42. BMW BERLIN-MARATHON am 27. September 2015

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Keine Offenbarung – und dennoch gibt es Leute mit Perspektiven

Teil II der Laufwettbewerbe der Deutschen Meisterschaften in Braunschweig

12.07.2004

Erwartungsgemäß gewinnen René Herms, Wolfram Müller, Kathleen Friedrich und Melanie Schulz die Titel –
Überraschung im 800 m-Finale: Anja Knippel überrascht Monika Gratzki

Männer 800 m:
Im Schatten von René Herms verpasst Nico Motchebon den Olympiazug

Die Ausgangssituation für Nico Motchebon eine nicht einfache, schließlich fehlten dem Rückkehrer gerade einmal eine Hundertstelsekunde zur Olympianorm von 1:46:00. Die Bereitwilligkeit des schon als olympiatauglich eingestuften René Herms in Ehren, doch am Ende stand der Berliner im Trikot von Salamander Kornwestheim doch sichtlich enttäuscht mit leeren Händen im Ziel.
Deftige Windböen taten ein Übriges, der Altmeister hatte sein bestes gegeben, kam mit 1:49,91 und drei Zehntelsekunden hinter dem alten und neuen Titelträger aus Pirna ins Ziel. Wie immer auch die Leistungen im wenig spektakulären Finale zu werten sind, der eigentliche Gewinner der Saison heißt Nico Motchebon mit nunmehr 35 Jahren. Der frühere Moderne Fünfkämpfer hat die kurze Mittelstrecke nahezu ein Jahrzehnt mit Klasserennen belebt und steht immerhin mit seinen 1996 erzielten 1:43,91 auf Rang drei der „ewigen“ Bestenliste Deutschlands – und sich nach eher schwächeren Jahren zu einer (fast) olympiatauglichen Verfassung zurückgemeldet.

Übrigens war das 800 m-Finale ein Duell der Generationen. Hier der Altmeister Nico Motchebon (35) und der aus Kasachstan stammende Neu-Regensburger Eugen Schelestow (30) und mit Abstrichen auch Steffen Co (27), dort die junge Garde mit unserem Olympialäufer René Herms (22), Christian Köhler (24), Andreas Freimann (21), Matthias Jaworski (25) und Dennis Roloff (21). Die jungen Leistungsträger jedenfalls blieben freilich im Stadion an der Hamburger Straße ihrem Anspruch, „junge Wilde“ zu sein, in der Nachweispflicht. Aus der nachdrängenden Garde fehlte freilich einer, der sich derzeit schon auf dem Weg zur Junioren-WM nach Grosseto befindet, der 19jährige Fürther René Bauschinger.
Ganz im Sinne der Boulevardpresse nutzte René Herms beim Siegerinterview noch die Gelegenheit, vor 18 000 (Zuschauer-)Zeugen seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Da diese ein eher nüchternes „Ja“ herausbrachte, dürfte vielleicht schon nach Athen eine medienträchtige Hochzeit anstehen ...

Männer 1500 m:
Zu guter Letzt doch Wolfram Müller

Ein wenig spektakulär das 1500 m-Finale, doch am Ende hatte Wolfram Müller erwartungsgemäß die Nase vorne. Müller vor Franek Haschke und Toni Mohr. Und die Zeit: Mäßige 3:46,35 Minuten. Damit wäre schon der Chronistenpflicht Genüge getan, wenn nicht hier mit dem 23jährigen Wolfram Müller ein ausgewiesenes Talent nach vielen verletzungsbedingten Rückschlägen mit Erfolg auf Titeljagd gegangen wäre, das schon des öfteren an seiner instabilen Konstitution gescheitert ist.

Mit der Olympianorm im Gepäck, dem Sieg beim Europacup in Rücken und mit Isabelle und Dieter Baumann als Betreuer läuft sich scheinbar erfolgreich.
Nach dem eher zögerlichen 5000 m-Auftritt am ersten Meisterschaftstag nutzte Wolfram Müller diesmal konsequent die ihm gebotene Chance in einem ziemlich verschleppten Finallauf. Mit einem resoluten Antritt konterte der Neu-Tübinger den langgezogenen Spurt von Titelverteidiger Franek Haschke (1200 m: 3:05,48), um auf der Zielgeraden den programmierten Meistertitel in 3:46,35 gegen Haschke (3:46,78) und den tempostarken 21jährigen Mohr (3:46,90) einzufahren. Der erfreulich agile 24jährige Neuling Jonas Hamm folgte auf dem undankbaren vierten Rang in 3:47,15 Minuten.
„Die Läufe der beiden Tage waren eine ordentliche Belastung. Heute war es in erster Linie wichtig, dass ich auch taktische Rennen gewinnen kann!“ Und mit Blick voraus auf das große Highlight Athen: „Das ist auch wichtig für Athen und insbesondere für mein Selbstvertrauen!“ Das kann Wolfram Müller freilich auch gebrauchen, schließlich ist es an der Zeit, dass die Mittelstrecken wieder mit positiven Schlagzeilen für Aufmerksamkeit sorgen!

Frauen 800 m:
Anja Knippel nutzte ihre Chance zum Titelgewinn

Ohne die wegen einem „postinfektiösem Überlastungssyndrom“ fehlende Claudia Gesell schien im 800 m-Finale alles auf einen Erfolg für Monika Gratzki, der deutschen Hallenmeisterin dieses Winters, hinaus zu laufen. Doch wieder einmal bewahrheitete sich die Regel, dass Meisterschaftsrennen ihren eigenen Gesetzen folgen.
Die Wattenscheider Favoritin ließ zunächst Simone Beutelsbacher führen, um dann aber rasch selbst das Renngeschehen zu diktieren. In 64,66 folgten dichtauf Simone Beutelsbacher, ihre Wattenscheider Clubkollegin Janina Goldfuß und die Erfurterin Anja Knippel. Selbst 50 m vor dem Ziel schien alles auf Monika Gratzki hinauszulaufen, ehe mit dem letzten Schub Anja Knippel die Reihenfolge noch kippen konnte. „Natürlich habe ich gehofft, dass es einmal klappt. Chancen sieht man doch eigentlich immer“, freute sich die 30jährige vom Team Erfurt über ihren letztlich doch unverhofften Coup.
„Wegen einer Sprunggelenksverletzung habe ich die Halle völlig ausgelassen. Das war sicherlich ein vernünftiger Schritt in die richtige Richtung“, erklärte die neue Meisterin ihre Absenz bei den Hallenmeisterschaften. „Ich hatte also auch nichts zu verlieren, mit dreißig ehedem!“ Die Vermutung, dass gerade die eher langsameren Meisterschaftsrennen ein Vorteil für die Erfurtern darstellen, das lässt die frühere 400 m-Läuferin nicht gelten. „Mir sind eigentlich die Rennen am liebsten, die richtig zügig sind!“ Aber es geht zweifellos auch anders herum.
Im verschleppten Meisterschaftsrennen folgte Monika Gratzki auf Rang zwei, deutlich zurück zeitgleich auf den Plätzen drei und vier Simone Beutelsbacher und die junge Katrin Judith Trauth. Die stark eingeschätzte Janina Goldfuß büßte erst im hektischen Finale ihre Medaillenchancen ein.

Frauen 1500 m:
Genugtuung für Kathleen Friedrich

„Für ein Meisterschaftsrennen ist am Ende doch noch eine ordentliche Zeit heraus gekommen“ stellte Kathleen Friedrich als alte und neue Meisterin mit unverkennbarer Zufriedenheit mit Blick in die Journalistenrunde fest. Die sicherlich nur geringen Hoffnungen auf die Olympianorm hatte die Neu-Potsdamerin angesichts des böigen Windes rasch aufgegeben, zumal ihre Clubkollegin Antje Möldner das Anfangstempo (1:06,47) nicht länger hoch halten konnte.

Denn schon nach gut 400 m setzte sich Kathleen Friedrich an die Spitze des Feldes, gefolgt von Antje Möldner und Carmen Rüdiger. Doch im Alleingang waren die geforderten 4:05,80 nicht zu schaffen. Das jedenfalls war der 27jährigen, die unter dem Training von Beate Conrad zur Leistungsträgerin über diese Mittelstreckendistanz gereift ist, rasch klar. Dennoch spricht es für Kathleen Friedrich, dass sie das Tempo einigermaßen hoch halten wollte. „Ich habe zwar viele Rennen bestritten“, blickt die Potsdamerin zurück auf die bisherige Saison, „doch ich habe mir nicht vorzuwerfen, eine Möglichkeit verpasst zu haben, die Olympianorm zu laufen. In Kassel hätte es ja fast geklappt, am Ende fehlte nur eine halbe Sekunde. Besonders freut es mich, dass ich mich auf einem Niveau mit Endzeiten bis 4:11 bewege. Und das habe ich meiner Trainerin zu verdanken, die mir das Selbstvertrauen wieder gegeben hat!“

Das Braunschweiger Meisterschaftsrennen war übrigens eine eindrucksvolle Demonstration der Leistungsstärke des SC Potsdam, die mit Kathleen Friedrich, Carmen Rüdiger und Antje Möldner die Ränge eins bis drei belegen konnten. „Das zeigt doch, dass die 1500 m in Potsdam zu Hause sind!“ und blickt dankbar zu ihrer Trainerin, die als Beate Liebich in den 80er Jahren zu den besten Mittelstrecklerinnen Europas zählte.

Frauen 3000 mH.
Melanie Schulz: Erfolgreiches Comeback

Die Durststrecke war lang, doch das lange Warten hat sich für Melanie Schulz gelohnt. „Mitlaufen, schauen, was die anderen machen und absetzen. Das war unser Fahrplan!“ Die Erleichterung war der früheren U 23-Europameisterin anzumerken. Kein Wunder, schließlich war der erste Start zugleich auch schon ein sehr wichtiger Wettkampf.

Arthritische Bewerden im Mittelfußbereich hatten die kleine Erfurterin praktisch ein Jahr außer Gefecht gesetzt. „Ich wollte schon in Zeulenroda Mitte Mai starten und mich für den Europacup qualifizieren, doch mein Trainer hat mich zurückgepfiffen!“ Sechs Wochen Lauftraining mussten ausreichen – für den Meistertitel. „Jetzt kann ein internationales Rennen kommen“, forderte Melanie Schulz im Ziel, „denn mit 10:22,08 kann ich die Saison doch noch nicht beenden!“ Die Erfurterin wäre gerne auf die deutsche Jahresbeste, die 19jährige Verena Dreier in Braunschweig getroffen, doch die Siegenerin startet in der kommenden Woche bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Grosseto. „Gegen Verena wäre es doch ein härterer Kampf geworden!“
Die deutsche Rekordlerin führte nahezu von Beginn an, zog zunächst noch mit der Titelverteidigerin Katrin Engelen, Kristin Möller, Tina Tremmel und zunächst noch Felicitas Mensing mit, um mit zunehmender Distanz („Der Kampf gegen den Wind hat mich doch ganz schön geschlaucht“) einem sicheren Sieg entgegen zu laufen.

Katrin Engelen, die sich am längsten noch auf Tuchfühlung mit der Melanie Schulz befunden hatte, verlor den an sich sicheren zweiten Rang praktisch auf der Ziellinie noch gegen Tina Tremmel. Die kleine Mannheimerin kompensierte das Handikap, sechs Runden lang mit nur einem Schuh laufen zu müssen, mit großem Kämpferherz und wurde dafür mit Silber belohnt („Ich lange überlegt, ob ich weiterlaufen oder aufhören sollte!“).

Wilfried Raatz


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