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Sind 2 Stunden 15 im Marathon das Ende der Fahnenstange in Deutschland?

Wohin „läuft“ der deutsche Marathon?

07.11.2005

Raphael Arnold (vorn) und Benjamin Lindner trainieren seit anderthalb Jahren im Team von Dr. Thomas Prochnow - hier beim Würzburger Residenzlauf 2005
© Antje Pauli

Sind 2 Stunden 15 im Marathon das Ende der Fahnenstange in Deutschland? Sind 2 Stunden 15 im Marathon das Ende der Fahnenstange in Deutschland?

Die derzeitigen Spitzenzeiten deutscher Marathonläufer sind weit entfernt von der Weltspitze. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden nicht von allen gleich geteilt. Immer wieder werden Meinungen laut, dass in Deutschland die Talente fehlen, dass die physischen Voraussetzungen andere wären als die beispielsweise bei den Läufern aus Afrika.
Doch bei genauer Betrachtung kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass dies alles nur Ausreden sind. Einen Bundestrainer für den Bereich Marathon gibt es nicht mehr und der Deutsche Leichtathletik-Verband bemüht sich derzeit auch nicht darum, in dieser Hinsicht Abhilfe zu schaffen. Dennoch gibt es immer wieder unermüdliche Trainer, die nach wie vor unter schwierigen Bedingungen Läufer für die 42,195 km begeistern wollen und das harte, langjährige Training dafür mit ihnen in Angriff nehmen. Einer von ihnen ist Dr. Thomas Prochnow.

Seit etwa zwei Jahren bauen Sie in Leipzig wieder eine Marathongruppe auf. Allein die Tatsache Ihres Engagements lässt vermuten, dass sie den teilweise noch  jungen Sportlern auch das nötige Talent zusprechen?

Prochnow:
Als es mich vor zwei Jahren beruflich wieder nach Mitteldeutschland verschlagen hat, hat es mich sehr gereizt, bei meinem früheren Sportklub DHfK in Leipzig wieder als Trainer einzusteigen. Seither habe ich kontinuierlich ein kleines Team aufgebaut. Dazu gehören sowohl alte Hasen, wie Dirk Nürnberger, aber auch etliche junge Läufer, wie z.B. Benjamin Lindner. Während Dirk bereits auf viele Höhen und Tiefen in mehr als zwanzig Jahren sportlicher Karriere zurück blicken kann, haben die Jüngeren noch einiges vor sich, um sich zunächst in der deutschen Spitze zu behaupten. Mit den beiden deutschen Meistertiteln im Marathon 2004 und 2005 durch Stephan Freigang und Dirk Nürnberger entstand innerhalb der Gruppe ein Sogwirkung, die sich hoffentlich auch in den nächsten Jahren fortsetzt. Talent haben die jungen Burschen in jedem Fall, manchmal fehlt ihnen noch ein bisschen der nötige Biss, den ein Marathonläufer auf jeden Fall besitzen muss. Das ist auch wichtig, um die Tiefen dieser Sportart zu verkraften. Die Wettkampfhöhepunkte stehen in der Regel zwei Mal im Jahr an, und dann muss man körperlich und mental fit sein – genau auf den Punkt. Doch Talent ist eben nur die eine Hälfte des Erfolgs, die andere bedeutet hartes Training über Jahre hinweg. Das ist aber nur möglich, wenn die Bedingungen stimmen.

Welche Bedingungen meinen Sie da im konkreten?

Da ist zum einen die finanzielle Absicherung. Sportler, die noch nicht internationale Erfolge vorweisen können, haben weder einen Werbevertrag, noch bekommen sie Unterstützung vom Verband. Das heißt, sie müssen zuallererst ihren Lebensunterhalt verdienen. Dabei dann aber noch zwei Trainingseinheiten am Tag zu fahren ist sehr schwer. Dirk Nürnberger und auch alle anderen Jungs in meiner Truppe versuchen hier einen fast unmöglichen Spagat hinzuzaubern. Zum anderen fehlen feste Strukturen in Deutschland, die es auch zulassen, talentierte Ausdauerläufer in Zentren zusammenzufassen und somit auch Teamgeist zu fördern. In der Regel haben wir viele Einzelkämpfer. Schauen wir uns doch die Teams aus Äthiopien oder Kenia an, da taucht nur ganz selten mal einer alleine auf. Sicher, am Ende kann immer nur einer gewinnen, aber im Team steigen die Chancen.

Fehlt uns in Deutschland der Teamgeist und bleiben wir deshalb nur Mittelmaß?

Im internationalen Maßstab sind wir leider nur Mittelmaß und die Kluft zur Weltspitze wird eher größer als kleiner, aber das liegt nicht nur allein am fehlenden Teamgeist. Das sich dieser entwickeln lässt, sehe ich in meiner Trainingsgruppe in Leipzig. Aber auf Dauer wird es schwierig, unter den jetzigen Bedingungen, die Leistungen weiter zu steigern.
Benjamin Lindner hat sich in diesem Jahr in Richtung 30 Minuten über die 10-Kilometer-Distanz heran gearbeitet. Kürzlich wurde er zum zweiten Mal Deutscher Berglaufmeister bei den Junioren. Er hat sich sehr stabil entwickelt und steht mit 21 Jahren noch am Beginn seiner Laufkarriere. Doch eine Chance nach ganz oben zu kommen, hat er nur, wenn er sich voll und ganz auf das Laufen konzentrieren kann. Die derzeitigen Förderstrukturen im deutschen Leistungssport lassen das jedoch nicht zu. Als Reaktion auf das schlechte Abschneiden bei Olympia noch weniger Sportler zu unterstützen, teilweise Bundestrainerstellen zu streichen, wie auch im Marathonbereich, werden uns sicher nicht nach vorn bringen. Unter diesen Bedingungen werden wir wohl Mittelmaß bleiben.

Für die Trainer sind die Bedingungen nicht viel besser als für die Athleten, oder?

Leider ist das so, hauptamtliche Trainer gibt es in Deutschland nur noch eine Handvoll. Auch ich verdiene meine Brötchen nicht als Trainer, die Betreuung der Trainingsgruppe fällt in meine Freizeit, das betrifft sowohl Wochenende als auch den Urlaub. Wie meine Athleten nehme ich für die regelmäßigen Trainingslager meinen Urlaub. Darunter leidet dann manchmal auch die Betreuung, denn letztendlich geht der Job vor.

Und trotzdem bleiben Sie am Ball in Leipzig?

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die Jungs sind talentiert, kämpfen und wollen gewinnen und unter diesen Voraussetzungen versuchen wir den widrigen Bedingungen zu trotzen und greifen von Jahr zu Jahr neue Ziele an.
Die Saison ist nun bald vorbei und in den Wintermonaten wird das Aufbautraining für 2006 in Angriff genommen. Auf jeden Fall ist mit der Marathonmannschaft vom SC DHfK auch im nächsten Jahr wieder bei den Deutschen Meisterschaften zu rechnen. Das ist vorerst unser Ziel und dazu stehen wir.

 


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