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Bischof Huber: "Die Kirche ist seit über 2000 Jahren auf einem Marathon unterwegs"

Interview mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem Berliner Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber

09.04.2004

Seit knapp einem halben Jahr ist der amtierende Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, Prof. Dr. Wolfgang Huber auch im Amt als neuer Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tätig. Der 61-jährige Theologe ist auch im Sport kein Unbekannter und den Sportorganisationen seit längerer Zeit eng verbunden. Der regelmäßig joggende Bischof hielt Anfang letzten Jahres beim Jahresempfang des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK) in Berlin einen viel beachteten Vortrag mit dem Titel „Der Sport – ein Vehikel christlicher Werte?“, der unter www.berlin-marathon.com/news/show/001164 nachzulesen ist. Das folgende Interview führte Dr. Detlef Kuhlmann für www.berlin-marathon.com mit Prof. Dr. Wolfgang Huber. Dr. Detlef Kuhlmann ist langjähriger Ressortleiter Kultur beim real,- BERLIN-MARATHON und bei SCC-RUNNING.

Nach ihrer Wahl zum Ratsvorsitzenden haben Sie erklärt, dass die Kirche nicht ein politischer Akteur unter anderen sei, sondern sich um Gottes Willen politisch einmischen sollte. Lässt sich der Satz auch auf den Sport übertragen – etwas frei formuliert: „Die Kirche an sich ist zwar nicht sportlich, aber sie soll sich um Gottes Willen in den Sport einmischen“?

Wolfgang Huber: Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass die Kirche nicht sportlich sei? Die Kirche Jesu Christi ist seit über 2000 Jahren auf einem Marathon unterwegs. Sie trägt die Fackel des Evangeliums durch die Welt. Weder ist die Kirche als Läuferin in dieser Zeit müde geworden noch ist ihr die Fackel ausgegangen. Ich behaupte, dass es in der Weltgeschichte kaum eine Institution gibt, die so sportlich ist wie die Kirche. Schon der Apostel Paulus hat in seinem Brief an die Philipper geschrieben: „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ Wer könnte bei einem solchen apostolischen Vorbild sich beruhigt auf die faule Haut legen? Nein, das Christentum ist durch seine Botschaft von Natur aus eine dynamische Religion. Diese Dynamik muss und soll auch der Kirche inne wohnen. Aus diesem Grund führen wir gern und fruchtbare Gespräche mit dem Sport. Die Freude an der Dynamik und an der Bewegung verbindet uns. Gespräche und Begegnungen finden auf allen Ebenen statt. Unsere Landeskirchen verfügen über Pfarrerinnen und Pfarrer die als Sportbeauftragte im engen Kontakt mit den Sportlerinnen und Sportlern in Deutschland stehen. Wir begleiten nicht nur den Breiten- sondern auch den Spitzensport und wir melden uns zu Wort, wenn wir das Gefühl haben, dass der Sport gerade im Leistungssport falsche Wege einschlägt.

Sie gelten innerkirchlich als jemand, der auch für die Stärkung der kulturprägenden Kraft des Protestantismus einsteht. Gibt es da eine sportbezogene Dimension?

Wolfgang Huber: Fundamental für die Kultur der Moderne ist der Grundsatz von der gleichen Würde aller Menschen. Dieser Grundsatz wurzelt in der Unterscheidung zwischen der Person und ihren Taten; denn nur so lässt sich gleiche Würde denken. Dieser Ansatz ist zutiefst protestantisch und er hat unsere Gesellschaft kulturell geprägt. Der Sport kann diesen Grundsatz erfahrbar machen, wenn er ihm sowohl im Breitensport als auch im Spitzensport Bedeutung zukommen lässt. Die kulturelle Aufgabe des Sports besteht unter anderem darin, dass er in seiner personalen Dimension der Entfaltung der persönlichen Würde dient. Er ist Ausdruck menschlicher Kreativität und Gestaltungskraft. Im Sport begegnet der Mensch sich selbst in der Einheit von Körper, Seele und Geist. Dass es zu diesen Begegnungen kommt, ist und bleibt der kulturelle Auftrag des Sports.

Sie haben vor etwa drei Jahren zusammen mit dem Sportwissenschaftler und früheren DSB-Vizepräsidenten Prof. Dr. Ommo Grupe einen Sammelband mit dem Titel „Zwischen Kirchturm und Arena. Evangelische Kirche und Sport“ herausgegeben. Welche Verbindungen gibt es denn zwischen beiden?

Wolfgang Huber: Große Leitlinien verbinden die Kirche und den Sport. Das gilt insbesondere für die von der Kirche und dem Sport ausdrücklich hervorgehobenen Aussagen zur Lebensbejahung. Beide Partner setzen sich für die Entfaltung des Lebens ein, drücken ihr Ja zu Pluralität und zum konstruktiven Diskurs aus und treten für die Wertschätzung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein.

Welche konkreten Arbeitsvorhaben von Kirche und Sport stehen unter ihrer Amtsführung als neuer EKD-Ratspräsident mit Priorität auf der Agenda?

Wolfgang Huber: Es gilt die Partnerschaft zwischen Sport und Kirche weiter auszubauen. In meine Amtszeit fallen einige sportliche Großveranstaltungen. Die Olympischen Spiele werfen ihre Schatten, aber auch das Deutsche Turnfest im Jahr 2005 oder die Fußballweltmeisterschaft 2006 sorgen schon jetzt für Vorfreude. Diese Sportveranstaltungen werden ein großes gesamtgesellschaftliches Ereignis. Mein Interesse ist es, dass der Sport die Chance ergreift, die Kirche mehr als bisher einzubinden. Hierfür werde ich mich einsetzen. In Berlin wurde im Sommer der Plan entwickelt, eine christliche Kapelle in den Räumen des Olympiastadions zu bauen. Dieser Plan ist laut Berliner Senat in der Umsetzung begriffen. Mir liegt die am Herzen. Wir hören und lesen in den letzten Monaten immer häufiger von Spitzensportlern, die seelische Probleme unter dem ständigen Erwartungsdruck bekommen. Das Hören auf die befreiende Botschaft von Jesus Christus ist ein Weg für Sportlerinnen und Sportler mit diesen Herausforderungen umgehen zu können.

Lässt es die neue berufliche Herausforderung und der damit verbundene enge Zeithaushalt eigentlich noch zu, dass sie selbst weiter sportlich aktiv bleiben können?

Wolfgang Huber: Ja, das muss sein. Ich jogge weiterhin regelmäßig. Sollte diese Regelmäßigkeit unterbrochen werden, so wäre dies ein schlechtes Zeichen. Um die Herausforderungen des neuen Amtes gut bewältigen zu können, bedarf es zweifelsohne einer körperlichen Fitness. Diese habe ich und diese möchte ich auch behalten.


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