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Swiss Alpine Marathon in Davos mit Sieg am grünen Tisch

Über 4000 Teilnehmer beim Hochgebirgsspektakel

01.08.2004

Sieg am „grünen Tisch“: Italienerin Monica Casiraghi erhält Sieg beim Swiss Alpine Marathon zugesprochen – Einlauferste Maria Bak durch Schiedsrichterspruch nun Zweite – 100 km-Champion Mario Fattore entthront Grigory Murzin und sorgt für italienischen Doppelsieg

Über 4000 Teilnehmer beim Hochgebirgsspektakel Swiss Alpine Marathon in Davos – Berlinerin Anja Carlsohn gewinnt zum dritten Male den K 30 von Davos nach Filisur

Das hat es in der neunzehnjährigen Geschichte des Swiss Alpine Marathon in Davos noch nicht gegeben! Noch am Samstag stand die dreifache Comrades-Marathon-Siegerin Maria Bak aus Hersbruck auf dem obersten Podest beim K 78, dem über 78,5 km und 2 320 m Höhenmeter führenden Wettbewerb und durfte die Glückwünsche durch OK-Chef Andrea Tuffli und der Konkurrenz, angeführt von der letztjährigen Siegerin Monica Casiraghi und der Schweizerin Sonja Knöpfli, entgegen nehmen. Doch diese Reihenfolge wurde am Sonntagmorgen in einer Sitzung des Schiedsgericht gekippt: Casiraghi vor Bak und Knöpfli, so die endgültige Reihenfolge beim spektakulären Ultrawettbewerb von Davos über Filisur und Bergün, den beiden Kulminationspunkten Keschhütte auf 2632 m und Scalettapass auf 2606 m und wieder zurück nach Davos.

Was war geschehen? Von einem vermeintlichen Streckenposten war die zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem Drei-Minuten-Vorsprung ausgestattete Italienerin nach 37 km auf der Wegstrecke nach Bergün, wie wohl einige andere Läufer, in ein steiles Bergaufstück geführt worden. Als sie den Irrweg bemerkte, drehte sie um, machte sich reichlich gefrustet mit einem Zeitverlust von rund zehn Minuten im Gepäck auf die Verfolgung.

Die dreifache Comrades-Marathon-Siegerin siegt zunächst
Die Vorjahressiegerin und 100 km-Europameisterin holte die längst davon geeilte Konkurrenz wieder ein und übernahm kurz nach dem Scalettapass sogar wieder die Führung. Beim langen Bergabstück durch das malerische Dischmatal konterte die zwischenzeitlich in Führung gegangene Maria Bak und zog an der entkräfteten Italienerin vorbei zum knappen Sieg in 7:00:06 Stunden, während Monica Casiraghi zweieinhalb Minuten später ins Ziel im Davoser Sportzentrum einlief.

Tuffli spricht von „Sabotage“ und einer „Anzeige gegen Unbekannt
„Ich war so gefrustet, dass ich in Bergün aufgeben wollte. Schließlich habe ich 10 Minuten und damit den Sieg verloren!“ sagte noch am Samstagabend eine enttäuschte Monica Casiraghi. „Hier ist etwas völlig Unerklärliches geschehen“, formulierte Swiss Alpine-Chef Andrea Tuffli sein Unverständnis über diesen Vorfall. „Dies ist sehr bedauerlich, dass es ausgerechnet der Vorjahressiegerin passiert ist. Wir werden diesem Vorfall natürlich nachgehen!“ Die Organisationsleitung hat dies noch am Abend gründlich getan und hat sich nach Anhören von Zeugen zu dem ungewöhnlichen Schritt durchgerungen. In einer Presseerklärung spricht Tuffli von „Sabotage“ und einer „Anzeige gegen Unbekannt.

Auch bei den Männern Änderungen
Aber nicht nur durch diese Entscheidung am „grünen Tisch“ wurde die Reihenfolge im Frauenklassement umgekehrt und damit auch die ausgelobten 4000 Franken der Italienerin zugesagt, sondern auch die Prämienränge der Männer erfahren eine Änderung. Der als Vierter eingelaufene italienische 100 km-Europameister Mario Ardemagni widerfuhr das gleiche Missgeschick, auch wenn er bereits in Filisur als Vierter rund drei Minuten auf die Spitze mit Grigory Murzin und Mario Fattore zurück lag und im Ziel 24 Minuten hinter seinem siegreichen Landsmann Fattore einkam.

Als Trostpflaster darf Ardemagni wie der drittplatzierte Deutsche Michael Sommer aus Oberstenfeld die 1000 Franken-Prämie einstecken, der sechseinhalb Minuten vor dem Italiener das Ziel erreichte. Da auch im polysportiven Team-Wettbewerb mit 3 Läufern und jeweils einem Biker und Skater Ungereimtheiten zu einem Schiedsrichterspruch und zwei Drittplatzierten führen, ist die Organisation für die Jubiläumsausgabe 2005 gefordert.

„Wir stellen uns der Kritik!“ geht Andrea Tuffli postwendend in die Offensive. Schließlich gab es bereits im Vorjahr Unmutsäußerungen beim in Bergün führenden Mohamad Ahansal, der von einem Streckenhelfer auf einen falschen Parcours geschickt wurde, zurücklief und letztlich seinen Vorsprung und den Sieg einbüßte.

Allerdings könnte die Entscheidung pro Casiraghi noch ein Nachspiel haben. Schließlich haben die Veranstalter eine sportliche Entscheidung per Schiedsgericht umgekehrt, indem der Italienerin eine „Zeitgutschrift“ zugebilligt und der als Erste ins Ziel eingelaufenen Maria Bak, die sich möglicherweise im vermeintlich leichten ersten Streckenabschnitt taktisch zurück gehalten hat, um im steilen Aufstieg zur Keschhütte und der Passage zum Scalettapass genügend Kraft und Konzentration zu haben, der Erfolg gestohlen wurde.

Die in Polen geborene im fränkischen Hersbruck lebende Maria Bak jedenfalls ist die Angeschmierte, die sich selbst weder Vorteile verschafft noch andere behindert hatte. Im Umkehrschluss könnte ein Läufer, der im Gedränge einen Schuh verloren hatte, nämlich auch keine Zeitgutschrift für dieses Missgeschick für sich proklamieren.

Die Schiedsgerichtsentscheidung ist sicherlich zweischneidig, sie könnte künftig in ähnlich gelagerten Fällen zu weiteren Einsprüchen Anlass geben. Denn, und das zeigt die Praxis, bei Langstreckenwettbewerben fernab des Stadionovals kommt es immer wieder zu Fehlleitungen, egal ob diese an der Spitze oder im weiten Feld der Hobby- und Freizeitläufer passieren.
Tuffli und Co. wären vielleicht besser beraten, der tapferen Monica Casiraghi einen eher materiellen Zuschlag zu gewähren als die Rangliste umzuschreiben. Schließlich basierte letztlich der Schritt, den Zieleinlauf umzuschreiben, auf reiner Spekulation.

Starke Schweizerin und eine Mannheimerin mit Gebirgslauf-Ambitionen ...
Unbestritten ist jedenfalls, dass im starken Frauenfeld ein heftiger Kampf um die Plätze entbrannt war, der erfreulicherweise auch eine Schweizerin eingreifen konnte. Sonja Knöpfli aus Wintertur sah sich durch das Missgeschick um Monica Casiraghi zwischenzeitlich in Bergün sogar vor Julia Alter, Maria Bak und Karine Herry in Führung. „Ich war durch die Lautsprecheransage in Bergün schon verwirrt“, gestand die 27jährige, die ihre Stärken offensichtlich auf den langen Gebirgsläufen sieht und eine Läuferin mit Perspektiven ist. Vor allem dann, wenn sie auch die Scheu vor kürzeren Bergläufen verliert, um sich dort läuferisch weiter zu verbessern.

Auch Julia Alter, im Vorjahr Dritte, ist eine erfrischende Kraft im erstarrten Ultrabereich, auch wenn die einstige Dominanz einer Birgit Lennartz vorbei sind. Allerdings ist die Mannheimerin mit dem Makel der Vielstarterei behaftet, schließlich hat die 32jährige in bereits kürzester Zeit nicht nur die Marathonpremiere in ihrer Heimatstadt mit Hausrekord, sondern auch den LGT-Marathon in Liechtenstein, den Zermatt-Marathon und den Graubünden-Marathon absolviert. Auch Maria Bak ist eine Vielstarterin, zudem eine erfolgreiche. Wortreich zieht die 45jährige Großmutter („Ich bin in der Tat eine Oma, schließlich habe ich schon Enkelkinder!“) rasch eine komplette Bilanz über ihre sportlichen Meriten: Comrades in Südafrika, 100 km in Biel, 50 km-Europarekordlerin ...
„Viele Jahre viele Sachen!“ sagt Maria Bak mit unverkennbarem Akzent belustigt. Von Verletzungen längst nicht verschont, hatte sie gerade erst ein Übergewicht von neun Kilogramm abtrainiert, um auf die entsprechenden Kilometer-Umfänge zu kommen. Ihr Mann Kazimir ist dabei treuer Trainingspartner und „Antreiber“ bei Wettkämpfen wie auch unterwegs auf der Swiss Alpine-Marathon-Strecke („Er beschimpft mich wie immer!“).
Duell der weltbesten 100 km-Läufer Die Startliste der K 78-Läufer, so jedenfalls wird der Ultra-Gebirgslauf durch die großartige Graubündner Gebirgswelt in der Landschaft Davos und dem Piz Kesch, kommt einem Stelldichein der weltbesten 100 km-Läufer gleich. Wie auch schon bei der inoffiziellen 100 km-Weltmeisterschaft in Taiwan dabei die Reihenfolge im Ziel: Mario Fattore vor Grigory Murzin und Michael Sommer, dahinter der wie eingangs schon erwähnte Europameister Mario Ardemagni vor Thomas Miksch, dem erfahrenen Ultraläufer aus Kempten mit vielen 100 km-Erfolgen.

Der nicht minder hoch gehandelte Weltklasseläufer Jaroslaw Janicki gab nach forschem Beginn zudem später auf, der Marokkaner Mohamad Ahansal wechselte nach seinem letztjährigen Debakel zudem kurzfristig auf die K 42-Strecke.

Der dreifache Swiss Alpine Marathon-Sieger Grigory Murzin lief dabei im Sog der schnellen „Landwasserläufer“ (K 30) so flott los als gelte es, einen Streckenrekord auf der Strecke bis Bergün aufzustellen. Dies sollte sich rächen, denn der fast auf Blickweite dahinter laufende Mario Fattore kehrte den Neunzig-Sekunden-Rückstand in Bergün beim Aufstieg über das Val Tuors zur Keschhütte und dem Panoramatrail zum Scalettapass in einen „komfortablen“ 2:40 Minuten-Vorsprung um, auch wenn er in derartiger Höhe noch nie einen Wettkampf bestritten hatte. „Ich habe zwar schon ähnlich lange Gebirgsläufe bestritten“, bekannte der kleine, nur 58 kg schwere Italiener, „aber noch nie so anspruchsvolle!“

Noch niemals gab es jedenfalls einen Sieger, der die atemberaubende Gebirgswelt mit einem Walkman durcheilte. „Mir hat der größer werdende Abstand zu Murzin und meine Musik einen Adrenalinschub versetzt!“ Nachgefragt outete sich dabei Mario als Freund trendiger Popsongs italienischer Machart. Sichtlich enttäuscht war Murzin, dessen Schock-Taktik mit dem sehr schnellen Start nicht den gewünschten Erfolg einbrachte, aber vorrangig seinen vierten Sieg im sechsten Auftreten in Davos einer Fußverletzung zuschrieb. „Ich konnte nur am Anfang und am Ende so laufen, wie ich wollte. Dazwischen lagen leider 23 Kilometer, die sind mir nicht gut bekommen!“

Stammgast in Davos ist auch Michael Sommer, der im dreizehnten (!) Rennen sein bislang bestes Ergebnis einfahren konnte. „Das war nicht mein leichtestes Rennen!“ bekannte der 40jährige Forstarbeiter aus dem Schwabenland mit leichter Untertreibung, der dabei seinen vieljährigen Weggefährten Thomas Miksch vom Podestrang verdrängen konnte.

Tuffli: Für die 20. Auflage die Spannung hoch halten!“
Andrea Tuffli wäre nicht Andrea Tuffli, wenn er schon ein Jahr vor dem großen Show-down die Katze aus dem Sack lassen würde. Schließlich stehen die Organisatoren des großen Ultra-Bergmarathonspektakels im kommenden Jahr vor einem bedeutsamen Jubiläum.
Total 4 514 Teilnehmer sprechen für sich, der Swiss Alpine Marathon ist ein Mega-Event, bei dem sich Menschen aus vielen Nationen auf unterschiedlichster Weise ein Naturerlebnis, ein Abenteuer „gönnen“.

Der 78,5 km lange Ultralauf ist dabei nach wie vor das Kernstück mit 1093 Meldungen, knapp dahinter allerdings schon der höchstgelegene Bergmarathon Europas K 42 mit 859 Meldungen und dem über 30 km führenden Einsteigerlauf mit 802 Teilnehmern.

Diesen hat übrigens nun bereits zum dritten Mal in Folge die Berlinerin Anja Carlsohn gewonnen. „Das ist wieder einmal eine solide Grundlage“, gestand sie freudig im Ziel in Filisur, „im Herbst möchte ich das gerne in Frankfurt auch über Marathon umsetzen!“

Der im Vorjahr kreierte C 42, die Soft-Variante eines Marathons mit eher in der Tendenz abfallendem Gelände und Ziel in Bergün, sammelte 324 Startwillige an. Den Rest machen die Team-Starter sowie, ganz im Trend der Zeit, der Walking-Wettbewerb und der Mini-Marathon der Jugendlichen aus.

Tufflis Hoffnungen sind die 5000 Teilnehmer, die vielleicht beim großen Stelldichein der „alten Meister“ nach Davos anreisen könnten. Auf das Wiedersehen mit einstigen Größen wie Charly Doll, Peter Camenzind, Jörg Hägler oder Peter Gschwend (der heuer mit nunmehr 52 Jahren Zweiter des C 42 wurde) freut sich der Grandmaster des „Crazy peak experience“ schon jetzt.

Vielleicht kommt mit Horst Milde auch der inzwischen ins zweite Glied beim real,- BERLIN-MARATHON gerückte Vater des weltweit beachteten Laufspektakels in der deutschen Hauptstadt, der vor neunzehn Jahren die Patenschaft für den Swiss Alpine Marathon in Davos angenommen und über Jahre hinweg wertvolle Anschubhilfe geleistet hatte. Ob dies allerdings auch parallel einher geht mit dem Abschied Andrea Tufflis vom Organisationstableau, das wissen heute allerdings alleine nur die Macher im engen Führungszirkel in Davos.

Eines jedenfalls ist unbestritten, der Swiss Alpine Marathon hat Emotionen geschaffen. Swiss Alpine Marathon steht für Naturerlebnis pur, vor allem dann, wenn Postkartenwetter Tausende auf die Beine bringt, um entweder als Aktive oder als Begleiter und Zuschauer ein großes, in gewissen Sinne aber auch verrücktes Laufspektakel mit einer nahezu perfekten Organisation zu erleben in einer großartigen Landschaft.

Wilfried Raatz

Ergebnisse über:
www.alpine-davos.ch


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