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Schützt Laufen vor Krebs?

11.11.2005

In Kooperation mit RUNNER’S WORLD erscheint hier jeden Monat ein Thema aus dem aktuellen Heft.

Schützt Laufen vor Krebs?

Regelmäßig betriebener Ausdauersport hat viele positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Doch kann er auch vor Krebs schützen?

Der Zusammenhang von Krebs und Sport ist ein Thema, das zunehmend in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Zum einen durch Erfolgsgeschichten von Athleten, die ihre Krebserkrankung besiegt haben und auf Siegertreppen von Meisterschaften und anderen sportlichen Großereignissen stehen, zum anderen aber auch durch betroffen machende Nachrichten über Menschen, die trotz ihrer langjährigen sportlichen Betätigung an Krebs erkrankt und in manchen Fällen der Krankheit erlegen sind. Wie Fred Lebow, der weltbekannte Erfinder und Organisator des New-York-Marathons, der einen 1990 diagnostizierten Gehirntumor schon besiegt glaubte und vier Jahre später dann doch der Krankheit erlag. 
Ein anderes Beispiel ist Steve Scott, US-amerikanischer Rekordhalter über eine Meile, der bereits im Alter von 38 Jahren an Hodenkrebs erkrankte. Nach solchen Nachrichten stellt sich so manchem, insbesondere, wenn es in der eigenen Familie bereits eine Vorgeschichte an Krebserkrankungen gibt, die sorgenvolle Frage, ob Laufen über ein bestimmtes, niedriges Maß hinaus denn überhaupt gesund sei oder das Immunsystem nicht eher schwächt und in der Folge auch für Krebserkrankungen anfällig macht.

170 einschlägige Studien
Die Wissenschaft hat sich des Themas schon seit langem angenommen. Bereits vor 20 Jahren wurde in speziellen Studien sportlich aktiven Personen ein vermindertes Krebsmortalitätsrisiko attestiert. Inzwischen liegt eine große Zahl von epidemiologischen Studien vor, die den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Krebs weiter erhellen und konkreter belegen. Ende 2002 gab die amerikanische ernährungswissenschaftliche Zeitschrift »Journal of  Nutrition« einen Überblick über 170 einschlägige Studien. Hier einige Beispiele, zu welchen Erkenntnissen die Forscher gekommen sind:
Dickdarmkrebs: 31 der 51 vorliegenden  Studien erbrachten positive Ergebnisse (das heißt, es konnte ein Zusammenhang zwischen sportlicher Betätigung und geringerer Zahl von Krebserkrankungen hergestellt werden), wobei sich das Erkrankungsrisiko um 40 bis 70 Prozent verringerte.
Brustkrebs: 32 von 44 Studien stellten bei körperlich aktiven Frauen eine Senkung des Brustkrebsrisikos um 30 bis 40 Prozent fest.
Prostatakrebs: in 15 von 30 Studien wurde eine Verringerung des Risikos um zehn bis 30 Prozent ermittelt, insbesondere hinsichtlich der aggressivsten Formen dieser Krebsart.
Endometriumkrebs (eine Form von Gebärmutterkrebs): neun von 13 Studien schlossen auf ein um 30 bis 40 Prozent niedrigeres Krebsrisiko.
Lungenkrebs: acht von elf Studien führten zu dem Ergebnis, dass das Risiko dieser Erkrankung bei Sporttreibenden um 30 bis 40 Prozent unter dem Durchschnitt liegt.
Nun sind wir keine Spieler, die ihren Einsatz unter dem Aspekt der Chancen und Risiken abwägen. Und natürlich muss man wissen, dass es ganz vielfältige Formen von Krebs gibt, die die unterschiedlichsten Körperteile aus verschiedensten Gründen befallen können. Wichtig an den vorliegenden Studien ist jedoch, dass der Grundtenor positiv und damit Motiv genug ist, auch weiterhin die Laufschuhe zu schnüren.

Krebspatienten scheinen von sportlicher Aktivität zu profitieren
Selbst wenn Sport Krebserkrankungen nicht verhindern kann, ist seine Wirkung für die Rehabilitation unbestritten, wie in jüngster Zeit zahlreiche Studien untermauern. Sportliche Betätigung hilft Patienten, besser mit der Krankheit umzugehen und die belastenden Nebenwirkungen der Therapien besser zu überstehen. Nun ist leicht vorstellbar, dass man in einer Zeit, in der man infolge der Krankheit und der Behandlung unter Schmerzen, Übelkeit, Schwäche und Depressionen leidet, oft alles andere im Sinn hat, als sich sportlich zu betätigen. Die vorliegenden Studien beweisen jedoch eindeutig, dass Sport in hohem Maße therapieunterstützend wirkt.

Positiver psychologischer Effekt
Im Jahre 2003 wies eine im Journal of Clinical Oncology veröffentlichte Studie nach, dass Krebspatientinnen, die dreimal pro Woche trainierten, ihre allgemeine aerobe Leistungsfähigkeit um 17,4 Prozent steigerten, während sie bei nicht Sport treibenden um 3,4 Prozent zurückging. Noch wichtiger ist jedoch, dass die Sportlerinnen aus dem Training zusätzliche Energie schöpften, die ihnen half, ihre täglichen Aufgaben mit mehr Optimismus zu meistern. Laut dem Verfasser der Studie, dem Kinesiologen Dr. Kerry Courneya, berichteten die Sport treibenden Frauen sogar von »zusätzlichen 19 Stunden Lebensfreude pro Woche, das heißt, etwa einem Tag Gewinn«.

Natürliche Killerzellen zur Krebsbekämpfung
Dr. Courneya, der sich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt, legt auch eine biologische Erklärung für die förderliche Wirkung des Sports bei Krebs vor: »Durch Sport entwickeln sich im Körper mehr natürliche Killerzellen, die die Krebszellen bekämpfen.« Im Rahmen einer Mitte dieses Jahres im »Journal of Applied Physiology« veröffentlichten Studie an Brustkrebspatienten stellte derselbe Autor fest, dass sich bei den aktiven und nicht aktiven Probanden zwar die gleiche Anzahl von Killerzellen gebildet hatte, diese aber bei den Sport treibenden eine größere Fähigkeit besaßen, Krebszellen anzugreifen.
Diese und ähnliche wissenschaftlichen Erkenntnisse machen Krebspatienten Mut und motivieren sie, weiter Sport zu treiben. Sie müssen mit dem Krebs leben, dürfen ihn nie ignorieren, müssen akzeptieren, dass es bessere und schlechtere Tage in ihrem Leben gibt. Zur Bewältigung der physischen und psychischen Belastungen jedoch kann Sport ein guter Helfer sein.

Es gibt Anzeichen, dass körperliche Aktivität das Krebs-Risiko mindert
Wer leistungsorientiert läuft und 40 oder mehr Trainingskilometer pro Woche absolviert, stellt sich sicher hin und wieder die Frage nach der gesundheitlichen Wirkung intensiveren Laufens, und zwar unter dem Aspekt, ob man Risiken damit eher ausschließt oder erhöht. Leider ist die Zahl dieser Personen bezogen auf die Gesamtbevölkerung so gering, dass sie in Studien zum Krebs bisher keine gesonderte Rolle spielen. Dennoch seien zwei aktuelle internationale epidemiologische Studien erwähnt, in die Daten von 22000 finnischen Männern und 24000 finnischen Frauen wie auch von 116000 amerikanischen Krankenschwestern einbezogen wurden. Die Untersuchungen belegen deutlich weniger Sterbefälle – aus allen Ursachen, einschließlich Krebs – bei den körperlich aktiven Teilnehmern. Auch andere, ähnlich angelegte Studien haben den Nachweis erbracht, dass die Sterblichkeitsrate durch Krebs bei vermehrter sportlicher Betätigung generell rückläufig ist.
Der Epidemiologe Steven Blair, Präsident und Direktor des renommierten Cooper Institute im Dallas, Texas (USA), einer der weltweit führenden Experten zum Themenkomplex Sport und Langlebigkeit, räumt ein, dass das Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und Leistungssport noch nicht abschließend geklärt ist. »Dennoch gibt es nach dem gegenwärtigen Forschungsstand keinen Grund zu der Annahme, dass in der Gruppe der leistungsorientierten Freizeitsportler und der Hochleistungssportler ein erhöhtes Krebsrisiko vorliegt. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein, da in den sportlich aktivsten Gruppen durchgehend die geringsten Mortalitätsraten verzeichnet wurden.«
Der eingangs erwähnte Mittelstreckler Steve Scott zählt zu denjenigen, die den Krebs erfolgreich bekämpft haben und für die positiven Nachrichten zum Thema Krebs und Sport steht. Zehn Jahre nach seiner Krebsoperation fühlt er sich gesund, läuft 40 bis 50 Kilometer pro Woche und arbeitet als Trainer an der California State University.

Amby Burfoot


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