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Haben Sie eigentlich etwas gegen Nordic Walking?

09.09.2005

Thomas Steffens, RW-Chefredakteur

In Kooperation mit RUNNER’S WORLD erscheint hier jeden Monat ein Thema aus dem aktuellen Heft.

Viele lächeln über Menschen, die mit Stöcken gehen, Witze kursieren. Höchste Zeit, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen

Die Fronten scheinen abgesteckt: Hier die Fraktion der Sportartikel-Industrie, die in Nordic Walking (NW) einen Mega-Trend sieht, dazu die Sportgeschäfte, die ihre Lager leer sehen wollen und froh sind über jeden Trend, sowie alle Anbieter von NW-Kursen im Verbund mit verschiedenen NW-Verbänden und Instituten, die NW-Instruktoren ausbilden. Dort die Skeptiker, daneben die Spötter. Letztere zu finden in den Feuilletons von Tageszeitungen, im SPIEGEL sowieso, oft genug auch unter Läufern. Was steckt hinter dieser überschwenglichen Begeisterung, was verbirgt sich hinter der Skepsis bei diesem Thema? Ich finde es gut und positiv, wenn sich Menschen in ihrer Freizeit sportlich betätigen. Vor allem wenn dies wie bei Nordic Walking eine Klientel betrifft, die bisher gar nicht oder so gut wie nie freiwillig körperlich aktiv war, vor allem ältere Menschen. Man muss die Zahlen, die über Nordic Walker kursieren, ja nicht unbedingt glauben, orientieren sie sich doch vornehmlich an Orderangaben der Industrie. Doch wer draußen unterwegs ist in den Parks und Wäldern, kann die Menschen mit ihren Stöcken ja nicht mehr übersehen. Was sie da treiben, ist in jeder Hinsicht zu begrüßen, meine ich, egal wie es aussehen oder erscheinen mag.

Der Spiegel fand immer wieder ein Thema
Wer lange genug im Laufschritt unterwegs ist, kann sich noch gut daran erinnern, wie man als Läufer verspottet, wenn nicht sogar regelrecht angemacht wurde. »Einszweieinszwei«, »hopphoppschneller« galt als mildere Form des Spotts, die Steigerung lautete: »Haste nix Besseres zu tun, geh lieber arbeiten.« Und der SPIEGEL fand immer wieder ein Thema, um Läufer als nicht ganz ernst zu nehmende Spezies abzutun, Laufen gar als gefährlich für die Gesundheit darzustellen. Da kommt die Standard-Bemerkung gegenüber Nordic Walkern »na, Sie ham’ wohl Ihre Ski vergessen« (haha) geradezu harmlos daher. Wer sich als Läufer herablassend über Nordic Walker äußert, hat vermutlich gewisse Probleme mit dem Selbstwertgefühl. Spaziergänger oder Wanderer bewegen sich ebenfalls, erfreuen sich aber allgemeiner Akzeptanz.
Andererseits finde ich die künstliche Verkomplizierung von Nordic Walking einigermaßen lächerlich. Stichwort Technik: Da verunsichert man sportlich bisher unbedarfte Menschen, sobald sie ihre Stöcke gekauft haben. Man müsse unbedingt die richtige Technik erlernen, heißt es, da es sonst nichts bringe oder gar gefährlich würde. Die Urheber solcher »Kampagnen« sind vor allem NW-Instruktoren und Buchautoren, die an Unbedarftheit kaum zu überbietenden Redaktionsschreiber aller Blattsorten sowie elektronische Medien inklusive. Bei RUNNER´S WORLD wollen wir Nordic Walking als das sehen, was es ist: eine einfache Form der Bewegung, die für jeden geeignet ist, nicht mehr und nicht weniger. Man benötigt dazu weder einen Kurs, noch ein Buch und schon gar keinen persönlichen Trainer. Was im eigentlichen Sinne verwundert, ist für mich lediglich, dass niemand mehr über Walking spricht.

Thomas Steffens, Chefredakteur


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