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Schmerzhafter Abschied für Haile Gebrselassie

Bekele und Sihine warten im 10.000-m-Finale von Athen vergebens auf ihr Idol

21.08.2004

Haile Gebrselassies Freunde sind überall. Vor dem Start des olympischen 10.000-m-Finales am späten Freitagabend riefen sie ihn von der Pressetribüne. Der kleine Äthiopier, vielleicht der größte Läufer aller Zeiten, winkte mit seinem typischen Lachen zurück. Eine halbe Stunde später feierte ihn das gesamte Stadion wie einen Olympiasieger. Doch Haile Gebrselassie hatte gar nichts gewonnen. Als Fünfter lief er in 27:27,70 Minuten abgeschlagen ins Ziel.

Kenenisa Bekele wurde zum Nachfolger seines großen Idols Haile Gebrselassie. Mit einem atemberaubenden Sprint auf der letzten Runde – Bekele legte diese 400 Meter knapp unter 54 Sekunden zurück – lief der erst 22-Jährige zum bisher größten Erfolg seiner Karriere. Nach 27:05,10 Minuten war Bekele im Ziel und hatte damit auch gleich den olympischen Rekord, den Gebrselassie 1996 in Atlanta aufgestellt hatte (27:07,34), gebrochen. Platz zwei ging an Sileshi Sihine (Äthiopien/27:09,39), Dritter wurde Zersenay Tadesse (Eritrea/27:22,57).

Der Versuch, als erster Läufer zum dritten Mal olympisches 10.000-m-Gold zu gewinnen, endete für Haile Gebrselassie im doppelten Sinne schmerzlich. Vor vier Jahren in Sydney hatte er es dem Finnen Paavo Nurmi (1920 und 1928), dem Tschechen Emil Zatopek (1948 und 1952) sowie dem Finnen Lasse Viren (1972 und 1976) nachgemacht. Haile Gebrselassie hatte nach Atlanta 1996 zum zweiten Mal die 10.000 m gewonnen. Doch nun in Athen verpasste der 31-Jährige eine Medaille deutlich und humpelte schließlich sogar mit Achillessehnenproblemen aus dem Olympiastadion.

Haile Gebrselassie hätte einen erfolgreicheren Abschied von den Bahnrennen verdient. Der Äthiopier, der 18 Weltrekorde aufstellte, geht nun auf die Straße. „Mein nächstes Ziel ist der Marathon“, bestätigte Haile Gebrselassie, als er um kurz vor Mitternacht durch die Mixed-Zone in den Katakomben des Olympiastadions humpelte. Ob das angesichts seiner offensichtlichen Verletzung so läuft wie geplant, erscheint nun mehr als fraglich. Beim Amsterdam-Marathon Mitte Okotber will Haile Gebrselassie seinen zweiten ernsthaften Marathon nach London 2002 laufen. Das war ohnehin schon relativ knapp terminiert. Nun aber dürfte der Marathon-Trainingsplan ins Wanken geraten.

Eigentlich wollte Haile Gebrselassie aufgrund von Achillessehnenproblemen im linken Fuß offenbar auf seinen Start in Athen verzichten. Doch es heißt, dass der äthiopische Verband ihn zu einem Start überredete. Die Äthiopier wollten alle drei Medaillen gewinnen. Am Ende klappte dieser Plan nicht – und sie haben nun ein verletztes Idol. Doch es ist nicht Gebrselassies Art, anderen Fehler vorzuwerfen. „Ich bin froh, dass ich hier dabei war und bin zufrieden mit dem Resultat. Ich konnte nicht mehr zusetzen“, sagte Gebrselassie.

„Der Olympiasieg ist natürlich etwas ganz besonderes“, erklärte Kenenisa Bekele, der im vorigen Jahr bereits Weltmeister wurde und dann im März zum dritten Mal in Folge beide Strecken bei der Cross-WM gewann, was keiner vor ihm schaffte. Zusätzlich brach er in dieser Saison die Weltrekorde über 5000 Meter (12:37,35 Minuten) und 10.000 Meter (26:20,31), die abgesehen von kurzen Unterbrechungen rund ein Jahrzehnt lang im Besitz von Haile Gebrselassie gewesen waren.

Doch wer weiß, ob Bekele jemals irgendeine Medaille gewonnen hätte, wenn es Haile Gebrselassie nicht gegeben hätte. „Er ist das große Vorbild für uns alle“, sagt der neue Olympiasieger. Gebrselassie war über zehn Jahre lang der Motor für das Training von Kenenisa Bekele und den anderen jungen äthiopischen Läufern. Sportlich ist Bekele an seinem Idol vorbeigezogen, seit er ihn im Mai 2003 beim Meeting in Hengelo über 10.000 m zum ersten Mal besiegte. Doch was die Persönlichkeit angeht, kann Bekele noch lange nicht mit dem charismatischen Gebrselassie mithalten. Angeblich spricht er inzwischen Englisch, doch ohne Übersetzer läuft bei Pressekonferenzen und Interviews nichts. Gebrselassie ist eine internationale Werbefigur für den Laufsport, Bekele noch lange nicht.

Der Respekt vor dem Idol führte dazu, dass im 10.000-m-Finale etwas außergewöhnliches passierte: Kenenisa Bekele und Sileshi Sihine hatten in der zweiten Hälfte des Rennens an der Spitze das Tempo derartig forciert, dass das Feld längst weit auseinander gezogen war. Als zwischen Kilometer sechs und sieben dann auch Haile Gebrselassie zurückgefallen war, liefen seine zwei Landsleute vorne plötzlich wieder langsamer. Bekele und Sihine schauten sich um und warteten im wichtigsten Rennen ihres Lebens auf ihr Idol. Gebrselassie kam tatsächlich wieder näher heran, doch auch andere Konkurrenten waren dabei. Kenenisa Bekele erklärte später: „Wir haben gehofft, dass Haile aufschließen kann. Aber als wir merkten, dass er es nicht schafft und andere dazukamen, mussten wir gehen.“


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