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Detlef Uhlemann: „Die deutschen Läufer sind nicht faul“

In der Rückschau stellt man fest, dass sich bei den deutschen Langstrecklern in der Spitze seit fast 30 Jahren nicht viel getan hat.

28.10.2005

Das Deutsche Cross-Team bei der Cross-EM auf Usedom 2004

Detlef Uhlemann: „Die deutschen Läufer sind nicht faul“ Detlef Uhlemann: „Die deutschen Läufer sind nicht faul“

Bundestrainer Detlef Uhlemann im Interview über die Krise im Langstreckenlauf der Männer, unnötige Askese und die Perspektiven für das EM-Jahr 2006. Detlef Uhlemann, 56, hat in seiner internationalen Karriere von 1972 bis 1982 32-mal das deutsche Nationaltrikot getragen. Sein größter Erfolg war der dritte Platz bei der Cross-WM 1977. Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal erreichte er über 5000 Meter den zehnten Platz. Den deutschen Rekord über 10.000Meter verbesserte der Läufer vom LC Bonn viermal, zuletzt 1977 auf 27:42 Minuten. Einen Marathon ist der Bundeswehr-Hauptmann im Ruhestand nie gelaufen.

Herr Uhlemann, Sie sind seit Januar 2005 Disziplintrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) für die Langstrecken der Frauen und Männer von 5000 Meter bis zum Marathon, einschließlich des Nachwuchses der unter 23-Jährigen. Haben Sie lange gezögert, diesen Job zu übernehmen?

Uhlemann: „Nein, da mußte ich nicht lange überlegen. Nicht mal eine Nacht habe ich darüber geschlafen.“

Wenn Sie vor dem Marathon-Saisonabschluss in Frankfurt, der am Sonntag stattfindet, in die DLV-Bestenlisten schauen, dürften sich nicht gerade Glücksgefühle einstellen.

Uhlemann: „Bei den Frauen sieht es natürlich deutlich besser aus. Bei den Männern, nun ja, ich will nicht sagen Katastrophe, das sind andere Sachen. Es ist halt sehr enttäuschend. Besonders für die Läufer, weniger für mich. Aber wir haben die feste Absicht, dass zumindest ein Teilnehmer im nächsten Jahr bei der EM in Göteborg am Start ist.“

Wo wird die DLV-Norm für den Marathon angesetzt?

Uhlemann: „Die Norm ist noch nicht offiziell raus. Ich gehe mal von 2:14 Stunden aus. Also zwei Minuten moderater als dieses Jahr für die WM. Und das ist ein Bereich, den Martin Beckmann oder Carsten Schütz, wenn Sie gesund bleiben, schaffen können. Und das wäre auf jeden Fall schon ein Erfolg. Sicher, dann werden wieder einige die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: Mein Gott, was hat der Uhlemann für einen geringen Leistungsanspruch? Doch was soll ich machen, wenn das meine Besten sind? Dann freue ich mich über die Göteborg-Norm. Wenn ich immer nur sage, wie schlecht alle deutschen Läufer sind, motiviert das sicher nicht. Letztlich hat es auch keinen Sinn, sich mit den Bestenlisten aufzuhalten und zu klagen, daß wir aktuell zu langsam sind.“

Aktuell Bester ist Martin Steidl vom SSC Hanau/Rodenbach mit 2:18:43 Stunden…

Uhlemann: „Wir müssen dahin kommen zu sagen: Eigentlich können wir mehr. Der mögliche Start bei einer internationalen Meisterschaft muss als Motivation über den Winter reichen. Bei den Frauen haben wir mit Luminita Zaituc und Claudia Dreher schon zwei erfüllte Normen. Mit dem Frauen-Team sollten wir bei der EM in der Cupwertung eine Medaille holen.“

Warum gibt es seit Jahren keinen deutschen Marathonläufer von internationaler Klasse mehr?

Uhlemann: „Ich glaube, dass es sich im Marathon zuspitzt. Wir sind insgesamt auf den Langstrecken nicht besonders stark. Und je länger die Strecken werden, umso deutlicher wird dies. Wir haben nur sehr wenige gute Langstreckler, und die verteilen sich auf drei Distanzen: 5000, 10.000 Meter, Marathon. Und die 42,195 Kilometer sind eben die schwerste Strecke von allen. Fakt ist: Wir hatten viele Kranke und Verletzte, von den wenigen Guten war das fast die Hälfte. Die anderen hatten, wie jedes Jahr, in dieser Saison nur zwei Versuche beim Marathon. Generell gibt es im DLV weniger Spitzenlangstreckler als beispielsweise noch vor 20, 30 Jahren.“

Stimmt die landläufige Meinung, die Deutschen würden zu wenig trainieren?

Uhlemann: „Ich weiß nicht, wo bei solchen Aussagen der Maßstab angelegt wird und halte deshalb meistens schützend die Hand über die Läufer. Was auch nicht jedem gefällt. Einige Kritiker sind der Meinung, man müsse mindestens 250 Kilometer pro Woche laufen, um ein guter Langstreckler zu sein. Wenn diese Personen dann von Spitzenathleten hören, die ,nur’ 170 Kilometer absolvieren, geraten sie ins Grübeln. Nein, ich glaube nicht, dass die deutschen Athleten faul oder nicht motiviert sind. Das lasse ich nicht gelten. Teilweise trainieren sie sogar an der falschen Stelle zuviel. Warum in der Spitze kaum jemand ankommt, bei dieser Ursachenforschung tun wir uns seit Jahren schwer. Wenn wir die Probleme erkannt hätten, würden wir sie abstellen. Auch mein hauptamtlicher Vorgänger Wolfgang Heinig hat sich bei der Ursachenforschung schwer getan. Carsten Eich hatte viele Verletzungssorgen, und der Olympiadritte von 1992, Stephan Freigang, war irgendwann zu alt.“

Sehen Sie Athleten, die perspektivisch nach vorne kommen können?

Uhlemann: „Wie eingangs erwähnt, Martin Beckmann und Carsten Schütz. Beide waren schon Mal in der Nähe guter Zeiten. Oder Stefan Koch, der schon passabel Halbmarathon läuft.“

Drei Namen, die nur Insidern etwas sagen…

Uhlemann: „Viele dachten nach dem Rücktritt von Dieter Baumann, jetzt kommt die große Leistungsexplosion, weil er alle anderen gebremst habe. Auf diese Explosion warten wir immer noch. Baumann hat nicht gebremst, die anderen aber auch nicht mitgezogen. Er war ein Ausnahmetalent, davon haben wir keines im Moment. Es blieb halt immer nur bei der einen oder anderen Spitzenzeit.“

Fehlt der aktuellen Generation eine Spur Besessenheit, wie sie von früheren Weltklasseläufern wie Lutz Philipp und Manfred Letzerich überliefert ist?

Uhlemann: „Die Szene hat sich verändert, als es möglich wurde, mit dem Laufen Geld zu verdienen. Das war zu Zeiten von Letzerich und Philipp in den 60er und frühen 70er Jahren ganz anders. Da gab es ein paar Mark, die unter der Hand gezahlt wurden. Das war kein großer Anreiz. Heute sind die Läufer eher geneigt, dort zu laufen, wo es Geld gibt, auch wenn es nicht in den Aufbau passt. Gerade in der Sraßenlaufszene ist die Versuchung groß, ein paar City-Läufe zuviel zu machen. Da verzetteln sich viele, weil es ein übergroßes Wettkampfangebot gibt und jeder Veranstalter die wenigen guten Deutschen haben möchte. Doch wenn man auf ein großes Ziel hinarbeitet, muss man Veranstaltern auch absagen können. Auch in diesem Bereich ist Disziplin gefragt. Das fällt aber schwer, weil alle Läufer aufgrund ihres großen zeitlichen Aufwands jede Einnahme gut gebrauchen können.“

Können die besten deutschen Frauen besser Nein sagen?

Uhlemann: „Sie konzentrieren sich auf wenige Wettkämpfe, hatten allerdings alle schon mal gute Einnahmen. Das ist die Basis, und dann gehen sie gezielt vor.“

Fehlt es in der Männerszene an wirklichen Typen?

Uhlemann: „Die Typen sind anders. Ich höre immer: Die sind zu brav! Die sind halt so wie sie sind. Soll ich ihnen sagen: Ihr müsst so leben wie Philipp und Letzerich, die Platzhirsche vor meiner aktiven Zeit? Wenn die aktuellen Athleten alles so wüssten von damals, ihnen würden die Haare zu Berge stehen. Man kann nichts kopieren. Jeder muss seinen Weg gehen. Die Athleten sind okay und bereit, vieles aufzugeben. Wenn ich diese Hoffnung nicht hätte, müsste ich aufhören. Auch im Marathon muss bei den Männern etwas möglich sein.“

Wurde während Ihrer Wettkampfzeit in den Siebzigern auch die mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Langstreckler bemängelt?

Uhlemann: „Es war nicht so, dass man uns immer nur gefeiert hätte. Wir sind kritisiert worden, weshalb wir nicht noch schneller seien. Fünfzehn Jahre später hat man gemerkt: Hoppla, so schlecht waren die gar nicht.“

In der Rückschau stellt man fest, dass sich bei den deutschen Langstrecklern in der Spitze seit fast 30 Jahren nicht viel getan hat.

Uhlemann: „Doch. Wir sind schlechter geworden. Aber es nützt nichts, wenn man dauernd von früher spricht. Das nervt irgendwann und motiviert überhaupt nicht mehr. Als ich vergangenes Jahr noch für den Crosslauf zuständig war, habe ich zu meinen Kaderläufern gesagt: Wenn jemand meine 10-Kilometer-Bestzeit von 27:42 Minuten unterbietet, gibt es für die Gruppe 50 Liter Bier. Da haben sich alle erschrocken angesehen. Das ist dann in der Tat die Philosophie von früher: Lieber abends ein Gläschen Bier als ein Glas Cola. Man muss als Läufer kein Asket sein, der sich alles verkneift. Eine Feier zur rechten Zeit ist nicht verkehrt. Leben wie ein Mönch bringt gar nichts. Heute denken manche zuviel über Laktatwerte und die Zusammensetzung des Müslis nach. Ich sage dann: Esst einfach entspannt und locker, was euch schmeckt. Auch Currywurst mit Pommes Frites und Mayonnaise ist ab und zu okay.

Lesen Sie auch unsere Beiträge zum Crosslauf, als Detlef Uhlemann noch Disziplintrainer "Crosslauf" war, anläßlich der Ergebnisse der EM 2004 auf Usedom.

11. SPAR Cross-EM - Der Start in eine neue Zukunft des DLV!? Die verpassten Chancen der Werbung für die deutsche Leichtathletik bei einer internationalen Veranstaltung www.scc-events.com/news/news002689.html


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