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„100 Jahre Bayer 04 Leverkusen“ / 100 Jahre Bayern Sportförderung

Die Rede des Bundeskanzlers anlässlich des Festaktes

26.07.2004

Lieber Herr Wenning,
lieber Herr Schneider,
lieber Herr Beck,
meine Damen und Herren,

ich freue mich hier sein zu können, weil ich meinen Respekt sagen möchte gegenüber einer großartigen Tradition, einer Tradition in Sport und Kultur. Aber auch Respekt sagen will vor den Anstrengungen eines Unternehmens, das in schwieriger gewordenen Zeiten den Sport und die Kultur sponsert.
Gibt es doch viele, die den gegenteiligen Standpunkt vertreten und in kalten Zahlen rechnen. Sie haben es erwähnt, Herr Wenning, dass für die Bayer AG motivierte Mitarbeiter ganz wichtig sind für den Erfolg des Unternehmens. Und diese nicht zuletzt dadurch zu motivieren sind, dass sie Teil eben dieses Unternehmens sind, das sich kulturellen und sportlichen Aufgaben ganz selbstverständlich widmet und die dafür erforderlichen Mittel auch zur Verfügung stellt.

Wenn ich über Bayer 04 Leverkusen nachdenke, dann kommen mir bei dem Thema „100 Jahre TSV Bayer 04“ ein paar Dinge in den Sinn:

Erstens. Er ist in der Tat der älteste Werksverein in Deutschland.

Zweitens. Wenn auch jetzt, jedenfalls was die öffentliche Wahrnehmung angeht, gelegentlich anderes im Vordergrund steht:
Die großen Verdienste von Bayer Leverkusen liegen in der Leichtathletik – das muss man immer wieder betonen.

Drittens. Die Fußballabteilung ist inzwischen faszinierendes Aushängeschild des Vereins.

Viertens. Soziales Engagement im Behindertensport und die außerordentlichen Leistungen, die hier erzielt werden.

Meine Damen und Herren, gegründet wurde dieser älteste deutsche Werksverein im selben Jahr wie die Kulturvereine der Bayer AG. Etwa der Bayer Männerchor oder aber das Sinfonieorchester, das wir heute hören. Für Carl Duisberg war damals die Förderung der Kultur, die Unterstützung sozialer Einrichtungen - einschließlich des Werkswohnungsbaus – ein beachtlicher Teil des sozialen Gesamtengagements der Bayer Werke.

Der TSV 04 gehört zur Identität des Unternehmens; damals wie heute.
Die Bayer AG ist nämlich weit mehr als lediglich der Hauptsponsor des Vereins. Das Unternehmen engagiert sich im Sport weit über den Werksverein hinaus. Es investiert regelmäßig in Sportanlagen und schließt Sponsorenverträge für Leistungssportlerinnen und Leistungssportler. Verein und Unternehmen helfen den Sportlern auch beim Übergang in ein Leben nach dem Leistungssport. Gewiss gibt es sehr viele Profis, die das gar nicht brauchen. Aber hinter dem, was etwa im Fußballsport an Gehältern gezahlt wird, verbirgt sich oft die Tatsache, dass viele Spitzensportlerinnen und -sportler, die nicht in den ganz spektakulären Bereichen wie Fußball aktiv sind, diese Hilfe beim Übergang vom Leistungssport in ein Berufsleben sehr wohl brauchen. Das wird auch in Zukunft so bleiben, und dass die Bayer AG dabei hilft, finde ich sehr positiv.

Meine Damen und Herren,

die Zahl von rund 50.000 Mitglieder in den Bayer Sportvereinen, an allen Standorten übrigens des Unternehmens, spricht dabei für die Leistungsfähigkeit und die Begeisterungsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Sport. Es ist aber auch ein Beweis für die Attraktivität des Sports und für die Motivation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eben durch Sport, genauso wie durch Kultur.

Die Leichtathletik ist die Vorzeige-Sportart von Bayer 04 Leverkusen. Während vieler Weltmeisterschaften und Olympischer Spiele konnte man fast eine Gleichung aufmachen: Bayer Leverkusen stellte die Nationalmannschaft, zumindest dominierte der Verein in den jeweiligen Teams. Bis heute ist Bayer Leverkusen der erfolgreichste deutsche Leichtathletikclub.
Ich fand es schön, Herr Wenning, dass Sie gewiss nur beispielhaft die Namen einiger Olympiasieger genannt haben. Heide Ecker-Rosendahl, Ulrike Nasse-Meyfarth, Heike Henkel, Dieter Baumann, Dr. Arnd Schmitt, aber eben auch Willi Holdorf.
Die Älteren, zu denen ich auch gehöre, werden das Bild am Schluss des 1500-m-Laufes nicht vergessen, wo er ziemlich kaputt, aber genauso glücklich aussah – und er hatte berechtigten Grund dazu.

Die Erfolge in der Leichtathletik schmälern nicht die in anderen Sportarten, wie beispielsweise im Handball. Früher wurde – wie man auf den Bildern sehen konnte – noch Feldhandball gespielt, eine fast vergessene Sportart, bei der wundervolle Tore erzielt worden sind. Volleyball ist bei Bayer 04 Leverkusen gespielt worden, Fechten ist hier groß geworden, aber natürlich wurde zurecht auch auf Basketball hingewiesen.

Das, meine Damen und Herren, ändert nichts daran, dass die Fußballabteilung inzwischen, jedenfalls was die nationale und internationale Wahrnehmung im breiten Publikum angeht, das Aushängeschild des Vereins geworden ist. Die Leistungen der Profi-Fußballmannschaften sind es, mit denen die Fans, aber auch die anderen Sportinteressierten, sich identifizieren. Und, meine Damen und Herren, ich möchte hier einen nennen, der besonders zu diesem Erfolg von Bayer 04 Leverkusen beigetragen hat und der im positiven Sinne immer wieder auffällt: Ich meine Rainer Calmund.

Wir denken auch an die beiden sportlichen Tragödien, die Bayer 04 Leverkusen gleich zweimal, - unter Christoph Daum und unter Klaus Toppmöller – die Deutsche Meisterschaft, aber wirklich um Haaresbreite, gekostet haben. Man hat da Männer weinen sehen. Das wird im Gedächtnis bleiben. Ich erinnere aber auch an das Erreichen der Champions League und des DFB-Finales. Während der nationale Titel gewonnen wurde, scheiterte man beim europäischen Titel unglücklich.

Leverkusen hat sich, daran sollte man sich in diesen Tagen einmal erinnern, auch für die Fußball-Nationalmannschaft stark engagiert. In diesem Zusammenhang, wie könnte das anders sein, muss von Rudi Völler die Rede sein. Er stellte sich der Nationalmannschaft in einer schwierigen Lage zur Verfügung, obwohl er nicht nur andere Ambitionen, sondern auch andere Perspektiven hatte. Rudi Völler hat diese Mannschaft förmlich neu aufgebaut, ist mit ihr unerwartet Vizeweltmeister geworden. Und er hat das Team für die Europameisterschaft qualifiziert: Das ist längst nicht jedem gelungen! Die Entscheidung Rudi Völlers zurückzutreten verdient unser aller Respekt. Ich sage aber auch, dass ich ein bisschen traurig darüber bin, denn er hat einen guten Job gemacht.

Meine Damen und Herren, Sie Herr Wenning, haben zu Recht über den Behindertensport geredet. Das ist nun wirklich nicht nur ein sehr bedeutender Bereich für den TSV Bayer 04 Leverkusen, sondern auch ein außerordentlich erfolgreicher. Dabei geben die behinderten Spitzenathletinnen und -athleten eine wichtige Orientierung. Menschen mit Behinderungen sehen, dass es möglich ist, Spitzenleistungen zu erbringen und über diese Spitzenleistungen ein Stück Selbstbewusstsein zu gewinnen. Das ist mit Sicherheit auch im beruflichen Leben und bei der beruflichen Eingliederung sehr hilfreich.
Stellvertretend für viele nenne ich Britta Siegers. Sie ist die erfolgreichste Behindertenschwimmerin. Dass sie sich in diesem Jahr noch einmal im Rollstuhltennis für die Paralympics qualifiziert hat, unterstreicht ihre ganz persönliche Ausnahmestellung.

Gern erinnere ich daran, dass vor zwei Jahren die Behindertensportabteilung des TSV 04 mit dem Grünen Band für die vorbildliche Talentförderung im Verein ausgezeichnet wurde. Ausdrücklich unterstreiche ich die gelungene Integration der Sportlerinnen und Sportler mit Behinderungen in den Sportbetrieb der Nichtbehinderten. Das ist ein eminent wichtiger Punkt für alle. Dass es in Leverkusen den Leistungsstützpunkt für behinderte Aktive gibt, ist bekannt.
Einem breiten Publikum sollte durch die Medien aber vermittelt werden, dass vom ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Bayer AG, Herbert Grünewald, die Stiftung für Behinderten- und Leistungssport gegründet wurde.

Den Menschen mit Behinderung muss verstärkt das Gefühl gegeben werden, dass sie ohne Ausnahme und ohne Einschränkung, außer der, mit der sie leben müssen, zu uns allen gehören. Das ist gerade im Sport so eminent wichtig, dass ich alle Verantwortlichen bitte, auch zukünftig engagiert weiter zu machen. Es zahlt sich für die ganze Gesellschaft aus, denn der Zusammenhalt aller wird gestärkt. Denjenigen, die das Glück haben, ohne Behinderungen leben zu dürfen, sollte die Hilfe, die sie gewähren, eine Selbstverständlichkeit sein.

Meine Damen und Herren, ich gratuliere besonders gerne zu diesem Jubiläum. TSV Bayer 04 danke ich für viele schöne, unvergessene Erfolge, an denen sich alle Sportanhänger erfreuen konnten.
Der Bayer AG, ich betone das noch einmal, danke ich dafür, dass sie Sport und Kultur fördert. Das Unternehmen erkauft sich seinen Erfolg nicht – lassen Sie es mich so ausdrücken – mit betriebswirtschaftlichem Geiz, indem die Kosten für Sport und Kultur zusammengestrichen werden. Ich kann das nur begrüßen.
Es zeigt, dass die Unternehmensführung weiß, dass motivierte Mitarbeiter gebraucht werden, und dass diese nur zu motivieren sind, wenn sie spüren, dass ihr Unternehmen sich für mehr als nur den wirtschaftlichen Erfolg einsetzt. Zum anderen bin ich überzeugt, dass ein Unternehmen, das in globalisierten Märkten tätig ist, gut daran tut, zu wissen, dass Wirtschaft auch für die Gesellschaft da ist.

Dass Bayer das in all den Jahrzehnten geschafft hat, und dass wir deswegen 100 Jahre Sport- und Kulturförderung feiern können, freut nicht nur mich. Es freut viele Menschen in Deutschland mit mir. Und diese vielen werden sich sicher meinem Glückwunsch anschließen, den ich gern ausspreche.


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