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Drei Dollar Tagegeld

Kenias Läufer haben ihre Vormachtstellung in Ostafrika verloren

09.07.2004

Von Robert Hartmann

NAIROBI - Noch nie war die sonst vor Stolz berstende kenianische Leichtathletik-Gemeinde so hasenfüßig wie vor den Olympia-Ausscheidungen in Nairobi. Der Nationaltrainer Mike Kosgei brachte die Stimmung auf den Punkt. "Die äthiopische Explosion kam wie eine Stichflammme auf dem Herd", sagt er und meint eigentlich nur einen Mann: Kenenisa Bekele
Der 22-jährige Langstreckler stellte in Hengelo und Ostrava zwei neue großartige Weltrekorde über 5 000 Meter und 10 000 Meter auf; zuvor war er im März in Brüssel bereits zum dritten Doppelweltmeister im Cross-Lauf geworden. Kenenisa Bekele besitzt bei den südlichen Nachbarn in Ostafrika einen Ruf, der nichts als Angst und Schrecken verbreitet.

Ein Vorstandsmitglied von Athletics Kenya, dem nationalen Fachverband, befürchtet schon öffentlich, dass seine jungen Landsleute im August sogar ohne jede Medaille von den Olympischen Spielen aus Athen heimkehren werden.
Überhaupt ist die Stimmung ausgesprochen mies.
Ausgerechnet der talentierteste und mental härteste Athlet, der Weltmeister über 3 000 Meter Hindernis, Stephen Cherono alias Saeed Seif Shaheen, wechselte im vergangenen Jahr die Seiten. Er ist jetzt Bürger des Ölscheichtums Katar, darf aber nicht in Athen laufen. Doch das Geld lockt, schon acht Kollegen folgten ihm ins Ausland.

Sperre für Fahnenflucht

Denn als auch noch Bahrain, Jemen und Saudi-Arabien unverfroren in den weiten Savannen auf Einkaufstour gingen, war der Siedepunkt des Volkszorns erreicht. Aber nicht die kenianischen Funktionäre stoppten den Ausverkauf, sondern der Weltdachverband IAAF in Monaco tat es.
Künftig wird jeder Fahnenflüchtige mit einer dreijährigen Sperre belegt. Damit ist die Situation vorerst abgekühlt.

Der frühere Weltklasse-Hindernis-Läufer Patrick Sang brachte als Trainer immerhin drei Weltmeister der Jahre 2001 und 2003 heraus, Reuben Kosgei über die Hindernisse und Richard Limo sowie Eluid Kipchoge über 5 000 Meter, der voriges Jahr in Paris auch Bekele im Spurt besiegte. "Ich glaube immer noch, dass wir spannende Ausscheidungen mit vielen Überraschungen sehen.
Vorleistungen zählen nicht", sagt Sang. Die Lage erinnere ihn an 1992.

Damals unterlagen bei den Olympic Trials sensationell acht der neun früheren Weltmeister und Olympiasieger dem Ansturm der jungen Namenlosen, und was passierte später in Barcelona? Sie holten acht Medaillen.

Nicht, dass Sang ein rosarotes Bild zeichnen wollte. "Wir setzen die falschen Prioritäten. Der Verband hat keine Strategie, kein Programm, er kümmert sich nicht um die Jugend." Er fragt den neben ihm sitzenden irischen Brother Colm OConnell, was die Funktionäre für seine zwei neuesten Jungstars getan hätten. "Nichts", lautet die Antwort. "Ich bezahle ihre Schulgebühren aus meiner eigenen Tasche." Der fromme Mann gilt als der erfolgreichste Aufspürer kenianischer Laufbegabungen im Läuferland.

Die Funktionäre machen Politik, nicht Sport. Wichtig ist nur, wie sie an das Geld der Athleten heran kommen. Es hat sich in Jahrzehnten nichts geändert.

Ihre Rolle als Leistungsproduzenten übernahmen die europäischen Manager und ihre Helfer vor Ort, Trainer, die sie bezahlen. Aber in Zukunft, fürchtet Patrick Sang, der Erfolgstrainer, reiche das nicht mehr aus. Er hat schon einen neuen großen Rivalen ausgemacht, seit im Sudan nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg die Friedensgespräche erfolgreich abgeschlossen worden sind: "Als Nächstes erwarte ich den Aufstieg der sudanesischen Läufer", sagt er.

Den größten Bockmist leisteten sich die kenianischen Funktionäre allerdings erst am Montag. Da teilten sie nämlich einen Beschluss mit, bei den eminent wichtigen Wettkämpfen, den Trials, bewusst auf Dopingkontrollen zu verzichten. "Wir dachten", erläuterte Verbandsarzt Kimani Wajama, "dass der Dopingmissbrauch in Kenia keine so wichtige Rolle spielt."

Da sollte er sich besser nicht täuschen. Es geht schließlich auch um viel Geld. Die Geschichte mit dem Prestige und dem Nationalstolz liegt schon lange zurück - als sich die alten Stars der sechziger und siebziger Jahre für drei Dollar Tagegeld die Seele aus dem Leib rannten. ------------------------------


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