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Läufer-Geschichten (1): Mein Papa ist der Beste

von Karl Gustav Mahlknecht

17.09.2005

Karl Gustav Mahlknecht mit Töchterchen Judith

Ich heiße Karl Gustav Mahlknecht und komme aus dem schönen Südtirol - genauer aus St. Ulrich in Gröden. In diesem Jahr gehe ich zum siebten Mal in Berlin an den Start und mein erklärtes Ziel ist die Aufnahme in den Jubilee-Club. Zurzeit ist, meines Wissens nach, noch kein aus Italien kommender Läufer oder Läuferin Mitglied in diesem Club. Zwar fehlen mir ja noch einige Zielankünfte und es ist dadurch vermessen, der Erste sein zu wollen, jedoch möchte ich auf jeden Fall zu den Ersten dazugehören. So gehöre ich auch zu den Ersten aus unserem Dorf, ja aus unserem Tal (mit insgesamt ca. 8.800.- sesshaften Personen), die überhaupt einen Marathon gelaufen sind.

Der erste Marathon

Es war das Jahr 1992 und ich war gerade 21 Jahre jung. Mit einem Freund, der leider schon verstorben ist, fuhren wir damals mit dem Auto nach Berlin. Großes Vorbild für mich war - außer Gelindo Bordin - mein um 11 Jahre älterer Bruder, der bereits im Jahre 1982 am BERLIN-MARATHON teilgenommen hatte. Und gleich auf Anhieb gelang es mir mit 03.28.45 (natürlich noch ohne Chip-Zeitmessung) seine Bestzeit zu unterbieten. Beflügelt von dieser Erfahrung gelang es mir für das darauf folgende Jahr sechs Freunde für den Marathon zu gewinnen. Damals war das Laufen noch ein viel belächelter und absolut kein Breitensport. Was mit einer Wette begann, endete in meiner persönlichen Bestzeit in 03.13.34 - immer noch ohne Chip-Zeitmessung. Und so war ich auch im nächsten Jahr am Start. Auch hier klappte es unter 03.30 Stunden - genauer in 03.24.15.

1995 machte ich den größten Fehler meiner "Laufbahn": ich ging fremd! Und zwar nach Frankfurt. Ich wurde mit Dauerregen und einer Zeit von 03.38.24 bestraft!

Das lange Comeback

Es folgten sieben Jahre des Nachdenkens! 2002 schließlich das Jahr der "Großereignisse": zunächst im Juni meine Hochzeit und dann im September das "Comeback". Mein vorgegebenes Ziel war die 4 Stunden Marke. Kritiker behaupteten, ich müsse überhaupt zufrieden sein, wenn ich ins Ziel komme. Das Übergewicht wiegte schwer!

Ich war selbst unsicher und hatte etwas Angst. Am Start viel mir plötzlich mein zwei Jahre vorher verstorbener Freund ein, mit dem ich zum ersten Marathon angereist war. Und plötzlich konnte ich unbekümmert und ohne Druck der Kritiker loslaufen. Das Ergebnis war die Zeit von 03.29.45.

Das schönste Geschenk

Davon beflügelt, die Kritiker verstummt kam es 2003 zu erneuten Wiedersehen mit Berlin. Und hier das Ereignis, welches eigentlich der Hauptgrund meiner zu erzählenden "Story" ist. Leider konnte auch in jenem Jahr meine Frau - arbeitsbedingt - nicht in Berlin dabei sein. Wir wussten, dass unser erstes Kind unterwegs war, wenn auch erst im zweiten Monat. Als es Richtung Potsdamer Platz ging - also auf der Potsdamer Straße, irgendwo zwischen km 35 und km 36, wo schon sehr viel weh tut und der Gedanke an die Zielankunft sich breit macht, wo bei vielen - bei mir zumindest immer - das Rechnen beginnt, welche Zeit noch möglich ist wenn..., erblicke ich auf dem Seitenrand eine Mutter mit ihrer - vielleicht 1 Jahr alten - Tochter, die ein großes Schild in der Hand hielt auf welchem folgendes stand: "Mein Papa ist der Beste - Judith".

Wie ein Blitz schoss mir folgender Gedanken in den Kopf "Ihr mögt laufen wie die Verrückten, euch anstrengen und quälen soviel ihr wollt - mein Papa ist und bleibt der Beste - eure Judith". Für mich war dies die Anfeuerung die man (in diesem Fall nur männlich!) sich nur wünschen kann bzw. die ich mir bis zu diesem Moment immer gewünscht hätte. Viele Anfeuerungen sieht man von den einmaligen Zuschauerinnen und Zuschauern in Berlin, aber gerade diese ist und bleibt in mir unvergessen. Zwar waren es fremde Menschen, aber ich habe sie wie für mich aufgenommen. Von diesem Moment an war mir klar, dass unser Kind - falls es ein Mädchen wird - Judith heißen wird. Der Zufall wollte, dass dieser Name auf Anhieb meiner Frau gefiel und so kam - mit einem Monat Vorsprung auf der "Marschtabelle" - im März 2004 Judith auf die Welt.

Auch 2004 ging ich wieder an den Start. Ich hoffte auf ein "Wiedersehen" mit dem Schild - suchte aber vergebens.

...Und wieder nach Berlin

Und heuer? Na ja - es ist sicherlich nicht der Hauptgrund, warum ich den real,- BERLIN-MARATHON  liebe. Zu viele andere Gründe wären da zu nennen, warum man nach den langen Wintermonaten wieder die Laufschuhe auspackt - nach Strecken sucht, die nicht immer nur bergauf oder bergab führen (hier in den Dolomiten eben nicht einfach) usw. Da ist z.B. der Wunsch endlich einmal auf einem Foto, das im Marathonbuch veröffentlich wird, sichtbar zu sein oder auch nur das Gefühl in den Südtiroler-Apfel (ein Stück Heimat!) nach der Zielankunft zu beißen, oder, oder, oder ... Ich finde, dass meine Story schon so, lang genug ist um nicht noch auch diese Aspekte auszumalen. Vielleicht konnte ich ein klein wenig von meinen Gefühlen mit euch teilen - auf jeden Fall habe ich es versucht so rüberzubringen - wie es in mir ist.

  Karl Gustav Mahlknecht

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