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AUFSCHLUSSREICHER LÄNDERVERGLEICH IM SPITZENSPORT - Prof. Digel - Tübingen

Deutschland ist zu einseitig auf den Fußball fixiert

27.02.2005

Deutschland ist zu einseitig auf den Fußball fixiert, was auch über politische Entscheidungen gesteuert wurde. Das erklärte der Tübinger Sportwissenschaftler Prof. Helmut Digel im Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Deutsches sportwissenschaftliches System "das teuerste der Welt"

Andere Sportarten ausgegrenzt
Digel kritisierte, deutsche Parlamente hätten bei der Abfassung eines Staatsvertrags entschieden, dass Olympische Spiele und Fußball-Großereignisse im Free-TV zu übertragen sind, und dabei - im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten - andere Sportarten ausgegrenzt. "Der Staat hat damit das Wahrnehmungsbild von Sport in der Öffentlichkeit mit gesteuert", sagte Digel.

Organisation des Hochleistungssports - ein Systemvergleich
Digel, der auch Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF ist, stellte im Sportausschuss gemeinsam mit dem scheidenden Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp), Martin-Peter Büch, den Abschlussbericht der Studie "Organisation des Hochleistungssports - ein Systemvergleich zwischen den erfolgreichsten Sportnationen bei den Olympischen Spielen" vor.
Mit ihr werden die äußere und innere Organisation des Spitzensports in den USA, in Australien, China, Frankreich, Russland, Italien, Großbritannien und Deutschland verglichen.

Enorme finanzielle Mittel
Digel bilanzierte: "Das deutsche System ist sehr gut, weil sich der Bundesinnenminister in den vergangenen drei Jahrzehnten im Hochleistungssport sehr engagiert hat. Was dem Spitzensport zur Verfügung gestellt wird, sind enorme finanzielle Mittel. Sie haben es auch möglich gemacht hat, dass wir moderne Strukturen aufbauen konnten."

Als eine der deutschen Schwächen bezeichnete der Sportsoziologe die Absicherung von Trainern: "Das ist ein Schlüsselproblem für die Zukunftsentwicklung. Ich wünsche mir, dass wir hier von anderen Nationen etwas lernen und endlich das Berufsbild aufwerten." Zudem müssten sich die Universitäten ("Sie bringen den geringsten Beitrag zur Förderung des Hochleistungssports") und die deutsche Wirtschaft stärker um die Begleitung von Sportlerkarrieren bemühen. Auch die Gymnasien böten keinen günstigen Resonanzboden für die Spitzensportförderung.

Das deutsche System ist nicht effizient
Das deutsche sportwissenschaftliche System mit 60 Instituten an Universitäten bezeichnete Digel als "das teuerste der Welt". Es biete keine den Hochleistungssport begünstigenden Erkenntnisse. Das semiprofessionelle System sollte verändert werden, zumal die USA und Australien mit ihren nationalen Sportinstituten in Colorado Springs und in Canberra erfolgreiche Zentralinstitute geschaffen hätten.
Das japanische Institut leiste sich sogar 1.100 Mitarbeiter. Als "Sündenfall der Sportpolitik" bezeichnete Digel die Entscheidung, das BISp von Köln nach Bonn zu verlagern; dadurch habe es seine enge Anbindung an die Deutsche Sporthochschule Köln und an die Trainerakademie verloren.

Kein Austausch der Talente
Als beispielhaft bezeichnete Digel die Vorgabe des britischen Leichtathletikverbandes "UK Athletics", Qualifikationsprofile für Haupt- und Ehrenamtler im Sport zu fordern. Die sogenannte drop-out-Quote sei in beinahe allen Spitzensport-Nationen ein Problem. Hingegen biete Italien mit seinen Sportstellen bei Carabinieri und Polizeibehörden eine "enorme strukturelle Absicherung für junge Athleten".
Ein weiterer Mangelpunkt ist nach Digels Worten der in Deutschland fehlende Austausch der Talente zu anderen Sportarten hin. Wer in der Leichtathletik nicht Topklasse werde, könnte doch im Handball zum Spitzenspieler reifen. "In anderen Ländern wird dies systematisch organisiert. Australien leistet mit seinem challenge sports coordinator Vorbildliches."

Schiedsrichter
Zum aktuellen Problem der Schiedsrichter, in die öffentliche Diskussion durch die Hoyzer-Betrugsaffäre gekommen, erklärte Digel: "Das Sportsystem hat weltweit diese Berufsgruppe in ihren steuernden Planungen vergessen.
Die Probleme kamen für mich nicht überraschend. In anderen Ländern wird dies schon längst diskutiert, ist dann aber wieder beiseite geschoben worden."

Quelle:
www.dsb.de


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