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Läufer-Geschichten (5): Wenn ich das schaffe, kann ich alles schaffen!

von Petra Neumann

21.09.2005

Petra Neumann

Irgendwo hatte ich gelesen, dass der Neumond ein günstiger Zeitpunkt ist, um schlechte Gewohnheiten auf zu geben. Im letzten Jahr traf dieser Neumond genau auf meinen 45. Geburtstag. Also die beste Gelegenheit, um endlich mit dem rauchen auf zu hören - dachte ich mir. Es stand nur nirgends so genau, dass ich täglich Mordgelüste haben würde und Fressattacken mich im Minutentakt plagen würden. Aufgeben war aber nicht - Frau hat schließlich auch ihren Stolz.


Als ich mich bei einem Freund über diese doch anstrengenden und nervenaufreibenden Nebenwirkungen beklagte, meinte er wohl, er müsste mein Selbstbewusstsein stärken: "Gereizt bis zur Mordlust? Endlich eine gesunde Einstellung Deinen Mitmenschen gegenüber. Du hast Fressattacken? Dann fühlst Du Dich bestimmt bald an wie ein Samtkissen, rund und weich. Schööööön! Mach weiter so." Ohne mich! Also erst mal die Fressattacken überlisten. Die Mordgelüste müssen warten. Ab da habe ich täglich einen riesigen Trog mit Obst und Gemüse in mundgerechten Happen direkt neben dem Computer am Arbeitsplatz postiert. Allerdings muss da irgendwer heimlich mit gefuttert haben, so schnell wie der immer leer war.


Der nächste Ratschlag von einem anderen Freund lautete: "Fang doch an mit Laufen. Das lenkt ab und hilft Dir Deine Gereiztheit ab zu bauen." Na gut, probieren kann man es ja mal. Ab in den nächsten Sportladen und irgendein paar Laufschuhe erstanden. Im nach hinein weiß ich, dass die Beratung hätte besser sein können ...
Und dann bin ich los gelaufen, in der Nähe meiner Wohnung schön am Rhein entlang. Nur, nach den ersten 500 Metern habe ich schon immer mit einem Auge auf die Parkbänke geschielt und irgendwie war viel zu wenig Luft da. Der Sonnenuntergang am Rheinufer ist jedoch auch ganz nett an zu sehen, und auf der Seite standen keine Bänke. Die Hälfte meines Pensums war schon geschafft und ich trabte angestrengt zurück. Und, die letzten Minuten konnte ich an nichts anderes als an eine Zigarette denken. Das war bei den nächsten Laufrunden genau so. Meine Mordgelüste hatten ein konkretes Ziel im Visier. Dieser Freund konnte von Glück reden, dass er etwa achtzig Kilometer weit weg von Köln wohnt! Super Tipp mit dem Laufen!


Zudem liefen mehrere Damen im fortgeschrittenen Rentenalter des Öfteren mal eben locker an mir vorbei. Bis dahin hatte ich mich für relativ sportlich gehalten, Fitness-Studio, öfter auch mal mit dem Rad unterwegs. Allerdings hatte ich nie Ambitionen zu Ausdauersportarten. Ewig irgendwo lang zu laufen nur für die Fitness, erschien mir furchtbar langweilig. Und dafür vielleicht auch noch morgens eher aufstehen, ein sehr abwegiger Gedanke. Das letzte mal längere Strecken am Stück bin ich vor etwa zwanzig Jahren mit meiner damaligen Freundin Birgit gelaufen. Drei bis vier Wochen bevor wir mit ein paar befreundeten Jungs ins Gebirge zum Wandern fahren wollten, haben wir zwei mal die Woche abends unsere Runden im Park gedreht. Schließlich wollten wir uns von den Pappnasen nicht jeden Tag zehnmal anhören müssen, dass wir zu lahm sind und hinterher hängen. Da war er wohl auch schon, der Stolz - nicht klein bei zu geben.

Trotz Luftnot, Sehnsucht nach Nikotin und Mordgelüsten lief ich regelmäßig weiter, nach und nach wurden die Distanzen länger und das Tempo etwas flotter. Zumindest hat mir der achtzig Kilometer entfernt wohnende Freund viele gute Tipps gegeben, wie ich mein Lauftraining langsam steigern kann. Nach Köln ist er nur sehr selten gekommen und nie lange geblieben. Wahrscheinlich hat er sich nie so ganz sicher gefühlt, vor allem wenn er mit dem Rücken zu mir stand oder saß.

Etwa ein Jahr später wollte ich endlich wissen, was ich so schaffen kann. Also habe ich mich zu meinem ersten 10-km-Lauf angemeldet. So richtig konnte ich mir nicht vorstellen, wie lang denn jetzt zehn Kilometer sind, wenn man sie am Stück läuft. Meine Trainingsläufe habe ich immer nach Zeiteinheiten eingeteilt und wusste nie so genau, wie viel Kilometer ich dabei zurückgelegt habe. Ein bisschen aufgeregt war ich schon bis der Startschuss fiel. Und dann war ich stolz wie sonst was, als ich die zehn Kilometer unter einer Stunde geschafft hatte.


Das lief doch ganz gut, da könnte ich ja vielleicht auch mal einen Halbmarathon versuchen ... Dem entfernten Freund war verziehen. Schließlich war er der einzige, den ich kannte, der mir einen Trainingsplan dafür machen konnte. Den hat er dann vorsichtshalber telefonisch durch gegeben.

Sechs Wochen später fuhr ich ins Bergische Land, nicht weit von Köln, zu meinem ersten Halbmarathon rund um die Agger-Talsperre. Wunderschöne Landschaft, herrlicher Sonnenschein, nicht zu heiß - einfach ein wunderschöner Tag. Ich wollte einfach nur ankommen, wenn möglich nicht als letzte und wenn ich mit zweieinhalb Stunden durchkommen würde, das wäre echt super. Nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke habe ich mich schon ab und an gefragt, was ich mir da eigentlich eingebrockt habe. Ich dachte nur, die zieht sich aber, die Kiesgrube ... Nach 2:17 und ein paar Sekunden war ich tatsächlich über die Ziellinie - eben ein wunderschöner Tag.                                                                                                                                           
Mittlerweile bin ich sicher, dass dieses Laufen ein ziemliches Suchtpotential hat. Ist aber legal, soweit ich weiß. Häufig sperrt sogar die Polizei die Strecken für diese Durchgeknallten ab, damit sie ungestört süchteln können. Jedenfalls saß ich noch am selben Abend an meinem Rechner und stöberte im Internet nach den nächsten Laufterminen. Nun ja, da gebe es ja noch den Marathon, der in meinem unbekümmerten Hinterkopf rein rechnerisch als zweimal ein Halbmarathon herumgeisterte. So ganz verausgabt war ich letztendlich nicht gewesen. Ich musste erst mal die Distanz für mich austesten und rein theoretisch hätte ich ja noch ein bisschen weiter laufen können...


Eine Woche war noch Zeit, um sich mit der günstigsten Startgebühr anzumelden - für den real,- BERLIN-MARATHON. Dort habe ich ein paar Jahre gelebt und Christine, eine meiner besten Freundinnen, schon zwei Jahre nicht mehr besucht. Eigentlich würde ich schon sehr gerne einmal wieder nach Berlin fahren. Aber knapp über zweiundvierzig Kilometer laufen, um genau zu sein 42,195 Kilometer, schon heftig diese Vorstellung. Und wenn ich das schon mache, dann will ich da nicht fünf Stunden oder so rumeiern, da nimmt die Strecke ja erst recht kein Ende. Was wiederum heißt, dass ich öfter und intensiver trainieren müsste. Seit einiger Zeit bin ich freiberuflich auf dem Arbeitsmarkt unterwegs und brauche deshalb neben der eigentlichen Arbeit noch viel Zeit - um einen Kundenstamm aufzubauen, Informationen einzuholen, mich fachlich auf dem laufenden zu halten und so weiter. Am besten wäre wohl ein Sponsor, in meiner Altersklasse wahrscheinlich am ehesten ein Hersteller für Stützstrümpfe. Also den Gedanken brauchte ich gar nicht weiter verfolgen. So nach und nach manifestierte sich jedoch ein anderer Gedanke, der sich irgendwie zur fixen Idee entwickelte: "... wenn ich das schaffe, kann ich alles schaffen!". Dieser Gedanke ließ mir keine Ruhe mehr, vor allem während meiner ewig langen Läufe, bei denen mich niemand begleiten wollte, geisterte er mir ständig durch den Kopf. Da hat man jede Menge Zeit zum nachdenken. Wenn ich es schaffe, das zu organisieren, Training, Job, Freunde, Familie - dann kann ich wirklich alles schaffen. Ich habe mich noch in derselben Woche angemeldet, jeeehhh!

Sieben Wochen nach dem ersten Halbmarathon bin ich mit einer Freundin, die ich bei einem meiner Trainingsläufe wieder entdeckt habe, den nächsten gelaufen, immerhin knapp fünfzehn Minuten schneller als beim ersten Mal. Geht doch!
Der entfernte Freund hat es nicht geschafft, mir den versprochenen Trainingsplan für den Marathon durch zu geben. Schade eigentlich, für den Halbmarathon hat das wunderbar funktioniert. Da musste ich eben selber was zusammen basteln.
Mittlerweile trainiere ich viermal pro Woche, lange Läufe, langsame Läufe, schnelle Läufe, Fahrtenspiele - was man halt so macht, damit die Startgebühr nicht zum Fenster raus geschmissen ist. Ich stehe sogar morgens eher auf! Wenn mir das voriges Jahr jemand prophezeit hätte, dem hätte ich eine weiße Jacke ohne Ärmel empfohlen. Wo ich doch eigentlich mindestens meine acht Stunden Schönheitsschlaf brauche. Und wenn mir dann noch jemand gesagt hätte, ich würde versuchen einen Marathon zu laufen - total durchgeknallt, hundert Prozent!

Inzwischen steht für mich fest: "... wenn ich das schaffe, kann ich alles schaffen!"

 

PETRA NEUMANN

 


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