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Der Long Jog

Die brave Generation oder: Wer nichts wagt, kann nicht gewinnen.

14.02.2005

Es war ein wunderschöner Abend. Die Sonne glänzte rot, und es schien so, als würde sie weit draußen, am Rande des Horizonts, ins Meer eintauchen. Es hatte sich nicht sehr viel verändert an der Algarve, der Südküste Portugals. Zumindest die Sonnenuntergänge nicht. Seit fast 20 Jahren komme ich im Winter für ein, zwei Wochen zum Training hierher.

In diesem Jahr stand natürlich nicht mehr mein Training im Vordergrund, vielmehr das Training meiner Laufgruppe aus Tübingen. Nur für wenige Tage reiste ich den von mir betreuten Athleten hinterher, und so stand ich nach dem Sonnenuntergang am nächsten Morgen bereit zum Long Jog vor dem Hotel. Eine große Gruppe setzte sich in Bewegung, fast 30 Läuferinnen und Läufer. Vor 20 Jahren erlebte ich an fast der gleichen Stelle eines meiner ersten Trainingslager.

5000-m-Olympiasieger Dieter Baumann zählte zu den erfolgreichsten Langstreckenläufern der Welt.
Wie vor 20 Jahren hatten sich auch diesmal nach nur wenigen hundert Metern verschiedene Grüppchen gebildet. Die einen starteten langsam, liefen etwas länger, die anderen waren ohnehin nur eine halbe Stunde unterwegs, und wieder andere wollten endlich zeigen, wer Herr im Hause ist. Allerdings will das heute keiner mehr so richtig zugeben, dass er das vorhat. Das war vor 20 Jahren anders.

Wer ist die Nummer eins, wer wird Deutscher Hallenmeister? Karl Fleschen, damals bekannt und gefürchtet für seine schnellen Dauerläufe, beanspruchte die Poleposition. Der Weg zum Titel führt nur über mich, wollte er uns schon im Trainingslager zeigen. Und so stand ich als junger Kerl mit zitternden Knien vor dem Hotel und wusste nicht so recht, was kommen würde. Nach nur wenigen Minuten war die Truppe in Fahrt und jedem – dann auch mir – war spätestens nach zwei Kilometern klar, was kommen würde. Karl Fleschen stand für klare Verhältnisse, er hielt das Tempo hoch, steigerte es scheinbar nach Belieben, und im Verlaufe dieses Long Jogs fiel einer nach dem anderen aus der Gruppe heraus. Ohne sagen zu können wie, hatte es mich nach vorne gespült, und auf den letzten fünf Kilometern waren wir nur noch zu zweit.

In diesem Moment drohte ich alle Hierarchien aufzulösen. Wir liefen, als wenn es jetzt schon um die Deutsche Meisterschaft ginge. Wir schenkten uns nichts. Auf keinem der letzten fünf Kilometer gab es auch nur einen Meter, auf dem wir gerollt wären, uns entspannen konnten. Fleschen musste es damals wie einen Angriff auf seine Führungsrolle empfunden haben. Wir liefen am Ende eine Zeit von 1:09 Stunden auf 21 Kilometer, und nicht nur deshalb würde ich diesen Dauerlauf vor 20 Jahren als legendär bezeichnen – nur wenige lange Läufe sind mir so in Erinnerung geblieben und nur wenige haben die Trainingsprinzipien derart aus den Angeln gehoben.

Von wegen Belastung und Erholung, von wegen „Schwelle“ und was auch immer. 20 Jahre später sind wir im Training brav geworden. Das heißt nicht, die Mädels und Jungs trainieren heute zu wenig. Nein, aber alles wird kategorisiert, wird in Trainingsbereiche eingeteilt. Es ist ein großer Unterschied, ob man einen Dauerlauf langsam beginnt, dann allmählich das Tempo steigert, den Eindruck gewinnt „heute geht was“, um dann noch schneller zu werden. Oder ob auf einem Plan ein Dauerlauf mit „GA 1“ bezeichnet wird, dieser Tempobereich exakt vom ersten bis zum letzten Meter eingehalten wird, ganz egal wie man sich fühlt. Das Spiel mit dem Tempo, das Gefühl für den Lauf, den Schritt, auch das Gefühl für die Müdigkeit kommt bei all diesen Tabellen und formatierten Dateien zu kurz.

Unter heutigen Umständen wäre der Dauerlauf damals so nie zustande gekommen. Keine 1:09, kein Kräftemessen auf den letzten Kilometern und vor allem: keine Geschichte, die man sich im Winter am Kamin erzählen könnte. Deutscher Hallenmeister wurde damals übrigens Markus Pinkpang.

Dieter Baumann

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