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Rimbach dreht durch

Ein Wettkampf will akribisch vorbereitet sein.

10.03.2005

In einem früheren Leben hätte Rimbach einen Halbmarathon als unmenschliche Strapaze betrachtet. Ihm fehlten, wie er es damals nannte, die mentalen Voraussetzungen, um den Sinn einer solchen Schinderei zu erkennen. Allerdings fehlten ihm auch die körperlichen Voraussetzungen, um den ersten Kilometer zu überstehen.

Aber die Zeiten ändern sich. Jetzt, zwei Jahre und viele Laufkilometer später, sprach er das Wort mit einer gewissen Ehrfurcht aus. Halbmarathon, das war etwas Magisches, ein Abenteuer, der Ritterschlag für den Freizeitläufer. Und obwohl es bis zu seinem Start noch über acht Wochen waren, wirkte das Ereignis bereits in den Alltag von ihm und seiner Familie hinein.

Um den Erfolg der Unternehmung zu sichern, war ein detaillierter Trainingsplan erstellt worden. Die exakte Einhaltung dieses Plans hatte fortan die höchste Prioritätsstufe im Leben des Läufers Rimbach, und jede unvorhergesehene Abweichung wirkte sich direkt auf sein Wohlbefinden aus.

Julia hatte geahnt, dass so etwas auf sie zukommen würde. Aber da der Zeitraum überschaubar war und maximal vier Einheiten pro Woche anstanden, blieb sie ganz ruhig und versuchte sich auf mögliche Vorteile der Expedition zu konzentrieren. Und die gab es tatsächlich.

Jeden Sonntagmorgen um sechs, wenn der Weckruf von Eyck aus dem Kinderzimmer erschallte, stand Rimbach jetzt freiwillig auf, wusch ihn, alberte zwei Stunden mit ihm herum und ließ Julia ausschlafen.

Das diente natürlich dazu, sich bei ihr einzukratzen, damit er für den Rest des Vormittags zum Training in den Wald verschwinden konnte, aber es war ganz angenehm. Und als Zugabe erweiterte sich ihr Vokabular um so ausdrucksstarke Begriffe wie Long Jog, aerobe Kapazität, Fahrtspiel und vieles mehr.

Auch von den Übungen zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur, die Rimbach jetzt zweimal wöchentlich durchführte, profitierte die ganze Familie, denn Eyck übte fleißig mit, während Julia sich heimlich schlapp lachte über die beiden.

Der richtige Schuh

Andere Aktivitäten waren eher gewöhnungsbedürftig. Um den Umgang mit dem Chronographen zu perfektionieren, nahm Rimbach jetzt öfter Zwischenzeiten, beispielsweise stoppte er den Zeitaufwand für den Weg in den Keller oder für den Aufenthalt auf der Toilette.

Ein andermal erwischte ihn Julia, als er auf der Küchenwaage einen seiner Laufschuhe wog. Ein zweiter Schuh von einem anderen Hersteller stand zu Vergleichszwecken daneben auf dem Küchentisch.

„Erklärst du’s mir?“ fragte sie.

„Es geht um den richtigen Schuh für den Halbmarathon“, erklärte Rimbach. „Normalerweise bemerkt man 20 Gramm Unterschied gar nicht. Aber bei der Länge des Laufes kann es schon entscheidend sein, wenn man das Mehrgewicht mit sich rumschleppen muss. Ist doch klar, oder?“

„Völlig klar“, meinte sie. „Dann vergiss aber nicht, dir einen Tag vor dem Lauf die Haare und die Fingernägel zu schneiden. Damit du das Mehrgewicht nicht mit dir rumschleppen musst.“

Rimbach sah ihr verwirrt nach. Keine schlechte Idee, fand er. Manchmal dachte sie richtig mit.

Später am Abend rief Julias Freundin Ellen an und erkundigte sich nebenbei nach Rimbachs Wohlbefinden. „Ich bin mir nicht ganz sicher“, entgegnete Julia. „Aber ich glaube, er dreht jetzt durch.“

Auch Rimbachs Nachbar Günter Wittich, der sich nach zwei Jahren allmählich an den laufenden Rimbach gewöhnt hatte, wurde mit neuen Trainingsformen konfrontiert. Wittich befand sich eines Abends auf seinem Spaziergang um die Baggerteiche und wurde von Rimbach überholt, was an sich nichts Ungewöhnliches war. Neu war, dass Rimbach langsamer lief als gewöhnlich und direkt auf das Steilstück am Ziegenberg zusteuerte.

Kurz vor der Anhöhe explodierte Rimbach dann förmlich und nahm die Steigung in vollem Tempo, wendete oben und trabte langsam wieder zurück. Unten lief er eine kurze Schleife und stürmte anschließend erneut den Berg hinauf. Der Vorgang wiederholte sich achtmal, und Wittich schaute interessiert zu, ohne dass der Sinn dieser Aktion sich ihm erschloss. Dann setzte er seinen Spaziergang vorschriftsmäßig fort.

„Hab Rimbach vorher beim Laufen gesehen“, meldete er daheim seiner Frau. „Ich glaube, er dreht jetzt durch.“

Aber Rimbach war nicht aufzuhalten. Die Menschen um ihn herum waren ihm egal, er konzentrierte sich auf sein Ziel und genoss die Nebenwirkungen des Trainings: er wurde leichter, schneller und ausdauernder. Aber das war den Menschen um ihn herum egal.

An der Arbeit hatten sie noch nichts gemerkt. Bis sich eines Tages sein Kollege Krüger darüber wunderte, dass Rimbach während der Mittagspause ständig auf der Rechenmaschine herumhackte und zwischendurch irgendetwas auf einen Zettel kritzelte.

„Es geht um meinen Kilometerschnitt für den Halbmarathon“, klärte Rimbach ihn auf. Krüger sah ihn fassungslos an.

„Pass auf“, fuhr Rimbach fort. „Ich will auf jeden Fall unter zwei Stunden bleiben. Ich hab gerade ausgerechnet, dass ich den Kilometer in fünf Minuten vierzig laufen muss, um das zu schaffen. Und das ist meine Vorgabe für das Rennen.“

Es war der Moment, in dem Krüger ausrastete. „Fünf Minuten vierzig!“ posaunte er durchs Büro. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass man einundzwanzigmal hintereinander den Kilometer in genau der gleichen Zeit laufen kann. Was für ein Schwachsinn!“

Ein Kollege hörte den Lärm und steckte den Kopf zur Tür hinein. „Was ist denn bei euch los?“ fragte er.

„Was los ist? Es ist jetzt endgültig so weit. Rimbach dreht durch“, erklärte Krüger.

Er konnte es natürlich nicht besser wissen. Aber Rimbach hörte ohnehin nicht mehr zu, er war schon wieder am Rechnen. Wenn er den Kilometer in fünf Minuten sechsunddreißig laufen würde, so sein neuestes Ergebnis, dann hätte er sogar noch fast zwei Minuten Zeit für die Trinkpausen.

Rolf Bläsing

„Rimbach“ heißt eine ständige Kolumne in RUNNER´S WORLD, in der die Lauf-Erlebnisse der fiktiven Figur Rimbach geschildert werden, deren Ähnlichkeit mit lebenden Läufern weder beabsichtigt, noch zu leugnen sind.


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