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Warum Stephan Freigang in Athen starten muss

Es sieht nicht so aus, als ob der beste deutsche Marathonläufer für Olympia nominiert wird, doch die Basis macht Druck für den Olympiadritten von 1992

14.05.2004

Laufen boomt in Deutschland wie kaum eine andere Sportart: Über 16 Millionen Jogger sorgen für immer neue Teilnehmerrekorde bei den großen Rennen, und zugleich entstehen mehr und mehr Laufveranstaltungen. Ende März hatte zum Beispiel der Freiburg-Marathon eine Premiere mit rund 9.000 Teilnehmern. Für den spektakulärsten deutschen Straßenlauf, den 31. real,- BERLIN-MARATHON am 26. September, liegen bereits jetzt über 20.000 Anmeldungen vor. Das Limit legt bei 35.000. Doch der Laufboom beschränkt sich in Deutschland auf die Breite, die deutschen Topläufer können schon lange nicht mehr Schritt halten.

Im internationalen Vergleich sind die Männer im Marathon nicht einmal mehr zweitklassig. 2003 schafften es nur zwei Deutsche, einige Sekunden schneller zu laufen als die beste Frau der Welt: Die Engländerin Paula Radcliffe hatte beim London-Marathon mit 2:15:25 Stunden einen Weltrekord aufgestellt. So ist es kein Wunder, dass nun auch kein deutscher Läufer die Marathonnorm für die Olympischen Spiele unterboten hat. Wer in Athen dabei sein wollte, musste mindestens 2:11:00 Stunden rennen. In Großbritannien ist u.a. die Qualifikationszeit der britischen Männer für Athen 2:15:00.

Deutschen Läufern wird vorgehalten, zu wenig Bereitschaft für ein hartes und umfangreiches Training zu haben, das auch mit einer entsprechenden Lebensweise gekoppelt werden muss. Das ist wohl tatsächlich der Hauptgrund für die schwachen Leistungen. Doch auch die Rahmenbedingungen für ein derartiges Leben waren für deutsche Langstreckenläufer seit der Wende selten optimal. Und hinzu kam, dass auch in der Saisongestaltung, in die auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Einfluss hat, Fehler gemacht wurden. So spielt der Crosslauf, in vielen anderen Ländern eine unentbehrliche Trainingskomponente, in Deutschland seit Jahren keine Rolle mehr. Initiativen der früheren Bundestrainerin Isabelle Baumann sind längst im Sande verlaufen. Bei der Cross-WM im März schickte der DLV gerade einmal eine einzige Starterin ins Nachbarland nach Brüssel, wohin beispielsweise die USA mit über 40 Läufern reiste. Das wurde schon von vielen heftig kritisiert, auch an dieser Stelle: http://www.berlin-marathon.com/news/show/001874

Viele Aspekte spielen also eine Rolle, wenn es um die schwachen deutschen Läufer geht. Und in einer Zeit der immer größer werdenden Konkurrenz, vor allen durch afrikanische Läufer, wird man auf absehbare Zeit von Erfolgen wie von Stephan Freigang vor zwölf Jahren nur träumen können. Der damalige Cottbuser wurde 1992 sensationell Olympiadritter in Barcelona.

Es ist Stephan Freigang, der am 2. Mai beim Hannover-Marathon in 2:14:02 Stunden bei schlechten Wetterbedingungen Deutscher Marathon-Meister wurde. Für den früheren Cottbuser, der inzwischen für den SC DHfK Leipzig startet, war dies ein klarer Aufwärtstrend, denn eine solche Zeit hatte der 36-Jährige seit 1999 nicht mehr erreicht. Obwohl klar ist, dass Freigang in Athen keine Chance hätte auf eine vordere Platzierung, hofft er dennoch auf eine Nominierung und erhält dabei Unterstützung.

Der Marathon-Bundestrainer Wolfgang Heinig erklärte vor kurzem, er würde den besten Deutschen nach Athen schicken. Sein Vorgänger Winfried Aufenanger, der auch 1992 im Amt war, verlangt dies sogar: „Der Laufsport hat in den letzten Jahren enorm zugenommen – armes Deutschland, wenn man dann den besten Deutschen nicht nach Athen schickt“, erklärte er gegenüber dem Fachblatt „Leichtathletik“.

Doch Rüdiger Nickel, beim DLV als Vizepräsident für Leistungssport zuständig, macht Freigang wenig Hoffnung: "Was zählt, ist die erweiterte Endkampfchance, also eine Platzierung unter den ersten 16. Danach richtet sich die Norm. Wir werden sicherlich alle Fälle diskutieren, aber es wird andere Athleten in anderen Disziplinen geben, die dichter dran sind", erklärte Nickel, der den Laufboom und die Symbolik einer solchen Nominierung nicht gelten lassen will.

Darüber wiederum ärgern sich andere. Horst Milde spricht für die Basis des Laufsports in Deutschland. Der jahrzehntelange Race-Director des BERLIN-MARATHON ist zweiter Sprecher der German Road Races (GRR) und sitzt im Direktorium des internationalen Straßenlaufverbandes AIMS. „Ich empfinde als beschämend, wenn wir Stephan Freigang im Marathon nicht starten lassen. Das konterkariert die gesamte Laufentwicklung in Deutschland. Wir brauchen Vorbilder, selbst wenn sie nicht ganz vorne rennen“, erklärt Horst Milde.

Historisch wäre es fast schon ein Novum, wenn kein deutscher Läufer beim olympischen Männer-Marathon an den Start ginge. In Stockholm 1912 war das zum letzten Mal der Fall, sieht man von jenen Spielen ab, bei denen aus politischen Gründen keine deutsche Mannschaft dabei war.

Bei den Frauen sieht es zwar etwas besser aus, doch eine vordere Platzierung erscheint in Athen ebenfalls ausgeschlossen. Die vergleichsweise zu den Männern schwächere Norm von 2:30 Stunden hat Luminita Zaituc (LG Braunschweig) erfüllt. Außerdem qualifizierte sich Ulrike Maisch (LAV Rostock) mit ihrem 20. Platz beim WM-Marathon von Paris 2003. Sonja Oberem (Bayer Leverkusen) hat am kommenden Sonntag beim Wien-Marathon noch eine letzte Qualifikationschance. Sie müsste nach überstandener Muskelverletzung die Norm unterbieten, um in Athen dabei zu sein.


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