleibe

03.02.2004

Von Robert Hartmann

Eldoret, Kenia. Sie sind neun Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren. Ihre Heimat ist der Süden Sudans, dort, wo nach einem 1983 ausgebrochenen Bürgerkrieg zwischen dem arabisierten Norden und dem überwiegend christlich geprägten Süden kürzlich Friedensgespräche zu einem vorläufig glücklichen, wiewohl noch zerbrechlichen Ende geführt haben. Seit September herrscht Waffenstillstand, und auch diese jungen Leute setzen alle ihre noch so bänglichen Hoffnungen auf eine endlich gute Zukunft. Dann würden sie nämlich zu ihren Eltern und Geschwistern zurückkehren dürfen. "Meine Mutter ist tot, aber mein Vater lebt," sagt der 16-jährige Abdul, über den es heißt, er sei intellektuell brillant. Er habe sein Dorf seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Sieben von ihnen waren Kindersoldaten, länger als ein Drittel ihres Lebens. Sie griffen mit neun oder elf zur Waffe. Abdul erzählt, wie es sich verhält mit dem Krieg. Am Anfang sei er wie ein Abenteuerspielplatz. "Aber dann ziehst du in die erste Schlacht, und neben dir stirbt dein Freund." Wenn das Thema fällt, sagt er oft nur, "es war zu hart. Zu hart".

Die kleine Schar lebt jetzt seit acht Monaten auf der Kazi-Mingi-Farm ("Viel Arbeit") der kenianischen Läuferlegende Kipchoge Keino (u.a. Olympiasieger über 1500m in Mexiko City 1968) im Nordwesten des ostafrikanischen Landes. Unter der Leitung der UNESCO waren 3000 sudanesische Kindersoldaten in sichere Camps und später außer Landes gebracht worden, und Keino hatte nicht Nein gesagt, als die Anfrage nach einer Bleibe auch an ihn gerichtet wurde. Er gab ihnen ein Dach, er kleidete sie ein, ernährt sie und schickt sie zur nahen Grundschule. Sie rufen ihn jetzt "Daddy". Er ist ihr neuer Vater. "Für sie ist hier das Paradies," sagt er. Aber er betont den Satz so, dass seine innere Reserve gut herauszuhören ist. Denn es gibt keinen Garten Eden, auch hier nicht, wo 150 Kühe mehr Milch geben, als die Neun vom Nachbarland im Norden es sich in ihren kühnsten Träumen jemals hatten vorstellen können. Vor ihrem Transfer aus der Kriegszone hatten sie ihre letzte Milch von ihren Müttern erhalten. Klumpen aus Maismehl und dicke Bohnen, dazu Wasser, das waren ihre täglichen Mahlzeiten gewesen. Es muss ihnen so vorkommen, als habe eine Schleuder sie aus der Steinzeit ohne Umstände ins 21. Jahrhundert hinein geworfen.

Auf Keinos Farm hat der Weltdachverband der Leichtathleten, die IAAF, ein ständiges Höhentrainingslager für junge Läufer eingerichtet. Hier lebt Afrika in diesen Monaten seine Extreme aus, die der 67 Jahre alte Keino, seit 2000 auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, in einer großzügigen Geste zusammen führte. Das zeigt sich wie unter einem Brennglas eines Morgens, als Abdul plötzlich in einem "offiziellen" sudanesischen Trainingsanzug auftaucht. "Offiziell" ist gleichbedeutend mit dem Norden, in dem die Staatsgewalt liegt. Das nationale Tuch ist ein Geschenk von Abduls drei Jahre älteren Landsmann Ahmed Ismael, einem jungen gläubigen Moslem. Die Chancen stehen gut, dass er eines Tages 800-m-Weltmeister wird, so unfassbar groß ist sein Lauftalent. Er lebt auf die Kazi-Mingi-Farm, um sich auf die Olympischen Spiele in Athen vorzubereiten. Ismael und die Neun wurden auf dem neutralen Platz enge Freunde. "Er hat uns T-Shirts geschenkt, Laufschuhe und sogar einen Fotoapparat." Hinter Ismael sind schon die Kataris mit ihren Petro-Dollars her. Er brauchte nur die Staatsbürgerschaft zu wechseln. Er könnte schnell ein wohlhabender Mann sein. Noch sagt er. "Ich will nicht."

Einige hundert Kilometer weiter nördlich, am Lake Turkana, soll die Wiege der Menschheit stehen. Es eine Laune der menschlichen Natur, dass die talentiertesten Läufer gerade aus dieser Weltgegend stammen. Vier der Sudanesen haben sich bald anstecken lassen von den gleichaltrigen Begabungen aus Kenia, Uganda und Eritrea, die nur dreihundert Meter entfernt in dem neuen IAAF-Hostel wohnen und sich längst aus der Masse herausgehoben fühlen dürfen. Für sich allein aber laufen die Sudanesen fast täglich die rund acht Kilometer von der Farm bis zum Ortseingang der Stadt Eldoret und zurück. Sie besitzen weder Armband-, noch Stoppuhr. Die Farmangestellten erzählen, dass das Quartett nach der Rückkehr jedes mal völlig erschöpft auf den Rasen fällt und nach Luft ringt. Ihr Ältester ist Jacob. "Nein," antwortet er auf die Frage, ob er wisse, wie lang die Strecke sei. Wir schenken ihnen eine Stoppuhr, sie klatschen alle, und zwei Tage später wissen sie, dass sie siebzig Minuten lang gerannt sind. "Wir hätten gern," sagt Jacob, "auch Anleitungen für unser Training". Bisher haben sie zwar ein bisschen monoton die Grundlagen geschaffen, jedoch immerhin nichts falsch gemacht.

Um sie kümmert sich kein Sozialarbeiter, das wäre Luxus. Für eine Woche schaut das junge amerikanische Ehepaar vorbei, das in die Kindersoldaten-Aktion der UNESCO eingebunden war und die Verpflanzung der Neun nach Eldoret bewerkstelligte. Die Jungen hätten sich wochenlang nicht einmal berühren lassen, berichten sie. Der Fremde als Feind. Doch irgendwann hätte der Amerikaner eine der großartigsten Entdeckungen in jener Zeit gemacht, und so gleich seiner Frau zugerufen: "Taban smiles". Taban lächelt.

Die jüngsten Schul-Zeugnisse der jungen Sudanesen seien, sagt Keino, "schockierend gut" gewesen. Ihre einheimischen Klassenkameraden sind zehn, elf Jahre alt. Andererseits lernten die Neuen schon in kürzester Zeit sehr leidlich Englisch und Suaheli, die ostafrikanischen Verkehrssprachen. Das Ehepaar berichtet, wie die Neun ihnen ständig ihren größten Wunsch ans Herz gelegt hatten: Bildung, Lernen, Schule. In ihrer Heimat sei für 300 000 Jugendliche seit zwanzig Jahren der Abschluss der dritten Klasse Grundschule der höchste Bildungsstand.

Wir sitzen auf einem quer liegenden Baumstamm, inmitten des besten Klimas der Welt, 2100 m über dem Meer, und am Ende des Gesprächs sagt ein elegischer Abdul einfach "Danke für das Gespräch". Er hat sich schon gut frei gelaufen.


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