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19. Olympus-Marathon Hamburg: Favoritensterben in Hamburg

Debakel für Deutsche Starter: Luminita Zaituc und Claudia Dreher ausgestiegen – Sieggewohnte Kenianer müssen Brasilianer Vanderlei Lima den Sieg überlassen – Bundestrainer Heinig: “Riesenenttäuschung!“ – Hamburg-Marathon am Scheideweg

20.04.2004

Die Weltklasseleistung des Spaniers Julio Rey führte den Olympus Marathon Hamburg im Vorjahr in die Champions League, die Ernüchterung folgte bei der 19. Auflage des zweitgrößten deutschen Marathonspektakels nunmehr auf dem Fuße: Trotz nahezu idealen Marathonbedingungen machte sich im Ziel nahe der Messe nach hoffnungsvollem Auftritt auf der schnellen Sightseeingtour zwischen Reeperbahn, den Landungsbrücken, der Außenalster, City Nord und Eppendorf merkliche Ernüchterung breit, denn die Trümpfe des Veranstalters stachen nicht. Zwar durften 18 000 Marathonläufer erneut ein prächtiges Marathonspektakel erleben, die sieggewohnten Kenianer rieben sich mit schneller Fahrt gegenseitig auf, sodass der taktisch geschickt agierende Brasilianer Vanderlei Lima mit 2:09:39 Stunden als Einziger unter der 2:10er Marke blieb und letztlich lachender Sieger wurde, die Kenianerin Emily Kimuria das Duell gegen ihre Landsfrau Alice Chelangat in gemessen an Hamburger Ansprüchen bescheidenen 2:28:57 Stunden gewann. Während dessen konnten die beiden Deutschen Luminita Zaituc und Claudia Dreher keine Olympiaempfehlung abgeben und mussten nach vorzeitigem Ausstieg Tränen der Enttäuschung verdrücken.

“Für mich ist das Ergebnis eine Riesenenttäuschung“, gestand Bundestrainer Wolfgang Heinig im Zieleinlauf. “Ich bin nach Hamburg gekommen, um eigentlich das Auftreten zweier Olympiakandidaten zu erleben. Während Luminita die Olympianorm bereits in Frankfurt und Ulrike Maisch als WM-Zwanzigste die Nominierungskriterien erfüllt hat, dürfte Claudia Dreher ihre Olympiachance nun in Hamburg verspielt haben!“ Zu allem Überfluss musste Mario Kröckert sein Marathondebüt wegen schlechter Blutwerte kurzfristig absagen, zuvor bereits Melanie Kraus wegen eines Ermüdungsbruches. Bundestrainer Heinig dachte derweil schon über einen zukunftsweisenden Vorschlag nach, den er über den DLV dem Nationalen Olympischen Komitee gerne vorlegen möchte: Mit der Nominierung der erst 23jährigen Romy Spitzmüller, die bei ihrem Sieg in Bonn mit in 2:32:33 immerhin die internationale Olympianorm von 2:37:00 unterboten hatte, könnte eine junge Läuferin schon in Richtung Peking 2008 aufgebaut werden.

Hamburg scheint für die derzeit beste deutsche Marathonläuferin Luminita Zaituc kein gutes Pflaster zu sein. Wie im Vorjahr musste die Braunschweigerin vorzeitig aufgeben, heuer war es die rückseitige Oberschenkelmuskulatur, die ihre Dienste verweigerte. “Ich habe schon beim Gefällestück nach 10 km Schmerzen gespürt. Von Kilometer zu Kilometer wurden diese stärker. Nach 20, 21 km habe ich aber gedacht, wenn du jetzt noch weiter läufst, riskierst du eventuell sogar den Olympiastart. Wenn so etwas nach 35 km passiert, dann ist dies etwas anderes!“ Claudia Dreher, bis zum Ausstieg der Vize-Europameisterin Seite an Seite mit dieser gelaufen, war plötzlich alleine auf weiter Flur, weil neben Zaituc auch deren Begleiter die Strecke räumten. Nach einer Gehhause bei Kilometer 30 war allerdings die Moral zum Durchlaufen ebenso dahin. An der Spitze konnte vom Start weg der Keniaexpress mit der BERLIN-MARATHONzweiten 2003 Emily Kimuria. Alice Chelanga und Caroline Cheptonui (mit zunächst der Äthiopierin Leila Aman im Schlepp) dank eines auf eine Endzeit von 2:22 Stunden angelegten Tempos ungestört seine Kreise ziehen. Im spannenden Schlussduell lag Emily eine Sekunde vor Alice, die sich vor ihrem Start in Hamburg sogar noch Olympiachancen ausrechnen durfte. Auch für die mutig laufende Norwegerin Stine Larsen dürfte nach Rang vier und 2:32:53 der Olympiazug abgefahren sein.

“Mit dieser Zeit bin ich zur Zeit bester Brasilianer und werde in Athen starten können“ freute sich hingegen Vanderlei Lima, der sich aus der eher einer Verfolgungsjagd ähnlichen Renngestaltung der “Fila“- und “Asics“-Teams heraushielt und als lachender Sieger letztlich nicht nur um 27.500.- Euro reicher die Heimreise nach Brasilien antreten wird. “Die Leute von Dottore Rosa haben das Rennen kaputt gemacht“ urteilte der deutsche Manager Walter Abmayr, “das hohe Tempo für eine Halbmarathonzeit von 1:04:00 hat wohl keiner der zwanzig, dreißig Athleten an der Spitze drauf gehabt!“ Der mit Vorschußlorbeeren gestartete 2:06er Läufer Fred Kiprop spielte praktisch ebenso keine Rolle wie der noch im Oktober in Frankfurt aufgefallene Leonid Shvetsow oder der Äthiopier Simeretu Alemayehu. Dafür drückten die sogenannten Hasen wie Wilfred Kigen oder James Kwambai nach Absolvierung ihres Auftrags derart auf die Tube, dass ein ungestüm vorwärts stürmender Kwambai erst nach 27 km von dem späteren Sieger Lima eingeholt werden konnte.

Vor und hinter den Kulissen wird in Hamburg allerdings um die künftige Ausrichtung des Olympus Marathon diskutiert. Während Veranstaltungsleiter Wolfram Götz einen größeren Anteil aus dem Gesamtetat für die Gestaltung des Spitzenfeldes fordert, um auf Dauer einen Rang unter den Top Ten weltweit zu sichern, möchten Kritiker eher eine Ausrichtung als Breitensportevents. Zur Finanzierung des derzeit 2,25 Millionen Euro teuren Laufspektakels möchte Götz allerdings neben den Sponsoren vor allem die Stadtväter und aber auch die Gesamtheit aller Marathonstarter zur Kasse bitten. Hamburgs Leichtathletik-Präsident Erwin Rixen, von Amts wegen Chef des Hamburg-Marathons, sieht jedenfalls keine Alternative zur bisherigen Linie: “Eine leistungsorientierte Spitze sind wir unseren Sponsoren schuldig. Hamburg als zweitgrößte Stadt Deutschlands darf sich nicht mit nur einem Breitensportereignis abgegeben. Schließlich stehen wir auch in Konkurrenz zu anderen Sportarten!“

Wilfried Raatz

Ergebnisse unter www.mikatiming.de


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