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Die Läufer im Focus der TV-Kameras

Ein Kommentar von Thomas Steffens, Chefredakteur Runner`s World

07.05.2004

Die Läufer im Focus der TV-Kameras

„Von Null auf 42“ hieß die dreiteilige Dokumentation, die in der ARD zur besten Sendezeit lief. Dabei wurden sieben Kandidaten ein Jahr lang auf ihrem Weg vom unsportlichen Nichtstun bis zum New York-Marathon begleitet. Die dreiteilige Doku Soap wurde durch intensive Cross Promotion in der ARD gepuscht, die Teilnehmer von Talkshow (Beckmann) zu Talkshow (Menschen der Woche/SWR) geschickt, in einer Wissenschaftssendung wurde mit Bezug auf die Serie gefragt: Wie gefährlich ist Marathon? Das Bayerische Fernsehen begleitet seit April acht Läufer auf dem Weg zu ihrem ersten Marathon, den sie Mitte Oktober in München absolvieren wollen (www.br-online.de). Stern TV (RTL) hat vier bisher Unsportliche vor der Linse, die in einem halben Jahr einen 10-km-Lauf schaffen sollten (www.stern.de/tv), und das Schweizer Fernsehen (SF DRS) imitiert das ARD-Projekt mit vier bisher sportabstinenten Menschen, die auf den Wien-Marathon 2005 begleitet werden (im Rahmen der Sendung „Quer“ am 28. Mai). Was ist geschehen, dass die Sender nach Jahren der Nichtbeachtung die Läufer entdeckt haben?

Läufer im Fernsehen: Von der Ignoranz zum Dauerthema

Die Erklärung für das Phänomen ist einfach: Laufen ist mittlerweile so populär, dass dieser Trend auch an den Redaktionsstuben der Sender nicht weiter unbemerkt vorbei laufen konnte. Beinahe jeder kennt mittlerweile mindestens einen, der läuft. Kaum eine Party, auf der nicht jemand Lauferlebnisse zum besten gibt oder seinen Marathontrainingsplan erklärt. Bis tief in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ignorierten die Fernsehsender das Phänomen Laufen noch, so gut es ging, lediglich der Berlin-Marathon wurde übertragen. In den achtziger Jahren gerieten TV-Kurzberichte über die damals gerade populär werdenden Stadtmarathonläufe noch zur Verulkung der Spezies „Läufer“, die man nicht so ganz ernst nahm, wenn sie nicht wenigstens nach 2:20 Stunden das Ziel erreichte. Im Bild waren neben den Siegern vor allem die Exoten am Ende des Feldes, die, oft verkleidet, dadurch zusätzlich das Image vom „Spinner“ verstärkten. Marathonläufe brachten außerdem den innerstädtischen Straßenverkehr zum Stocken und entsprechend geriet auch die Berichterstattung in den Medien. Der Tenor: Läufer stören. In Frankfurt musste 1986 gar ein vielversprechend gestarteter Stadtmarathon abgesagt werden, weil der Hauptsponsor (Hoechst AG) seine Ausgaben von weit über einer Million DM (inklusive Sach- und Personalleistungen) nicht einmal in einer minimalen TV-Berichterstattung wiedergespiegelt sah. Bei ARD und ZDF saß man damals vor allem auf dem hohen Roß, weniger in der ersten Reihe.

Marathon-Aspiranten, wohin man blickt

Heute sieht dies anders aus : Laufen allenthalben, Marathon-Aspiranten, wohin man blickt. Völlig Unsportliche müssen es möglichst sein, Dicke und Übergewichtige, damit das Davor und Danach klarer abbildbar ist, und, wie die Doku Soap „Von Null auf 42“ zeigte, damit Dramatik aufkommt, wenn die dicke Anna bei 28 Grad im Schatten im Rahmen eines Halbmarathons durch Mainz eiert und zu Füßen der Rettungssanitäter einen kleinen Kollaps erleidet. Die großen Krisen im Vorbereitungstraining werden episch überhöht, der Marathon selbst gerät zur Entscheidungsschlacht („In der nächsten Folge wird einer zur tragischen Figur“). Nun denn, beklagen wir uns nicht. Endlich erhalten wir die Aufmerksamkeit, die wir verdienen auf unserem Fitnesstrip, den früher oft nicht einmal die nahe Verwandschaft verstehen wollte.

Laufen ist nicht gleichzusetzen mit Marathon

Diese Doku Soap in der ARD machte zum einen deutlich, dass es so einfach auch wieder nicht ist, einfach mal einen Marathon zu laufen. Andererseits leidet durch solche Berichte auch das Image des Laufens, denn Laufen wird hier gleichgesetzt mit Marathonlaufen. Wer einen Marathon absolviert zählt aber, bildlich gesprochen, nur zur obersten Spitze des Eisbergs aller Läufer. In der oberflächlichen Welt, in der wir leben, sind offensichtlich immer Extreme nötig, damit uns überhaupt etwas auffällt. Die stillen Freuden, die jemand empfindet, der regelmäßig durch die Gegend joggt und dabei Elan und Lebensenergie tankt, lassen sich nun mal nicht so einfach in TV-Bilder umsetzen wie die auf dem Bildschirm ins Dramatische überhöhte Bewältigung eines Marathons. Wie es anders geht, vor allem weniger plakativ und polarisierend, zeigt die Serie im Bayerischen Fernsehen, die bei der Begleitung von acht Marathon-Kanidaten nicht nur dokumentiert, wie es diesen Menschen in ihrer Vorbereitung ergeht, sondern darüber hinaus auch Tipps zu allen möglichen Aspekten des Laufens gibt.

Nur richtig vorbereitet macht es Spaß

Eines sollte in diesem Zusammenhang nämlich nicht unerwähnt bleiben: Das Geheimnis eines erfolgreich absolvierten Marathons ist immer noch eine sorgfältige Vorbereitung, denn dann macht es sogar Spaß, 42 Kilometer zu laufen und das Projekt Marathon wird nicht zu einem Leidensweg, der schon nach 15 Kilometern beginnt, weil man sich ungenügend vorbereitet hat.

Thomas Steffens Chefredakteur RUNNER´S WORLD


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