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Wo Rekorde fallen, muss die Strecke stimmen

Der Jones Counter ... und die berühmte

22.09.2004

Das Messgerät zur Vermessung von Straßenlaufstrecken heißt Jones Counter, wurde zu Beginn der siebziger Jahre von einem amerikanischen Läufer erfunden und wird am Vorderrad eines Fahrrades angebracht. Das Rad wird bei einem festgelegten Reifendruck auf einer Eichstrecke (mit Stahlmessband oder Lasermessgerät abgemessener Kilometer) geeicht. Vermessen wird die am Wettkampftag zu belaufende Strecke auf der kürzest möglichen Linie, wobei in Kurven ein 30 Zentimeter langer Abstand zur Bordsteinkante eingehalten wird. Die vermessene Strecke wird mit einer blauen Linie markiert. Diese blaue Linie wurde in New York erfunden und war zunächst mehr ein PR Gag, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das kommende Ereignis zu lenken, als eine Hilfslinie für orientierungslose Läufer an der Spitze des Feldes.

Um eine ungestörte und exakte Vermessung zu ermöglichen, wird meist frühmorgens und unter Polizeischutz vermessen, denn die eine oder andere Streckenpassage führt durch Gegenverkehr bzw. in Gegenrichtung einer Einbahnstraße.

Die berühmten "Ecken-Schnippler"
Fast das wichtigste Kriterium bei der exakten Vermessung einer Straßenlaufstrecke ist, dass die Läufer am Tag des Rennens auch tatsächlich auf der vermessenen Strecke laufen. Das bedeutet, dass in Kurven mit Bürgersteigen der Fahrbahnrand mit Gittern oder Flatterband abgesperrt sein muss, damit die Läufer keine Ecken abschneiden, was in der Summe zu einer erklecklichen Streckenverkürzung führen kann, die auf die Gesamtstrecke bezogen 200 oder 300 Meter und mehr betragen kann. Wichtig ist dies in erster Linie für das Feld der Eliteläuferinnen und -läufer, wo es um Preisgeld geht und auch darum, dass sich niemand einen unfairen Vorteil verschafft.
Wer sich auskennt und genau hinsieht, wird beim ein oder anderen Marathon feststellen, dass die Absperrungen nicht immer den geforderten Kriterien entsprechen. Um sicher zu gehen, dass die vermessene Strecke nicht zu kurz ist, wird bei der Vermessung pro Kilometer ein Meter dazu gegeben, was bei einem Marathon einem Sicherheitspolster von 42 Metern entspricht.

Erst seit Mitte der achtziger Jahre
Straßenlaufstrecken werden seit Mitte der achtziger Jahre nach Regeln vermessen, welche die Interessenvertretung der internationalen Marathon-Veranstalter (AIMS) festlegte und die der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF bzw. die nationalen Verbände, darunter auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) einige Jahre später übernahmen.
Eine wichtige Rolle beim bzw. für das Zustandekommen von einheitlichen Vermessungsregeln spielten einerseits amerikanische Statistiker (Ken Young, Peter Riegel), denen es darum ging, ihre Statistiken vergleichbar zu gestalten. Eine zweite Rolle spielte das damals aufkommende Preisgeld bei Straßenläufen, weswegen sich Veranstalter interessiert zeigten, einheitlich vermessene Strecken zu präsentieren, damit Rekordprämien ihren Sinn behielten.

Die AIMS-Vermessungs-Seminare
Die Organisation AIMS begann 1985 damit, Vermesser auszubilden. Das erste Seminar, bei dem Zertifikate an solche zukünftigen Vermesser verteilt wurden, fand 1985 in Frankfurt statt(1990 dann auch in Berlin - Anm. der Internet-Redaktion). Zu den Absolventen zählte John Disley, zusammen mit Chris Brasher Gründer des London-Marathons, Helge Ibert, der damals zum Team des BERLIN-MARATHON zählte, und Dieter Damm, der heute noch Straßenlaufstrecken vermisst und neue Vermesser ausbildet. Aus solchen AIMS-Vermessern wurden später IAAF- bzw. DLV-Vermesser, und wenn man AIMS als Organisation einen Hauptverdienst zuerkennen will, dann ist es diese Vorreiterrolle in Sachen Streckenvermessung.

Jetzt auch Rekorde bei den Straßenläufen
Mittlerweile (seit diesem Jahr) ist die IAAF sogar dazu übergegangen, für Straßenlauf-Leistungen den Begriff "Rekord" anzuerkennen - zu gestelzt kam der Begriff "Weltbestzeit" daher. Eine überfällige Entscheidung, ließ sich doch die angebliche Sinnhaftigkeit dieser Bedeutungsspaltung (Rekord versus Bestzeit) niemandem mehr plausibel vermitteln.
Hintergrund war einmal der Gedanke, dass sich Leistungen außerhalb des Stadion-Ovals nicht miteinander vergleichen ließen. Davon ist man zum Glück abgekommen, denn auch innerhalb des Stadions sind die Bedingungen keineswegs für alle gleich bzw. vergleichbar.

Diverse Meßmethoden
In der grauen Vorzeit solch genauer Messmethoden wurden Marathonstrecken mit Mess-Schieberädern vermessen, manchmal auch mit dem Auto. In Japan wurde sogar manchmal mit dem Stahlmessband vermessen.
So gesehen sind alle Strecken vor Mitte der achtziger Jahre mit Vorsicht zu genießen, was ihre Vergleichbarkeit mit heutigen Strecken angeht. Beweise dafür, dass eine Strecke wie die von Antwerpen, auf der der Australier Derek Clayton 1969 Weltrekord lief (2:08:34) zu kurz waren, gibt es allerdings nicht, und wer dem Australier zuhört, wenn er sein damaliges Rennen schildert, will ihm glauben, denn die gemessenen Zwischenzeiten muten nicht gerade außerirdisch an. Außerdem hatte er auch noch andere Resultate anzubieten, die einen realistischen Vergleich ermöglichen.

New York City ist anders
Nachdem die Straßenlaufstrecken mit Hilfe dieser Messmethode genauer unter die Lupe genommen waren, stellte sich 1984 im Zuge einer Vermessung heraus, dass die Strecke des New-York-Marathons 1981 zu kurz war. 135 Meter fehlten zur vollen Distanz, legte man die neue Meßmethode zugrunde. Der 1981 in New York gelaufene Weltrekord (damals hieß es noch "Weltbestzeit") von Alberto Salazar (2:08:13) wurde aus den Rekordlisten gestrichen. Die New Yorker erkannten dies nie an und setzten ihre Prämie für einen Streckenrekord weiterhin an dieser Marke fest, bis sie fiel. "Wir praktizierten 1981 die zu jener Zeit üblichen Meßmethoden wie andere auch", meinte Allan Steinfeld, damals technischer Direktor, heute Chef des bedeutendsten Marathons der Welt.

von Thomas Steffens
Chefredakteur RUNNERS WORLD

www.runnersworld.com

PS der Internetredaktion:
John Disley (London) und Hugh Jones (London/ Generalsekretär der AIMS) sind in Berlin als Course-Measurer und Controller extra dabei.
Die Berliner Strecke ist vermessen worden von Siegfried Menzel (Berlin) und John Kunkeler (Berlin) - beides IAAF/AIMS A-, bzw. B-grade measurer.


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