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Kenianer hoffen, dass Abwanderung nach Katar stoppt, doch Bahrain bereitet neue Sorgen

12.08.2005

Auch die Ölscheichs sind inzwischen im Rennen um Gold. Vor zwei Jahren hat Katar zum ersten Mal eine Medaille bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften gewonnen. Damals triumphierte Saif Saaeed Shaheen im 3.000-m-Hindernisfinale, das er auch am Dienstag in Helsinki gewann. Einen Tag später gab es in Finnland die erste Medaille in der WM-Geschichte für Bahrain. Rashid Ramzi gewann das 1.500-m-Finale. Doch ursprünglich stammen diese Sieger weder aus Katar noch aus Bahrain. Shaheen war vor gut zwei Jahren noch Kenianer und hieß Stephen Cherono, der Marokkaner Ramzi bekam 2002 die Staatsbürgerschaft Bahrains.

Der Nachfolger

Pikanterweise wurde Ramzi zum Nachfolger von Hicham El Guerrouj, der für Marokko zuletzt viermal in Folge Gold über 1500 Meter gewonnen hatte und dieses Mal verletzungsbedingt nicht starten konnte. Zudem verhinderte Ramzi in Helsinki auch noch einen  marokkanischen Triumph, denn Adil Kaouch wurde Zweiter. Im Hindernisrennen war es genauso: Der Kenianer Ezekiel Kemboi lief auf den Silberrang.

 

Über ein Dutzend Athleten sind in Helsinki in den Langstreckenläufen für Katar und Bahrain am Start, vor allen Dingen ehemalige Kenianer. Alleine im Hindernis-Finale waren eigentlich nicht nur drei sondern sechs Kenianer am Start. Zwei kamen aus Katar, einer aus dem Bahrain.

Cherono der Auslöser

In Kenia war Stephen Cherono der Auslöser einer Fahnenflucht. „Durch seinen Wechsel nach Katar begannen vor zwei Jahren die Probleme. Wenn er nicht gegangen wäre, wäre es vielleicht nie dazu gekommen“, erklärt der Präsident des kenianischen Leichtathletik Verbandes (Athletics Kenya), Isaiah Kiplagat, der auch Council-Mitglied beim internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) ist. Kiplagat hofft aber, dass zumindest der Strom nach Katar gestoppt ist. Der Sohn des Emirs von Katar, Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani, habe gesagt, so Kiplagat, dass jetzt Schluss sein soll mit Einkauf von Läufern. „Ich denke, den Kataris ging es hauptsächlich um die Asienspiele, die im nächsten Jahr stattfinden. Dafür haben sie jetzt genügend Athleten“, erklärt Isaiah Kiplagat und fügt hinzu: „Außerdem wurde dies Entwicklung in den internationalen Medien sehr kritisch gesehen, so dass Katar nicht gut dasteht.“

Richtiges Alter?

Noch größere Probleme sieht Isaiah Kiplagat allerdings bei Bahrain. Zwei ehemalige Kenianer gewannen kürzlich bei den Jugend-Weltmeisterschaften in Marrakesch den 2000 Meter Hindernislauf und die 1500 Meter. Sie wurden in ihren neuen Pässen offenbar einige Jahre jünger gemacht. „Wir können aber anhand von früheren Starts dieser Läufer nachweisen, dass sie älter sind“, sagt Isaiah Kiplagat. Mit dem Betrugsverdacht beschäftigt sich zurzeit die IAAF.

Neuer Name

Ursprünglich ging es bei Stephen Cherono nicht einmal um große Summen. Die Kataris hatten dem besten kenianischen Hindernis- und 5000-m-Läufer eine monatliche Rente von 1.000 Dollar auf Lebenszeit versprochen – verglichen zu Prämien und Sponsorengeldern eine lächerliche Summe. Doch Cherono gab seinen Namen her, hieß fortan Shaheen und gewinnt seitdem für Katar statt für Kenia. Inzwischen ist offenbar wesentlich mehr Geld im Spiel. „Ein Weltklasseathlet wird aber auch als Kenianer viel Geld verdienen“, sagt Isaiah Kiplagat und verweist zum Beispiel auf den Marathon-Weltrekordler Paul Tergat oder den früheren Hindernis-Weltmeister Moses Kiptanui. Angesichts der hohen Leistungsdichte in Kenia ist es allerdings enorm schwierig, überhaupt erst einmal die Qualifikation für eine internationale Meisterschaft zu erreichen. Diese Problematik als auch finanzielle und strukturelle Nachteile nennt Renato Canova als Wechselgründe für Athleten. Der Italiener arbeitete zunächst als Trainer mit einer Gruppe von Kenianern, darunter auch Stephen Cherono. Inzwischen ist Canova der Chefcoach von Katar.

 

Rund 40 kenianische Athleten sind inzwischen dem Beispiel von Saif Saaeed Shaheen gefolgt. Sie starten entweder für Katar oder den Bahrain. Die IAAF hat daraufhin vor kurzem die Sperrzeit für Nationenwechsel von zwei auf drei Jahre verlängert. Doch diese Regelung alleine wird das Problem nicht lösen können. Die Läufer dürfen dann zwar nicht bei internationalen Meisterschaften starten, wohl aber bei den lukrativen Meetings und Straßenläufen.

Treue dem Heimatland

Während Kenias Staatspräsident Mwai Kibaki vor wenigen Tagen die Läufer seines Landes zur Treue gegenüber ihrem Heimatland aufforderte, hatte der Sportminister Ochillo Ayacko vorgeschlagen, die abtrünnigen Athleten nicht mehr in Kenia trainieren zu lassen. Die meisten leben nach wie vor in der früheren Heimat. „Aber das geht nicht, wir sind ein freies Land und können nicht die Einreise stoppen“, sagt Isaiah Kiplagat.

Aufklärung ist Ziel

„Wir können das Problem nur über die Erziehung und die Ausbildung an den Schulen lösen. Dahingehend versuchen wir gemeinsam mit erfolgreichen Topathleten zu arbeiten“, sagt der Verbandspräsident. Und er erklärt, dass sich Kenia in Einzelfällen nicht unbedingt gegen einen Nationenwechsel sträuben würde. „Allerdings nur, wenn das auf legalem Wege passiert.“ Die derzeitige Praxis prangert Isaiah Kiplagat an. „Die Armut ist unser größtes Problem.“ In Schulen im Great Rift Valley im westlichen Hochland, wo so gut wie alle kenianischen Topläufer herkommen, werden, so Kiplagat, 16-jährige Jungen abgeworben. „Sie stammen aus armen Familien. Wenn man diesen Jungen einen 1000-Dollar-Schein zeigt, dann haben sie so viel Geld noch nie gesehen. Selbst für 10 Dollar würden sie sagen: Ja ich komme mit“, erklärt Isaiah Kiplagat. Auch die Lehrer spielen teilweise dieses Spiel mit. „Sie sind die schlimmsten Täter in dieser Sache.“

 

Obwohl mit Maryam Jamal, einer früheren Äthiopierin, auch eine 5000-m-Läuferin für den Bahrain startet, werden Frauen aus religiösen Gründen nicht abgeworben. Angesprochen auf die generelle Problematik, reagierte die kenianische Weltklasseläuferin Joyce Chepchumba drastisch: „In meinen Augen sind das Drecksländer.“


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