41. BMW BERLIN-MARATHON am 28. September 2014

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Mit voller Konzentration durch Berlin

George Hirsch gewann in 3:31:55 Stunden die Altersklasse M70 mit elf Minuten Vorsprung und belegte im Gesamtklassement Platz 5.000 von 30:584 Teilnehmern im Ziel

11.10.2005

Georg Hirsch - glücklich im Ziel
© hme

Mit voller Konzentration durch Berlin Mit voller Konzentration durch Berlin

Wer ambitioniert läuft, für den ist ein Marathon keine Besichtigungstour. Unser Redakteur war Teil eines gut vorbereiteten Unternehmens.

Wir trafen uns am Alexanderplatz, hatten uns lange nicht mehr gesehen. Er hatte sich kaum verändert. Was hatte ich erwartet? Bauchansatz, wabernder Hüftspeck? Doch nicht bei George! Er war jetzt 71, hatte die Figur eines… na ja, eines Marathonläufers eben. Nicht irgendeines Läufers, sondern eher die eines Elite- als eines Freizeitläufers. Mit 71 Jahren wohlgemerkt.

Langsam bummelten wir vom Alex Richtung Nikolaiviertel. Wenn er schon extra aus New York zum Marathon kam und noch nie in Berlin war, sollte er doch wenigstens  etwas von der Stadt gesehen haben, dachten wir. Er eher nicht. Er war aus New York nicht nach Berlin, sondern zum BERLIN-MARATHON gekommen, dem Marathon mit der schnellsten Marathonstrecke der Welt – »probably«, wie er anmerkte. Er wollte es auf die Probe stellen. Und deshalb interessierten ihn an diesem Freitag  die Wettervorhersagen für den kommenden Sonntag deutlich mehr als die Tatsache, dass der Alexanderplatz mal das Zentrum Berlins war oder die Nikolaikirche die älteste Kirche in Berlin ist. Nicht, dass George ungebildet oder politisch uninteressiert wäre, im Gegenteil. Er hat vor Jahrzehnten auf einer Eliteuniversität studiert und schon auf dem demokratischen Ticket um einen Sitz im amerikanischen Kongress gekämpft. Vor allem aber hat er als einer der ersten auf diesem Planeten sein Hobby, das Laufen, zu seinem Beruf gemacht. Es gibt kaum jemanden, den ich in all den Jahren, die ich selbst laufe, traf, der dieses Laufen so beeindruckend »lebte« wie George.

Vorbereitungen

Am Samstagnachmittag trafen wir uns in der Lobby seines Hotels, nicht etwa um die Sightseeing-Pläne für den Sonntag zu spinnen – wir hatten es noch nicht aufgegeben: »wenigstens Reichstag und Kanzleramt« –, sondern, um die Marschtabelle fürs Rennen festzulegen. Wir fachsimpelten über Getränkestationen, Glukose-Gels, Zwischenzeiten, die richtige Laufausrüstung und schließlich seine Ziele. Eigentlich waren alle nahezu identisch: 3:34 Stunden, die Johnny Kelly als 70-jähriger rannte, 3:34, die Kelly als 71-jähriger rannte, und 3:34, die aktuell schnellste Marathonzeit eines über Siebzigjährigen in den USA. Noch Fragen?
Ich atmete dreimal tief durch. George wollte es also wissen: Jonny  Kelly (1907–2004) vom Thron stoßen, das war gewagt. An diese amerikanische Lauflegende traut man sich nicht »mal so eben« ran. Kelly hatte 1935 und 1945 den legendären Boston-Marathon gewonnen, wurde dort weitere siebenmal Zweiter, startete bei drei olympischen Spielen (1936, 1940, 1948) und nahm insgesamt an 61 Boston-Marathons teil. Johnny A. Kelly beeindruckte auch im Alter noch durch großartige Zeiten und lief seinen letzten Boston-Marathon mit 84 Jahren. Und jetzt also George (und ich) auf seinen Spuren. Ich unterstützte seine Pläne für den Samstag sofort: Beine hochlegen und ruhen. Kanzleramt  und Rechstag vom Programm gestrichen.

Vom Start weg mit Tunnelblick

Am Marathonmorgen standen wir in unserem Block ganz vorne, aber George bestand darauf, möglichst ganz am Rand zu warten, da er befürchtete, nicht in die Gänge zu kommen und die Nachläufer zu behindern. Die Atmosphäre war gigantisch, und ich sah, dass sie auch ihn beeindruckte. George wollte nach zwei Teilnahmen in Chicago 2002 und 2003 schon letztes Jahr in Berlin laufen, aber eine Verletzung verhinderte dies.  Er wusste natürlich um den guten Ruf des Marathons, aber diese Stimmung überraschte ihn. Rhythmisches Klatschen bis zum Startschuss, wir machten nicht mit. George hatte schon den Tunnelblick.
Startschuss! Wir kamen tatsächlich nur langsam los, aber drängten uns an den Rand der Strecke. Ich gab ihm zunächst nur Geleitschutz, doch schon der erste Kilometer passte: 5:09 Minuten. Ab Ernst-Reuter-Platz (2,3 km) nahm er Fahrt auf, und ich merkte, dass es da wohl auch noch ein viertes »Goal« gab: unter 3:30 Stunden. Vergessen waren die Zweifel vom Morgen, als er, den Blick zur strahlenden Sonne gerichtet, mir vorsichtig zu erklären versuchte, dass…, wenn… er seiner Frau versprochen hätte, frühzeitig das Rennen zu beenden und es nicht zu übertreiben: »You know Chicago could be another chance.« Aber jetzt: Nichts Chicago, George trieb mich vehement voran. Kanzleramt und Reichstag (6,6 km) konnten uns gestohlen bleiben, und wir steuerten trotz steigender Temperaturen geradewegs auf unsere Ziele zu.

Beeindruckende Zuschauer

Die Zuschauermenge war beeindruckend, und ich versuchte, wie man es halt immer tut, diese Stimmung mit der vom letzten Jahr, mit der vom Hamburg-Marathon, mit der beim New York-, beim Wien-, beim XY-Marathon zu vergleichen. Natürlich war sie dieses Jahr die beste überhaupt, gerade so, wie ich dies auch im Frühjahr in Hamburg oder letztes Jahr in Berlin empfunden hatte. Ist doch klar: Immer dort, wo man gerade unterwegs ist, ist die Stimmung am besten. George schien darüber nicht nachzudenken, er machte es besser, denn er schien die Anfeuerung der Zuschauer einfach nur aufzusaugen und – noch besser – sofort in Energie umzusetzen. »Was sollte ihn auch schon noch beeindrucken?« dachte ich.

Aber wenig später, in einer Autobahnunterführung, in der das rhythmische Trommeln einer Band von den Wänden laut zurückgeworfen wurde, und die Zuschauer dazu im Takt schrien, schaute auch George kurz zu meiner Seite und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er war dabei!
Jede kleine Steigung machte ihm Mühe, und davon gibt es in Berlin zum Glück nur wenige. Sobald es irgendwo auch nur einige Höhenmeter zu überwinden galt, nahm er das Tempo stark zurück, dafür ließ er es »abwärts« richtig knallen. Mir fiel dies irgendwo zwischen Kilometer acht und neun auf und ich ließ mich unmerklich zurückfallen, um seinen Laufstil in Ruhe zu studieren. Dabei fielen mir seine »Spatzenwaden« auf, die jedem afrikanischen Weltklasseläufer zu Ehren gereicht hätten. »Next winter you have to do some strength training« würde ich ihm im Ziel empfehlen wollen, aber mir wurde später klar, dass das Alter einfach mehr Muskel- als Lungenkraft kostet. George war das schon lange klar, und deshalb sparte er die Kraft, wo er konnte. Sehr weise.

Im Fünferschnitt durch Berlin

Wir hatten uns auf einen Kilometerschnitt von knapp unter fünf Minuten eingependelt und hinterm Alexanderplatz (11 km), irgendwo bei Kilometer 12, wechselten wir zum ersten Mal mehr als ein Wort, nämlich deren zwei: »It’s unbelievable«, sagte er. Was er meinte, wusste ich nicht, denn wir hatten gerade eine eher zuschauerärmere Passage hinter uns, wo die Stimmung gut, aber nicht überschäumend war. Ich hoffte, dass er seine körperliche Verfassung beschrieb, eventuell auch die Zwischenzeiten, guckte fragend zu ihm hinüber, er aber schon wieder leicht vornübergebeugt auf die Straße. Hand aufs Herz: Nie zuvor hatte ich einen Läufer begleitet, der solch eine positive Ausstrahlung besaß, ohne sein Gut-Gefühl permanent mitteilen zu müssen. Einfach einer, der ohne überschwengliche Emotionsausbrüche, durch Mimik und Habitus, mitteilte: es gefällt mir, ihr gefallt mir, ich gefalle mir.
Es war auch in unserem Zeitbereich immer eng. Ich war – wie eigentlich jedes Jahr in Berlin – überrascht, wie viele Läufer bei uns in Deutschland unter vier Stunden laufen können. »Wahnsinn«, dachte ich und schaute mich um, und als ob George meine Gedanken hätte lesen können, rückte er ein wenig von mir ab, um mir Freiheit zum Umblick zu geben. Aber ich suchte irgendwie immer seine Nähe, kam ihm sogar oft zu nahe, stieß ihn immer wieder mal unbeabsichtigt mit meinen Armen an, gerade so, als ob ich ihn beschützen müsste. Von wegen: Er knallte  im Fünf-Minuten-Tempo neben mir her. Mit 71 Jahren. Der brauchte keinen Schutzengel.

Kein Sightseeing, volle Konzentration

»Ich bin ein Berliner.« Den berühmten Satz des US-Präsidenten John F. Kennedy anno 1963 hätte ich loswerden müssen, als wir am Rathaus Schöneberg (23 km) vorbeikamen, ich weiß. Aber ich wollte einfach nicht. »George war damals 29 Jahre alt«, dachte ich, »und ist jetzt alt genug, zu fragen, wenn ihn etwas interessiert.« Und es schien mir auch, dass er sich mittlerweile komplett in sich zurückgezogen hatte und ihn meine Versuche einer Ansprache nervten. Ich konzentrierte mich also darauf, die Kilometerzeiten anzusagen, in Meilen umzurechnen, an Verpflegungsstellen über Blickkontakt und mit kurzen Wortfetzen, die Versorgungslage abzuklären und ansonsten meine Klappe zu halten. Ich machte mir klar, dass er genoss: die tolle Stimmung, Atmosphäre, Strecke, aber vor allem, dass es bei ihm lief, richtig gut lief.
Ich stellte mir vor, wie man die Sieger Philip Manyim oder Mizuki Noguchi im Ziel etwas über die Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke fragen würde.

Was würden sie antworten? Ganz  diplomatisch würden sie vielleicht sagen, dass sie gehört hätten, dass Berlin eine interessante Stadt sei, und sie würden weiter ausführen, dass beim nächsten Mal, wenn sie wiederkämen, dann, dann würden sie sich die Sehenswürdigkeiten bestimmt auch alle anschauen. Ebenso ging es wohl auch George. Er war verdammt nochmal ein Eliteläufer, einer, der zu den besten seiner Altersklasse in der Welt gehört, einer, der der schnellste Amerikaner seiner Altersgruppe werden wollte, hier und jetzt. Ich ließ ihn in Ruhe.

Angefeuert vom Olympiasieger

Die Temperaturen stiegen über 20 Grad und die Läufer begannen zu stöhnen. Auch George zollte jetzt dem Temperaturanstieg Tribut und wir hatten zunehmend Mühe, den Kilometerschnitt zu halten. Nicht dass wir darüber sprachen, aber es fehlten uns immer öfter hier und da ein paar Sekunden. Am »Wilden Eber« (28 km) war die Atmosphäre gigantisch. Es gibt weltweit kaum einen Marathonkilometerpunkt, der stimmungsvoller ist. Ich schaute zu George, er hatte den Kopf gehoben, schaute sich um und grinste. Ja, er grinste. Ein untrügliches Zeichen – das hatte ich inzwischen gelernt –, dass hier etwas Überwältigendes passierte. Die Samba-Band knallte ihre Rhythmen in die Trommeln, die Zuschauer kreischten und George schien gerührt, blieb aber fokussiert.
Ein wenig aus dem Konzept brachte ihn nur Dieter Baumann. Der Olympiasieger wartete am Wilden Eber auf seinen Fernsehauftritt, sah George und ließ es sich nicht nehmen, sich neben den »Grand old man« zu schieben und ein paar Meter mitzulaufen. George freute sich sichtlich. Er bewunderte Topläufer schon immer für ihre Leistungsfähigkeit, unterstützte sie als Vorbilder für die Freizeitläufer, aber deckelte sie auch, wenn sie Starallüren entwickelten.

„I feel it“: Die Beine machen sich bemerkbar

Auf dem Ku’damm (33 km) wurde George redselig: »I feel it.« sagte er und deutete auf seine Beine. Es war mir egal, denn wir verloren weiterhin nur wenig an Zeit. Aber im Angesicht der Gedächtniskirche (34 km) begann ich wieder ab und zu zu plappern. Ich dachte, dass es ihn vielleicht ablenken würde, eventuell aufregen, dann eben auch anregen. Vom KaDeWe (35 km) bis zum Potsdamer Platz (37,3 km) spielte ich den Reiseführer und zollte innerlich dem Veranstalter größten Respekt, der bei der Streckenführung nichts, aber auch gar nichts ausließ. George hätte dies auch getan, aber es lag inzwischen die Last von 38 Kilometern auf seinen Schultern. Er lief vornübergebeugt ganz rechts am Rande der Strecke, direkt an den Zuschauern vorbei. Es schien, dass er sich an den Absperrgittern orientierte, da es ihm schwer fiel, den Blick nach oben-vorne zu richten. Man hörte kein Schnaufen, sah ihm an, dass Herz und Kreislauf nicht ausgelastet waren, aber die Muskeln einfach mit jedem Schritt müder wurden.

Endspurt
Am Berliner Dom (40,5 km) ging ein Ruck durch seinen Körper und er zog noch einmal das Tempo an, richtig an. Ich sah mich bemüßigt,  ihm naseweis zuzurufen »Don’t push it too hard...«, und er reagierte sogar darauf. Ich glaube, dass er wie ich daran dachte, was bei seinem letzten Marathon passierte: In Chicago vor zwei Jahren kam er auf den letzten hundert Metern noch zu Fall – mit blutigen Folgen.
Erst das Brandenburger Tor im Blick, konnte ich es mir dann doch nicht nehmen lassen, ihn noch einmal richtig anzufeuern. Und er stob davon. Durch den rechtesten Durchgang des Tores flog er dahin mit raumgreifendem Schritt, ganz knapp an den Tribünen vorbei, ein
Endspurt zum Sieg.

Und was für ein Sieg. Für ihn.

Für mich eine Inspiration

Martin Grüning

George Hirsch gewann in 3:31:55 Stunden die Altersklasse M70 mit elf Minuten Vorsprung und belegte im Gesamtklassement Platz 5.000 von 30:584 Teilnehmern im Ziel.

Siehe auch den unseren Beitrag:

George Hirsch, ein Laufpionier

http://www.scc-events.com/news/news003699.html


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