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"Ich will laufen" - Dieter Baumann im Fernsehen

Der Film versucht die Ereignisse nach der positiven Dopingprobe und Baumanns Kampf um Gerechtigkeit bzw. um seine Rehabilitation zu reflektieren

04.08.2004

Der Fall Dieter Baumann sorgte zwischen 1999 und 2001 für einige Aufregung. Das Medieninteresse war immens, als im November 1999 der positive Dopingtest bei dem populären Langstreckenläufer Dieter Baumann bekannt wurde. Der Fall spaltete die Republik in zwei Fraktionen, die eine pro, die andere kontra Baumann. Dieter Baumann, 1992 Olympiasieger über 5000 Meter, der erfolgreichste deutsche Langstreckenläufer aller Zeiten, wehrte sich mit allen Mitteln gegen die Vorwürfe.
Der Fall sorgte auch in Juristenkreisen für Aufsehen, letztendlich hatte eine Wahrheitsfindung, wie sie für Zivilisten gilt, im System der deutschen Sportgerichtsbarkeit keine Chance.

Comeback mit EM-Silber

Baumanns Comeback nach der zweijährigen Sperre gelang durch eine Silbermedaille über 10000 Meter bei den Europameisterschaften 2002 in München auf überzeugende Weise, im Spätsommer 2003 beendete er seine 20-jährige Karriere als Hochleistungssportler.
Der Film versucht die Ereignisse nach der positiven Dopingprobe und Baumanns Kampf um Gerechtigkeit bzw. um seine Rehabilitation zu reflektieren.

Sehr authentisch

Die Geschichte um den Fall Baumann wird durchaus sehr authentisch erzählt und konzentriert sich notgedrungen auf die wichtigsten Eckpunkte des komplexen Falles, der nur wenigen Insidern der Szene in seiner ganzen Vielfältigkeit nachvollziehbar ist und vor allem durch die Geschichte mit der Zahnpasta eine Dimension annahm, die einem Außenstehenden den Zugang nahezu unmöglich machte. Regisseur Diethard Klante, der auch für das Buch verantwortlich zeichnet, recherchierte sehr gründlich, was man dem Film deutlich anmerkt, wenngleich Zuschauer, die sich nicht mit der Leichtathletik beschäftigen, eventuell Mühe haben, die bei diesem Fall eine Rolle spielenden Strukturen einigermaßen nachzuvollziehen bzw. einzuordnen.
Da gibt es Verbandsfunktionäre, Dopinganalytiker, Pressevertreter und Konkurrenten auf der Laufbahn.

Zwei Szenen wurden herausgeschnitten

Vor allem dem zeitlebens in Baumanns Schatten laufendem ewigen Zweiten und heutigen Eurosport-Kommentator Stephane Franke gefiel die Darstellung seiner Person nicht besonders. Das ist sein gutes Recht, und er drohte auch – logischerweise – mit einer Klage, da er sich „charakterlich nicht richtig abgebildet“ sehe.
Die Szene, die daraufhin herausgeschnitten wurde, zeigt ihn, wie er nach seinem Ausscheiden bei den 10000-m-Meisterschaften (1994 in Kappelrodeck) mit Isabelle diskutiert und sie die Zusammenarbeit mit ihm aufkündigt. Die Produktionsfirma beschloss daraufhin, die Szene herauszuschneiden, „ohne juristische Not“, wie deren Anwalt betonte.
Die zweite Szene, die der Schere zum Opfer fiel, betrifft den Schluss des Films, wo der Satz fällt, CAS, das Sportgericht des IOC, habe sich vor seinem Beschluss, Dieter Baumann nicht bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahre 2000 starten zu lassen, die Akten des Falles gar nicht eingesehen.

Rivalität der Sportredaktionen: FAZ gegen SZ

Keine Beschwerde kam dagegen von Hans-Joachim Waldbröl, dem Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und dort ein seit Jahren ausgewiesener Experte für Leichtathletik, Doping sowie für Sportpolitik, der im Film als Journalist mit großer Nähe zur Verbandshoheit dargestellt wird, als Königsmacher sozusagen, der in den obersten Zirkeln der Sportmacht, in diesem Fall dem Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF verkehrt. Diese Rolle spielte er bis in kleinste Nuancen auch in der Wirklichkeit, das zeigen die Dokumente der Zeitgeschichte mehr als deutlich.
Genauso deutlich wurde im Dopingfall des Dieter Baumann auch die Konkurrenz der beiden großen deutschen Tageszeitungen, der FAZ und der Süddeutschen Zeitung (SZ). Letztere wird allerdings im Film nicht durch ihren damaligen Protagonisten vertreten, Thomas Kistner, Gegenspieler von Waldbröl bei der SZ in sachen Doping und Sportpolitik, sondern durch den damaligen Sportchef und Leichtathletik-Experten Michael Gernandt.

Die „Zeit“ brachte dies damals auf einen trefflichen Nenner, als sie schrieb: „Eine alte Rivalität lebt in diesen Tagen neu auf: Solange es Sportpolitik gibt., streiten die beiden besten Sportredaktionen im Lande – die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung...und der Süddeutschen Zeitung... – über die Frage, ob die Herren an der Spitze von IOC und Fifa (Int. Fußball-Verband, RW) sehr korrupt (SZ) oder nur ein klein wenig korrupt (FAZ) sind. Seit der Läufer Dieter Baumann vom Vorwurf des Dopings freigesprochen wurde, gibt es einen neuen Disput zwischen den Blättern.
Verkürzt gesagt: Die FAZ hält Baumann für schuldig, die SZ glaubt dem Sportler.

„Oliver-Stone-Film für Arme“

Natürlich spiegelt sich diese Haltung auch darin wieder, wie die beiden Zeitungen diesen Film ankündigen: In der Mittwochsausgabe der FAZ wird der Fall auf der Medienseite wie sonst kein anderer TV-Film vom Medienexperten Michael Hanfeld in epischer Breite analysiert und dabei mehr oder weniger verrissen („Oliver-Stone-Film für Arme“), der Sportteil bleibt außen vor.
In der SZ darf der Leichtathletik-Experte und Baumann-Sympathisant Robert Hartmann den Film auf der Sportseite loben, auf der Medienseite gibt ihm Holger Gertz sein „o.k.“.
Man kann in diesem Fall Michael Hanfeld nur beipflichten, wenn er sagt: „Man muss den Film in der Tat gesehen haben, um mitreden zu können.“

Hochkarätige Schauspieler

Die Rollen sind mit teilweise hochkarätigen Theater- und Filmschauspielern besetzt. Einige Personen spielen sich auch selbst, so der Gutachter und Pharmakologe Professor Sörgel oder der ZDF-Moderator und Reporter Wolf-Dieter Poschmann, in den siebziger und achtziger Jahren selbst ein 5000-m-Läufer der deutschen Spitzenklase. Hans-Werner Meyer spielt sehr überzeugend Dieter Baumann, Burgschauspielerin Sophie Rois noch überzeugender seine Frau Isabelle, ferner sind dabei Thomas Thieme (Verbandspräsident Digel), August Zirner (FAZ-Redakteur Waldbröl) und Oliver Nägele (Kriminalkommissar vom Scheidt).

Thomas Steffens,
RUNNER´S WORLD

Sendetermin:

HEUTE - Mittwoch
4. August, 20.15 Uhr, ARD.
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