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Sportunterricht oder Das Ticken einer bildungspolitischen Zeitbombe

Zu wenig Sport und eine falsche Ernährung sind eine Gefahr für die gesunde Entwicklung der Kinder

11.03.2005

Der Schulsport muss bei allen bildungspolitischen Bemühungen, nationale Bildungsstandards zur Verbesserung der Unterrichtsqualität zu entwickeln, ein fester, integraler Bestandteil des Unterrichts an den allgemeinbildenden Schulen bleiben.

Hauptschulen sind das absolute Stiefkind des Schulsports
Das forderten Politiker, Pädagogen und Schulpraktiker in der Sendung "Nachspiel" im Deutschlandradio Berlin. "Die Hinwendung zu kognitiven Fächern wird wohl nicht dazu führen, dass der Schulsport zukünftig vernachlässigt wird", hofft Prof. Wolf-Dietrich Brettschneider von der Universität Paderborn, der die empirische Schulsportstudie SPRINT des Deutschen Sportbundes (DSB) und der Kultusministerkonferenz der Länder leitet.
"Es sieht im Moment eher so aus, dass die Hinwendung zu bildungspolitischen Fragen eine Sogwirkung erzielt, von welcher der Sport profitieren kann."

Der Sport spielt so gut wie keine Rolle
Allerdings spielt derzeit in der großen Reformdiskussion, die durch das mäßige Abschneiden 15-jähriger Schülerinnen und Schüler bei internationalen Bildungstests in Gang geraten war, der Sport so gut wie keine Rolle – genauso wenig wie die Fächer Musik, Kunst und Religion.
Die Sportpädagogik sieht sich im Moment stark herausgefordert, denn die Bildungspolitik tendiert zu einer ökonomischen und technokratischen Orientierung von Schule. Einige Erziehungswissenschaftler wollen eine reine Paukanstalt schaffen, in der Sport und Kultur nur noch sehr wenig Raum haben dürften.

Sportunterricht ist unerlässlich für die gesunde Entwicklung der Kinder
Überhaupt: Der Schulsport ist vielen Erziehungswissenschaftlern schon lange ein Dorn im Auge. So fordert Prof. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, die Streichung des Sportunterrichts aus dem Fächerkanon. Lenzen meint, Schulsport sei heute durch Sicherung individueller Interessen der Sportorganisationen begründet, die im Gegensatz zu staatlichen Interessen ständen. Der Wissenschaftler blendet dabei allerdings die präventiven und die sozialen Komponenten sowie den Bildungsauftrag des Sports aus.

Widerspruch
Energischen Widerspruch gegen Lenzens Thesen erhob im Deutschlandradio Berlin Schulleiter Friedhelm Julius Beucher von der Montanus-Grundschule in Burscheid. "Ich stehe für ein anderes Bildungsideal ein", erklärte der Rektor, der von 1998 bis 2002 Vorsitzender des Sportausschusses des Deutschen Bundestages war. "Drei Stunden Sportunterricht:
Das ist eigentlich die Pflicht, die in der Schule auch umgesetzt werden sollte. Jeder, der da etwas wegnehmen will, versündigt sich an der körperlichen Entwicklung der Kinder."

Neue Impulse für den Schulsport
Sportpädagogen weisen mit Recht darauf hin: Sport ist heute das einzige Fach in der Schule, in dem sich Bildungs- und Erziehungsprozesse direkt über körperliche Erfahrungen vollziehen. So stehen die Sport-Befürworter in der Pädagogik für eine Schule, die junge Menschen mit Leib und Seele bilden und erziehen soll; sie engagieren sich für eine Schule, die mehr ist als eine Vermittlungsagentur von Wissensbeständen.
Der Sport- und Erziehungswissenschaftler Christian Bilan von der FU Berlin setzt sich für eine Neuakzentuierung des Schulfaches ein. "Wir müssen vom reinen Sportarten-Konzept wegkommen und den Sportunterricht auf Fähigkeiten und übergreifende Fertigkeiten orientieren", sagte Bilan. "Ich kann mir gut vorstellen, die Einzelstunde Sport in einen Kanon zu überführen. Man kann sie mit Musikunterricht zusammenbringen und den Tanz prononcieren. Sie kann mit Arbeitslehre gekoppelt werden, wenn es um Ernährung, sportliche Bewegung und gesunde Lebensführung geht."

Gute sportmotorische Grundausbildung
Kernbestandteil des Sportunterricht sollte – so Christian Bilan – eine gute sportmotorische Grundausbildung sein, die Grundfertigkeiten für das Leben lehrt: "Diese Grundfertigkeiten körperlicher Bewegung, auch Körperbeherrschung, kann in vielen Alltagssituationen helfen."

Desolate Situation des Schulsports an Hauptschulen
Das Hörfunk-Feature beschäftigte sich auch mit der desolaten Situation des Schulsports an Hauptschulen. Gerade bei den Schülerinnen nehme das Desinteresse zu, erklärte Sportlehrerin Sieglinde Wild von der Anna-Siemsen-Oberschule in Berlin-Neukölln:
"Es ist für die Mädchen immer eine Strafe, wenn die Leichtathletik-Saison beginnt – das mögen sie gar nicht. Laufen fällt ihnen schwer, sie sind nicht ausdauernd. Sie schaffen es oft nicht, fünf Minuten durchzulaufen. Sobald es anstrengend wird, verweigern sie sich auch".
Dabei werde von den Schülern und den Eltern die Bedeutung des Sportunterrichts und der Sportzensur unterschätzt, denn ein zukünftiger Ausbildungsplatzgeber schaue sich natürlich auch die Sportnote an. Eine Fünf oder Sechs signalisiere doch, "dass der Jugendliche eine Arbeitshaltung hat, die nicht willkommen ist: er hat sich verweigert, oder er ist – schlicht und einfach gesagt – faul".

Zahl der Übergewichtigen an den Hauptschulen steigt dramatisch
Nach Einschätzung des Kollegiums müsste die Hauptschule eigentlich täglich zwei Stunden Sportunterricht geben, um die körperlichen Defizite der jungen Leute aufzufangen. Gerade bei den Jungen nimmt nach Beobachtung von Sieglinde Wild das Übergewicht ständig zu: "Wenn sie einen Beruf erlernen wollen, in dem man viel stehen muss, Koch, Maler oder Friseur, bekommen sie große Probleme – vorausgesetzt sie bekommen bei ihrer Körperfülle überhaupt eine Lehrstelle."

Sport - das absolute Stiefkind
Gerade in den Hauptschulen sei der Sport das absolute Stiefkind, erklärte Prof. Wolf-Dietrich Brettschneider. Sportunterricht werde hier – im Vergleich zu anderen Schularten – am wenigsten und dann auch noch qualitativ am schlechtesten erteilt.
Der Sportpädagoge und Erziehungswissenschaftler Christian Bilan (Berlin) hört sogar eine bildungspolitische Zeitbombe ticken: "Mit der kognitiven Arbeit komme ich zwangsläufig nicht mehr an alle Schüler heran. Dies schaffen wir nur über Emotionen, über Körperarbeit." Das Projekt von Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, sei vorbildlich: Rattle hatte sich vor der Vertragsunterzeichnung zusagen lassen, dass er an Hauptschulen Tanz-, Körper- und Theaterarbeit mit Jugendlichen machen kann. Bilan: "Genau diese Hauptschüler sind dadurch angerührt worden, wie man es von Musik kennt.
Diesen Transfer kann man problemlos auf den Sport übertragen. Über Körperarbeit, über Expression dessen, was in ihnen drin sitzt und was sie verbal einfach nicht darstellen können, können Schüler neu beschult werden. Ein Sportunterricht mit neuen Ansätzen wäre hierfür eine sehr wertvolle Komponente."

Quelle:
www.dsb.de


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