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Die Laufmasche

Artikel aus "Die ZEIT"

13.06.2004

Im folgenden veröffentlichen wir einen Artikel aus "Die ZEIT" - DIE ZEIT LEBEN - Lebenshilfe - Nr 22, Seite 50 vom 19. Mai 2004.

Gerade in Bezug auf die vielen Läuferinnen und Läufer aus Büros, Firmen und Kanzleien, die am Mittwoch und Donnerstag an der 5. Berliner TEAM-Staffel von SCC-RUNNING teilnehmen, könnte dieser Beitrag unter der Überschrift "Sitten & Gebräuche" interessant und lesenswert sein."

Wer es jetzt nicht tut, hat wirklich Probleme. In deutschen Parks fällt jeder auf, der sich morgens nicht laufend bewegt, und in jeder Firma weiß jeder, dass Läufer (vor allem Morgenläufer) im Job kreativer und fitter sind. Was also tun, wenn Sie immer hartnäckiger gefragt werden, ob Sie denn auch liefen, es aber draußen morgens immer so kalt ist und Sie sich von Ihren drahtigen Marathon-Kollegen nicht dabei überholen lassen möchten, wie Sie nach einigen Schritten keuchend kapitulieren? Da bleibt nur: Tun Sie so, als ob.

Kaufen Sie Laufbücher, und pauken Sie Theorie. Weiche Kleidung, welche Schuhe benötigen Sie (lernen Sie die besten Marken auswendig!), wann (das hängt auch von Ihrer Firmenkultur ab) ist eine Pulsfrequenz-Uhr sinnvoll, wann lächerlich? Stehen ein paar Kollegen breit grinsend auf dem Flur zusammen und sprechen über den nächsten Stadtlauf, streuen Sie Ihr Wissen lässig ein (sprechen Sie niemals von »joggen«!). Fragt man Sie nach Strecke und Zeit, wählen Sie ein Mittelmaß, das birgt nicht die Gefahr, dass ehrgeizige Kollegen sich am nächsten Morgen tun sechs mit Ihnen messen wollen. Wollen Sie mit aktuellen Fragen (»Darf man bei Kälte durch den Mund atmen?«, »Rolle ich im Nadelwald anders ab als im Laubwald») punkten, studieren Sie die Läufer-Chatforen im Internet, oder fragen Sie die Verkäufer in Laufshops. Treffen Sie dort einen Ihrer Kollegen, kaufen Sie ruhig etwas, Laufsocken (»Die alten sind schon wieder durchgelaufen«) kann man im Winter auch als Nichläufer tragen.

Verhalten Sie sich auch sonst glaubwürdig. Kommen Sie morgens mit einer Sporttasche zur Arbeit, natürlich breit grinsend (denken Sie einfach an die Kollegen, die viel früher aufgestanden sind, um im Halbdunkel zwischen Hundehaufen Slalom zu laufen). Haben Sie immer eine Flasche Wasser auf Ihrem Schreibtisch stehen, und nehmen Sie auch in Konferenzen jede Minute einen gurgelnden Schluck (wirklich passionierte Läufer haben die Flasche auch auf dem WC dabei, um nicht auszutrocknen). Können Sie solche Mengen nicht trinken, tun Sie eben so (arbeiten Sie geschickt mit drei oder vier unterschiedlich vollen Flaschen, merkt das kein Mensch).

Trainieren Sie Ihren Schritt mit Hilfe alter Cowboy-Filme, bis sie locker und federnd durch den Flur Ihrer Firma gehen. Nehmen Sie ab, oder sehen Sie zumindest schlanker aus (Korsetts gibt es im Sado-Maso-Bedarf). Will man mit Ihnen gemeinsam laufen, wehren Sie natürlich ab (»Tolle Idee, aber ich meditiere beim Laufen«). Trotzdem, ein paar Mal müssen Sie sich draußen zeigen. Begegnen Sie Ihren Kollegen fröhlich und im Laufdress (den man im Kostümverleih für solche Zwecke mieten kann) auf dem Parkplatz, wenn diese von der Strecke kommen. Oder, besser, kommen Sie ihnen entgegen, außer Atem und bedeckt mit Fettcreme, Schweiß vortäuschend:

»Hab gerade meinen persönlichen Streckenrekord aufgestellt. Wollen Sie nach einem vorgetäuschten Laufgang sichergehen, nicht entlarvt zu werden (man könnte Sie beim verfrühten Zurückschlendern beobachten), harren Sie die Zeit, die man in etwa für die Laufstrecke benötigt, im Gebüsch aus. Oder sehen Sie sich nach einem Frühcafé um, das Laufsimulanten im verschwiegenen Hinterzimmer Zeitungen und ein leckeres Frühstück bietet (natürlich wuschelt man Ihnen beim Zahlen das Haar feucht durch).

Wahrscheinlich treffen Sie dort auch ein paar Ihrer Kollegen. Besprechen Sie das beim nächsten Mal grinsend auf dem Flur.

Mark Spörrle


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