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Kenenisa Bekele: Auf den Spuren des Haile Gebrselassie

Der junge Äthiopier will bei der Cross-WM in Brüssel die nächste Goldmedaille gewinnen

19.03.2004

Seit Jahren dominieren afrikanische Langstreckenläufer das Geschehen bei Weltmeisterschaften, egal ob auf der Bahn, bei Straßenrennen oder auch im Crosslauf. Doch kein Gesicht hat sich bei europäischen Leichtathletik-Zuschauern derart eingeprägt wie das von Haile Gebrselassie. Der kleine Äthiopier gilt inzwischen als der wohl größte Langstreckenläufer aller Zeiten. Ein Jahrzehnt lang hat er das Geschehen auf den Bahn-Langstrecken dominiert und dabei 17 Weltrekorde aufgestellt. Mit seinem immer freundlichen Auftreten und einem verglichen mit anderen afrikanischen Läufern sehr gutem Englisch hat er viele Sympathien gewonnen und ist zu einer Integrationsfigur geworden. So bekannt ist sein Gesicht, dass der Sportartikelhersteller Adidas ihn und keinen europäischen Läufer als Werbefigur nutzt.

Nur selten war es im vergangenen Jahrzehnt einem Kenianer gelungen, Haile Gebrselassie zu schlagen. Doch im letzten Jahr verlor der 30-Jährige nicht nur gegen Kenianer sondern gleich dreimal gegen einen Landsmann: Kenenisa Bekele. Der 21-Jährige besiegte sein großes Vorbild zunächst bei einem 10.000-m-Rennen in Hengelo, dann über 5000 m in Rom und schließlich im WM-Finale von Paris über 10.000 m. Doch schon nach dem ersten Triumph in Hengelo wurde Bekele als Gebrselassies Nachfolger gefeiert. „Du kannst nicht die ganze Welt für immer kontrollieren“, sagte Haile Gebrselassie, der seinen knapp zehn Jahre jüngeren Landsmann auch schon selbst als seinen Nachfolger bezeichnet hat.

Erst 21 Jahre alt, hat auch Kenenisa Bekele bereits Leichtathletik-Geschichte geschrieben. 2002 gewann er bei den Cross-Weltmeisterschaften binnen zwei Tagen sowohl den Titel über die Mittel- als auch über die Langstrecke. Kein anderer Läufer hatte dies zuvor geschafft. Im vergangenen Jahr wiederholte Bekele diesen Doppeltriumph. Und an diesem Wochenende tritt er in Brüssel zur Titelverteidigung an, wobei es angesichts der sehr starken Konkurrenz noch nicht sicher ist, ob er tatsächlich wieder über beide Strecken laufen wird. „Ich hoffe, er läuft nur eine Strecke“, sagt sein Manager Jos Hermens. Der Holländer, der auch Haile Gebrselassie betreut, fügt erklärend hinzu: „Die Olympischen Spiele und die Vorbereitung darauf stehen in diesem Jahr absolut im Mittelpunkt, deswegen habe ich ihm von einem Doppelstart abgeraten. Aber ich weiß, dass der äthiopische Verband versucht, ihn von zwei Starts zu überzeugen.“

Eigentlich wollte Hermens aufgrund des olympischen Jahres Bekele auch davon abbringen, in der Halle an den Start zu gehen. Doch es ist ihm nicht gelungen. „Das ist Problem ist, dass Kenenisa absolut auf Haile fokussiert ist. Er will sein Vorbild schlagen“, erklärt Hermens. Zwar kam es in der Hallensaison nicht zum direkten Aufeinandertreffen der beiden Äthiopier, doch in Birmingham schaute Gebrselassie zu, wie Bekele seinen 5.000-m-Weltrekord brach und auf 12:49,60 Minuten verbesserte. Anschließend versuchte sich Gebrselassie vergeblich an seinem eigenen Weltrekord über zwei Meilen. Im Gegensatz zu Bekele, der nur Hailes Erfolge im Kopf hat, denkt Gebrselassie anders. „Er findet es toll, wie sich Kenenisa entwickelt. Aber er sieht mehr seine gesamte Karriere und seine Zukunft. Haile wird nach den Olympischen Spielen auf die Halbmarathon- und Marathondistanz wechseln“, sagt Jos Hermens. „Aber vorher möchte Haile noch zum dritten Mal in Folge Olympiasieger über 10.000 Meter werden.“ Das wird schwer, denn da steht Kenenisa Bekele im Weg. „Haile weiß, dass es nicht einfach wird, aber er ist noch längst nicht abgeschrieben“, sagt Jos Hermens.

Bei der Cross-WM geht Haile Gebrselassie nicht an den Start. Und auch sonst versucht Jos Hermens, ein Duell zu vermeiden. Vor Olympia wird dies kaum mehr der Fall sein, obwohl es für beide ein großes Geschäft wäre. Startgagen im sechsstelligen Dollarbereich hält Hermens für möglich. „Aber was soll das bringen“, fragt der Manager. „Am Ende gäbe es immer einen Verlierer, und es würde entweder heißen Kenenisa ist ja doch nicht so gut oder Hailes Zeit ist vorbei.“ Deswegen ist Hermens froh, wenn Gebrselassie nach Olympia die Distanzen wechselt und sich die Wege der beiden nicht mehr so schnell kreuzen werden. Auch für den Manager wird es dann leichter. „Schließlich will ich für beide das Optimum herausholen und dafür sorgen, dass sie lange und erfolgreiche Karrieren haben.“

Eines, glaubt Jos Hermens, wird Kenenisa Bekele nicht schaffen. In den Augen der Äthiopier wird Haile Gebrselassie wie ein Denkmal stehen bleiben. „Kenenisa hat zwar auf seine Art eine sehr gute Ausstrahlung und spricht inzwischen schon besser Englisch. Aber die Äthiopier sehen immer zuerst Haile, denn er war der erste, der derartig erfolgreich war. Daran wird sich nichts ändern.“


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