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Deutsche Läufer sorgen nur bei Interviews für Überraschungen

28.08.2004

In der Ära nach Dieter Baumann, Uta Pippig oder Katrin Dörre-Heinig rennen die deutschen Läufer der Weltspitze schon lange hinterher. Zumal Nils Schumann nach seinem sensationellen 800-m-Olympiasieg von Sydney 2000 nie mehr an die damalige Form anknüpfen konnte und von immer neuen Verletzungen zurückgeworfen wurde. Elf Laufwettbewerbe von 800 Meter bis zum Marathon standen bei den Olympischen Spielen auf dem Programm. Theoretisch hätten sie mit 33 deutschen Athleten besetzt werden können. Ganze sieben Läufer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gingen in Athen an den Start. Nur eine von ihnen erreichte eine Top-Ten-Platzierung: Irina Mikitenko (Eintracht Frankfurt) lief trotz gesundheitlicher Probleme im Vorfeld auf Rang sieben im 5.000-m-Finale.

Das Abschneiden der deutschen Leichtathleten in Athen ist schwach. Und innerhalb der Disziplinblöcke bilden die Läufer das Schlusslicht. Das ist schwer verständlich, wenn man sieht, dass der Laufsport in Deutschland boomt wie kaum eine andere Sportart. In vier Wochen werden über 35.000 Läufer den Berlin-Marathon rennen. Fast alle großen deutschen Straßenläufe haben im Laufe der letzten Jahre immer neue Teilnehmerrekorde aufgestellt. Immer mehr Veranstalter integrieren erfolgreich Rennen für Kinder und Jugendliche über kürzere Strecken. Das Interesse und die Begeisterung ist auch beim Nachwuchs vorhanden.

Doch wenn es gilt, mit hartem Training den Sprung zu schaffen, läuft nicht mehr viel in Deutschland. „Die deutschen Läufer trainieren nicht hart genug“, sagt die frühere Marathon-Weltrekordlerin Tegla Loroupe. Die Kenianerin lebt seit vielen Jahren mehrere Monate im Jahr in der Nähe von Detmold. Und Irina Mikitenko erklärt: „Ohne sehr hartes Training kommt man international nicht voran.“ Doch teilweise fehlt dafür wohl auch die nötige Struktur und das Know How bei den Trainern.

Zu dem Dilemma passen auch die Aussagen zweier deutscher Läufer, die in den letzten Tagen in Athen an den Start gegangen waren. Der 800-m-Läufer Rene Herms (Pirna) rannte in seinem Halbfinallauf von Anfang bis Ende auf dem letzten Platz. Nicht einmal startete er trotz eines langsamen Rennens auch nur ansatzweise den Versuch, sich nach vorne zu arbeiten und die kleine Finalchance zu nutzen. „Ich ärgere mich zwar, aber es herrscht deswegen kein Frust. Immerhin war ich in einem olympischen Halbfinalrennen – und darüber bin ich happy“, erklärte der 22-Jährige und fügte gegenüber den verblüfften deutschen Journalisten noch hinzu: „Wir wissen, dass wir in der Weltspitze angekommen sind.“ Die Weltspitze stand am Sonnabend im olympischen Finale. Herms meinte mit „wir“ offenbar seinen Trainer Klaus Müller und ihn selbst und dachte an den Länderkampf in München, wo er sich auf sicherlich starke 1:44,14 Minuten verbessert hatte. Doch in Athen zeigte sich, was diese Steigerung wert war.

Nachdem Sabrina Mockenhaut (LG Sieg) im 10.000-m-Finale abgeschlagen auf Rang 15 ins Ziel gelaufen war, stand sie weinend in der Mixed-Zone. Doch es waren, erklärte sie den erstaunten Medienvertretern in diversen Interviews, keine Tränen der Enttäuschung. „Ich weine aus Freude – es ist so schön bei Olympischen Spielen ins Ziel zu laufen, ich bin glücklich. Ich werde jetzt drei Nächte lang feiern.“ Nur bei den Interviews sorgten die deutschen Läufer in Athen für Überraschungen.


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