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Olympia-Laufserie (X): Marathon mit Paula Radcliffe

Als Weltrekordlerin im Marathon steht sie nun an der Schwelle zum olympischen Triumph.

09.08.2004

DIE SITUATION:

Paula Radcliffe ist immer ein Vorbild gewesen. Der erste Erfolg auf internationalem Niveau kam 1992, als sie in Boston die Chinesin Wang Junxia bei der Crosslauf-WM besiegte und den Junioren-Titel gewann. Im nächsten Jahr hatte Wang für Schlagzeilen gesorgt, als sie und die anderen Chinesinnen vom umstrittenen Trainer Ma Junren Weltrekorde aufstellten sowie Goldmedaillen bei den WM in Stuttgart abräumten.

Im Gegensatz zu den Chinesinnen ist die Geschichte von der wohl besten Langestreckenläuferin aller Zeiten ein musterhaftes Beispiel einer gleichmäßigen Entwicklung bis zum heutigen Tag. Als Weltrekordlerin im Marathon steht sie nun an der Schwelle zum olympischen Triumph.

Wenn die 30-Jährige an den Start des olympischen Rennens am 22. August geht, ist es auch die Frage, ob die Favoritenbürde zu schwer wiegen wird. Von ihrer bisherigen Karriere aus gesehen, muss man die Frage eigentlich mit einem klaren "Nein" beantworten. Aber es werden andere starke Läuferinnen am Start sein: Die beiden Kenianerinnen Margaret Okayo und Catherine Ndereba oder auch die Japanerinnen.

PAULA RADCLIFFE – HIMMEL UND HÖLLE IN BEWEGUNG SETZEN

Das „Laufteam Radcliffe" stand immer auf stabiler Basis: Schon vor den Backfischjahren trainierte sie unter dem Ehepaar Rose und Alex Stanton. In den letzten Jahren hat ihr Ehemann Gary Lough, ehemaliger Mittelstreckenläufer von internationalem Rang, eine wichtige Rolle als Trainingspartner und Manager gespielt.

Radcliffe läuft immer noch für ihren alten Klub, Bedford and County. Bedford ist eine Stadt, die sich cirka 80 km nördlich von London befindet. Es gibt dort eine kameradschaftliche Atmosphäre mit Schwerpunkt Cross-Lauf im Winter, Bahn und Straße im Sommer. Dank dem Ehepaar Stanton hat Radcliffe als Juniorin eine klassische Erziehung in der Leichtathletik gehabt. Akademisch hat sie sich auch bewiesen, als sie in der Loughborough University mit einer 1 in Fremdsprachen (Französisch und Deutsch) promovierte. In den späten siebziger Jahren hat ein gewisser Sebastian Coe Politologie und Wirtschaftswissenschaften an derselben Uni studiert.

Versagen gibt die Gelegenheit, neu anzufangen. Es klingt vielleicht zu kritisch, wenn man sagt, dass Radcliffe vor dem Frühling 2001 mehr versagte als Erfolg hatte, wenn es um Medaillen ging. Auf der Bahn hatte sie einen Ruf als die ewige Zweite, Dritte, Vierte usw. Nur bei der WM ’99 hatte das Drama etwas anders ausgesehen, als Radcliffe die Silbermedaille hinter Gete Wami (Äthiopien) über 10.000 Meter gewann. Ansonsten fehlte es ihr am Killerspurt in den Schlussphasen: Vierte Plätze bei den Olympischen Spielen sowie den Weltmeisterschaften 2001.

Mit dem ersten Sieg bei der Cross-WM kam der Wendepunkt.
Das war im März 2001 in Oostende, Belgien. Ein Jahr später verteidigte sie den Titel in Dublin und innerhalb von drei Wochen schrieb sie Geschichte als die schnellste Marathon-Debütantin mit der zweitschnellsten Zeit aller Zeiten: Radcliffe gewann in London mit einer verblüffenden 2:18:56. Sie hatte ihre wahre Strecke entdeckt!

In der Freiluftsaison lief sie dann auch souverän: Sie gewann zuerst den Commonwealth-Titel über 5000 Meter in Manchester, dann siegte bei der EM über 10000 Meter in München mit 30:01,09; nur Wang Junxia, die Rivalin von vor zehn Jahren, ist je schneller gelaufen.

Paula Radcliffe machte ihr Meisterstück beim Flora-London-Marathon 2003, indem sie ihren eigenen Weltrekord mit 2:15:25 um fast zwei Minuten verbesserte. Seitdem lief es nicht perfekt, sie musste auf die WM 2003 in Paris verzichten, da sie sich nach Krankheit und Hüftverletzung nicht in Topform fühlte. 2004 gab es eine Niederlage, als die ehemalige Kenianerin Lornah Kiplagat, die jetzt für die Niederlande startet, Radcliffe beim „World Best 10 km" in Puerto Rico bezwang. Kurz danach musste sie wegen eines Leistenproblems operiert werden, aber sie hat sich bestens erholt: Im Juni beim Europokal in polnischen Bydgoszcz lief sie 14:29,11 Minuten über 5000 Meter, die drittbeste Leistung aller Zeiten.

Wer kann Radcliffe in Athen schlagen?
Die Strecke geht auf und ab, da wird natürlich kein Weltrekord gelaufen – und die Hitze kommt hinzu. Wenn sie sich für den Marathon entscheidet, dann hat vielleicht Lornah Kiplagat eine Chance, solange sie die Form vom Frühjahr hält. Catherine Ndereba könnte eine Medaille gewinnen, ebenfalls Margaret Okayo, die zuletzt in London gesiegt hat. Das japanische Triumvirat mit Reiko Tosa, Mizuki Noguchi und Naoko Sakamoto wird sehr stark sein. Aber wenn Paula Radcliffe in Form ist, werden die Briten wohl ihre erste Goldmedaille im olympischen Marathon bejubeln können.


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