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Geile Berge - eine Liebeserklärung

K 78 beim Swiss Alpine Marathon Davos am 31. Juli 2004

05.08.2004

Entschuldigung.
Noch gar nicht so lange her, dass sich alle möglichen Menschen in aller Öffentlichkeit immerzu entschuldigten. Der Kanzler für seine Politik, Vorstände für ihre Gehälter, Filmsternchen für ihre Affären. Heute entschuldige ich mich, zunächst bei den Leserinnen und Lesern, weil ich nicht anders kann, als hemmungslos gut und ohne jedes kritische Wort über dieses wunderbare Rennen zu schreiben.
Ich liebe es. Vergessen Sie die Berglaufexperten, die in ihren Vergleichen und Rankings behaupten es gäbe steilere, schönere, anspruchsvollere, schnellere Rennen im Gebirge. Es ist nicht wahr. Dieses Rennen ist das Größte.

Beim K 78 in Davos sind 2.320 Höhenmeter sehr ungleichmäßig über eine Strecke von 78,5 Kilometer verteilt. In zwölf Stunden sollen die Läuferinnen und Läufer diese Strecke am letzten Samstag im Juli bewältigt haben. Normalerweise genügend Zeit für Frühstück, Wochenendeinkauf, Mittagessen, Rasen- und Autopflege, Kaffee und Kuchen, Sportschau ...
Außerdem finden an diesem Samstag in und um Davos zwei verschiedene Rennen über die Marathondistanz und ein Lauf über 30 Kilometer statt.

Davos im Juli, Urlaubsstimmung
Davos im Juli, Urlaubsstimmung. Schon bei der Anreise mit der Rhätischen Bahn zeigt die Landschaft in ihrer ganze Schönheit. Modelleisenbahnlandschaft. Grüne Wiesen mit weidenden Kühen, kleine Orte, wilde Bäche, Wälder und immer wieder das Panorama der Berge. Wunderbar. Die ganze Stadt strahlt eine tiefe Ruhe und Freundlichkeit aus. Im Hotel kennt man den Grund ihrer Reise, erkundigt sich nach der Form und hofft, dass sie in diesem Jahr nicht wieder die Pflasterbestände im Haus reduzieren, weil sie sich auf einer steilen Bergabpassage das Knie oder die Hand aufgeschlagen haben.

Samstag 8.00 Uhr.
Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Die Läuferinnen und Läufer werden vom gutgelaunten Stadionsprecher ermahnt, unterwegs reichlich zu trinken und langsam zu laufen. Auch er wird heute einen langen Arbeitstag haben und spät am Abend und immer noch gut gelaunt - „zeigen sie mir ihre Nummer und ich sage ihnen wer sie sind“ - das Renngeschehen kommentieren. Selbst erfahrene Langstreckenläufer gehen hier aufgeregt an den Start. Leichte Panik, noch einmal zur Toilette und - zum drittenmal - - die Schuhriemen kontrolliert.

Der Start.
Gemeinsam mit den Marathonläufern, die ihr Ziel in Bergün haben, und den Teil-nehmern des 30 Kilometer Rennens geht es auf die Strecke. Eine weite Runde durch Davos. Freundliches Publikum, bekannte Gesichter, man kennt sich aus den letzten Jahren. Lockere Stimmung, da wir endlich losgelaufen sind. Vorbei an grünen Wiesen, Kühen mit übergroßen Glocken, Holzhäusern. Und überall das wunderbare Bild der Berge. Die roten Züge der Rhätische Eisenbahn fahren Sonderschichten, um möglichst viele Zuschauer an weiter entfernte Streckenteile zu transportieren.

Langsam laufen ...
Um alles anzusehen, müsste man langsamer laufen. Langsam laufen, das Problem zu Beginn des Rennens, man läuft hier eigentlich immer zu schnell an. Bei Spina und Kilometer 10 gibt es das erste richtig steile Stück, insgesamt führt die Strecke auf den ersten 32 Kilometern jedoch bergab. Davos hat 1.500 Höhenmeter, Filisur bei Kilometer 30 nur 1.000. Bis Filisur werden dunkle Wälder und das atemberaubende Landwassertal durchquert. Ein schmaler Weg, ein wilder Bach, endlos steil aufragende Felsen. Dann der schwindelerregende Viadukt in Wiesen. Die Läuferinnen und Läufer überqueren den Gebirgsbach auf einem schmalen Holzbohlengehweg direkt neben der Bahnlinie, gut 100 Meter über dem Talgrund.

„Mal sehen wie es in den Bergen wird.“
Filisur, die 30 Kilometer Läufer sind im Ziel. An der Verpflegungsstation überwiegen nachdenkliche Gesichter. „Mal sehen wie es in den Bergen wird.“ Bei Kilometer 32 ist der tiefste Punkt der Strecke erreicht und von jetzt ab geht es 30 Kilometer weit fast nur bergauf - und wie. So richtig beginnt der K 78 allerdings nicht erst hier, auch nicht an diesem 31. Juli um acht Uhr früh.
Er beginnt spätestens drei Monate vor dem Startschuss. Bei mir stellt sich meist nach dem ersten Frühjahrsmarathon das „Jan Ullrich Gefühl“ ein:
Du bist zu langsam, zu fett, hast zu wenig trainiert und nur noch zwölf Wochen Zeit. Von jetzt an steht die Vorbereitung auf Davos im Mittelpunkt des Läuferlebens. Freunde werden vernachlässigt, kein Pizzaessen, kein Italienisch-Kurs, kein Lauf in Ratingen, kein Kinoabend. Tut mir leid, ich musste laufen. Deshalb, Jochen, Steffi, Bernd, Christine, Judith und Andreas:
Entschuldigung.

Wer hier nicht anhält um zurück und über das Tal zu schauen ist selber schuld ...
Bergauf bis Bergün, schmale Waldwege zunächst, dann die steile Landstraße. Wer hier nicht anhält um zurück und über das Tal zu schauen ist selber schuld. Viel Publikum ist heute im schönen alten Bergün. Die Wege der Marathonläufer und der Langstreckler trennen sich am Ortseingang. Um 11.30 startet in Bergün das zweite Marathonrennen an diesem Tag. Die Läufer dieses Marathons haben fast dieselbe Strecke wie die K 78er bis zum gemeinsamen Ziel in Davos. Langstreckler, die diesen Punkt der Strecke vorher erreichen, werden von den frischen Marathonläuferinnen und Marathonläufern eher früher als später überholt. Das fachkundige Publikum kann die Teilnehmer der beiden Rennen an den unterschiedlichen Startnummerfarben unterscheiden und der Applaus für die Langstreckler ist immer eine Spur herzlicher. Hinter Bergün haben die Läuferinnen und Läufer des K 78 einen Marathon in den Beinen und einige haben, wie befürchtet, ihre Marathonbestzeit für dieses Jahr eingestellt. Es ging schließlich lange bergab, die richtigen Steigungen stehen noch bevor.

Ein Hochtal, bunte Blumen ... ... ... das Mittelfeld wandert ...
Mittag bei Kilometer 47, Strecke steil, Wetter heiß. Ein Hochtal, bunte Blumen und wieder die wunderbare Aussicht auf die Berge. Chants, der letzte Ort vor dem Auf-stieg zur Ketschhütte. Die Bäume werden kleiner, die Landschaft rauer. Hinter Chants laufen nur noch die Allerbesten, das Mittelfeld wandert, zwei Kilometer steil bergauf können so furchtbar lang sein. Die Belohnung dafür gibt es bei Kilometer 50. Die erste Verpflegungsstation im Hochgebirge jenseits der Baumgrenze. Essen und Trinken und ein langer Blick zurück auf das Erreichte. „Da unten waren wir vorher noch.“
Atemberaubend im wahrsten Sinne des Wortes. Bis zur Keschhütte geht es dann durch hochalpine Felslandschaft. Sonne, blauer Himmel, klares Wasser quert den Weg. Keschhütte, wir sind oben. Stimmung wie im Karneval, dass die wenigen Zuschauer hier oben soviel gute Laune verbreiten können - schön.
Erstmals führt unser Weg kurz und steil bergab, dann wieder hoch, zum Panoramatrail, dem schönste Wegstück des Rennens.

Aussicht auf Berge, Berge, Berge ... ...
Ein schmaler Weg, Felsbrocken verschiedenster Größe unregelmäßig darauf verteilt, links geht es weit und steil berghoch, rechts geht es genauso bergab. Gras, Blumen, Felsen, blauer Himmel, Sonne und die Aussicht auf Berge, Berge, Berge. Überholen ist auf diesem schmalen Weg nur nach Vorankündigung möglich. „War es 2000 als es hier immerzu geregnet hat und die Steine so furchtbar glatt waren?“ Ein sehr schöner und unterhaltsamer Streckenabschnitt. Eine Verpflegungsstation an einer der wenigen breiteren Stellen der Strecke. Die Getränke müssen mit dem Hubschrauber transportiert werden.
Helferinnen und Helfer, die hier einen ganzen Tag lang im heißen Hochgebirge arbeiten, sind wie in jedem Jahr geradezu unglaublich freundlich und hilfsbereit. Überhaupt ist die Versorgung ist auf der ganzen Strecke perfekt organisiert.

Höhepunkt und letzter Gipfel der Reise ...
Eine lange Linkskurve, der Scalettapass ist zu sehen, 2606 Meter, Höhepunkt und letzter Gipfel der Reise durch die Graubündener Alpenlandschaft. Auf dem Pass schaut uns der Rennarzt fest in die Augen und schickt uns mit einem kräftigen Hän-dedruck auf die letzten 18 Kilometer. Keine Liebe ohne Krise, die nächsten Kilometer führen steil, über Geröll und durch einige Schneefelder bergab, ich mag diesen Teil der Strecke nicht, zu steil, zu steinig, will mich jetzt nicht mehr auf den Weg konzentrieren, lieber Berge schauen. Dann ist Dürrboden erreicht.
Zuschauer, die von Davos aus mit dem Rad oder zu Fuß hierhin gekommen sind, sorgen für gute Stimmung und eine schöne Abwechslung nach dem nahezu zuschauerfreien Hochgebirge.

... warum, liebe Berliner, habt ihr den schönen Havelhöhenweg so furchtbar perfekt renoviert ... ... ?
Die letzten 13 Kilometer: Lang und stetig bergab führt die Strecke durchs Tal der Dischma. Die Farben der Wiesen sind jetzt nicht mehr so leuchtend, es wird Abend. Diese letzten Kilometer sind ist manchmal ein Kinderspiel, manchmal der reine Frust. War es 2001? Ich war so am Ende, dass ich mich auf eine Bank gelegt habe und für zwanzig Minuten eingeschlafen bin. In diesem Jahr geht es glatt und gut. Die vielen Trainingskilometer zahlen sich spätestens hier aus. Zuletzt hatte Ute darunter zu leiden, die nur im Schlachtensee schwimmen wollte und mich dann drei Stunden lang wassertragend und auf dem Rad über sandige Grunewaldwege - warum, liebe Berliner, habt ihr den schönen Havelhöhenweg so furchtbar perfekt renoviert?
Der war früher viel schöner - begleitet hat, bis das Sitzen schwer fiel und ein Knie schmerzte:
Entschuldigung.

Verschwitzte Läufer begegnen gebügelten Golfern ...
Der letzte Anstieg für heute kurz vor Davos. Verschwitzte Läufer begegnen gebügelten Golfern. Seit dem letzten Jahr führt die Strecke dann einen langen und langweiligen Kilometer durch eine unbelebte Nebenstraße und das, liebe Veranstalter, solltet ihr schnellstens wieder ändern. Publikum in der Stadt, das Stadion ist menschenvoll, fröhliche Zuschauer, Applaus:
Im Ziel.

Ich hatte immer den Verdacht, dass sich die anfangs zitierten berühmten Menschen nur entschuldigen, weil Öffentlichkeit, Freunde, Familie das so erwarten. Beim Aus-sprechen der Entschuldigung wissen sie ganz genau, dass sie sich in Zukunft nicht anders verhalten werden. Natürlich werde ich am 30. Juli 2005 wieder in Davos laufen und in den Monaten vorher sehr beschäftigt sein:
Entschuldigung.

Frank Bielefeld

Ergebnisse und Fotos zum Rennen gibt es unter:
www.swissalpine.ch


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