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Das Elitekonzept

Marathons geben für Eliteläufer viel Geld aus. Wozu eigentlich, muss sich ein Veranstalter fragen lassen

15.11.2004

Schon heute weiß Wolfgang Konrad eines ganz sicher: er muss den Medien Eliteläufer präsentieren für seinen Wien-Marathon im kommenden Mai. Ein paar Kenianer sollten es schon sein, dazu der eine oder andere Äthiopier, gewürzt mit einigen Polen, Russen und vielleicht noch einem Portugiesen oder Spanier. Optimal ist noch ein Einheimischer, der, wenn schon nicht um den Sieg, so doch um eine gute Platzierung oder – wie bei der jüngsten Auflage – eine Olympiaqualifikation kämpft. Wenn Konrad Pech hat, wird das Wetter warm, die Siegerzeit langsam und der Erstplatzierte kann kaum Englisch. Die Pressekonferenz gerät dann eher fad, die Journalisten tun sich schwer, den Athleten etwas zu entlocken (und darüber zu schreiben).

Aus der Not eine Tugend gemacht

Umgekehrt bekommt ein Marathon-Veranstalter Probleme, wenn er keine Spitzenläufer präsentieret. Der Münchner Race director Gernot Weigl machte aus der Not eine Tugend und fährt sein „Konzept der Local Heroes“, was so viel heißt wie: einer ist immer der Sieger, nämlich der Erste im Ziel. Bei der Wiederbelebung des Münchner Marathons vor vier Jahren hatte sich Weigl mit einer sechsstelligen Summe für Topläufer schwer verhoben. Das Resultat dieser Investition in die Zukunft konnte sich zwar sehen lassen (zwei Kenianer unter 2:10 Stunden), doch ohne Sponsor im Rücken ließ sich ein derartiger Betrag nicht weiter verantworten, und so wurde aus dem München-Marathon ein Breitensport-Marathon. Weigls „Problem“ ist, dass ihm Journalisten vorwerfen, dies sei zu ändern. Warum? Weil sich Journalisten oft schwer tun, über Breitensport zu schreiben.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung

Die beiden Fälle, Wien und München, sind gute Beispiele für den Sinn und Unsinn von Elitefeldern, wie sie heute fast jeder Marathon bietet. Wien verzeichnet einen Rückgang der Marathon-Teilnehmer, was wohl mit der großen Anzahl von Konkurrenzmarathons in Österreich zu tun hat, aber durch ein Elitefeld nicht verhindert wird. Weigl dagegen erlebt seit drei Jahren eine positive Teilnehmerentwicklung trotz fehlender Eliteläufer.

Einer seriösen Kosten-Nutzen-Rechnung halten Elitefelder in den allermeisten Fällen nicht stand. Ich bezweifle, ob diese Rechnung überhaupt jemand in seriöser Weise aufstellt. Zu sehr ist die Meinung verbreitet, eingeladene Topläufer gehörten nun einmal zu einem Marathon. Warum eigentlich, das fragt sich offensichtlich keiner. Was bringen dem Köln-Marathon über 20 Afrikaner und eine Siegerzeit von 2:10, wenn am nächsten Tag nichts bzw. kaum etwas in der überregionalen Presse zu lesen ist? Hätten die Zeitungen im Großraum Köln nicht ebenso über diesen Marathon geschrieben, bei dem immerhin über 15000 Menschen unterwegs waren, wenn kein Topläufer mitgelaufen wäre? Ja, behaupte ich, sonst kann sich die Verlagsleitung vor Leserbriefen nicht mehr retten. Wäre ein Teilnehmer weniger an den Start gegangen? Nein. Können Zuschauer unterscheiden, ob die Spitzengruppe in Richtung 2:10 oder 2:20 Stunden unterwegs ist? Nein. Köln ist übrigens austauschbar gegen Hamburg oder Frankfurt.

Das Elitekonzept richtig angewandt

Wie es besser geht, zeigen seit Jahren die Schweizer. Beim Grand Prix von Bern (10 Meilen) oder beim Halbmarathonlauf um den Greifensee wird das Elitekonzept viel effektiver gehandhabt. Anstatt mit der Gieskanne ein vielköpfiges Elitefeld zusammenzustellen, werden dort seit Jahren gezielt ein paar wenige ausländische Eliteläufer eingeladen, daneben sorgt man aber auch dafür, dass möglichst der eine oder andere Schweizer Topläufer im Rennen ist. Auch beim Zürich-Marathon hat man dieses Prinzip sehr erfolgreich verfolgt und dabei natürlich auch Glück gehabt, denn mit dem Luzerner Viktor Röthlin hat die Schweiz derzeit gerade einen der besten europäischen Marathonläufer.

Ausnahme: Die ganz großen Marathons

Mit Ausnahme der ganz großen Marathons (Berlin, London, Boston, New York, Chicago) gibt es wenige Ausnahmen, wo ein Marathon aus Publicity-Gründen nicht auf Topläufer verzichten kann. Dazu gehört Wien. Die Stellung als Landeshauptstadt mit mehreren Zeitungen vor Ort, darunter die allmächtige „Krone“, lässt keinen anderen Weg zu. Für einen Veranstalter wie Gernot Weigl dagegen gilt: Kommt ein Sponsor daher und macht Topläufer zur Bedingung für sein Engagament, bitte gerne!

Thomas Steffens
Chefredakteur Runner’s World

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