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Ausdauer im Vergleich: Rudern und Laufen

30.07.2006

Rudern ist eine alte Tradition an den englischen Universitäten von Oxford und Cambridge. Es ist eine Sportart, die Kraft, Ausdauer und Koordination erfordert und zwar als Mitglied einer Besatzung von acht Männern oder Frauen mit Steuermann oder -frau. Als Liebhaber des Langstreckenlaufens, schätzen wir die Qualitäten nur all zu gut, die uns zu einer persönlichen Bestzeit treiben. Ob Rudern und Langstreckenlaufen dahingehend etwas gemeinsam haben?    
Jess Barker liefert uns das Beispiel einer kürzlich promovierten Studentin, die beides gemacht hat. Als Studentin ist die 22-Jährige im Frauenboot für ihr ,Alma Mater’, Jesus College, Cambridge, gerudert. Zudem ist sie den Flora London-Marathon 2005 in einer Zeit von 3:42:19 gelaufen.  

 
Rudern wird groß geschrieben am Jesus College, obwohl diese akademische Institution verschiedene Talente entwickelt hat und nicht nur im sportlichen Bereich: Steve Fairbairn, einer der besten britischen Ruderer im 19. Jahrhundert, war Student am Jesus College so wie Laurence Sterne, Schriftsteller und Autor von ,Tristram Shandy’ im späten 18. Jahrhundert. Der Dichter Samuel Taylor Coleridge, der sich viel für deutsche Literatur interessierte, vor allem den Philosophen Immanuel Kant, studierte an dem College im frühen 19. Jahrhundert.  

 
„In der Schule habe ich mich nicht für einen sportlichen Typen gehalten”, sagt Jess Barker. „Damals bin ich ein bisschen gelaufen, ab und zu ein Cross-Rennen über Hampstead Heath in Nord-London und gelegentlich 1500 oder 3000 Meter auf der Bahn bei den Schulmeisterschaften.” Sie hat auch beim Londoner Mini-Marathon teilgenommen aber ohne besonderen Erfolg. Als sie nach Cambridge ging, entschloss sie sich zum Rudern. Vielleicht erklärt sich diese Entscheidung mit den Genen, denn ihr Vater, über 1,84 Meter groß, ist auch gerudert während ihre Mutter den drahtigen Körperbau einer geborenen Langstreckenläuferin besitzt.  

 
Am Jesus College entdeckte Jess Barker die Welt des Ruderns: im Durchschnitt absolvierte sie vier Trainingseinheiten auf dem Wasser pro Woche, dazu zwei mit Gewichten in der Sporthalle und zwei ,Ergo-Einheiten’, wo Leistung als Individuum und Mitglied der Mannschaft über eine bestimmte Strecke von einem Ergometer gemessen wird. Diese letzteren Prüfungen fanden in der Halle statt und bestanden entweder aus einer halben Stunde mit gleichmäßigem Tempo oder der gefürchteten 2-Kilometer-Prüfung, in der jedes Mannschaftsmitglied so schnell wie möglich rudern muss.  

 
Zusamengehörigkeit war auch wichtig. Nach Trainingseinheiten hat die Mannschaft oft zusammen gegessen, besonders am Abend vor einem Rennen. Es gibt in Cambridge traditionelle Wettbewerbe, die ,Bumps’ heißen: jedes College darf mehrere Boote aufs Wasser bringen, sie sind im Rennen gegen die Mannschaften von anderen Colleges, und wer überholt wird, wird ,bumped’ und verliert. Die siegreiche Mannschaft verdient den Titel ,Head of the River’, d.h., das beste Boot auf dem Cam.   
 
Technik war nicht ihre Stärke aber sie besaß Ausdauer und das Gefühl, mit anderen, technisch überlegenen Ruderinnen im selben Boot zu sein, war ein ,Wow’, eine herrliche Erfahrung, wenn es alles gut ging. In ihrem letzten Jahr an der Uni hat sie sportlich mehr oder weniger gewechselt und konzentrierte sich aufs Laufen. Grund dafür waren Zeitdruck und die bevorstehenden akademischen Prüfungen.  

 
Sie setzte sich ein großes Ziel, als sie sich im Herbst 2004 entschloss, den Flora London-Marathon im nächsten Jahr zu laufen. Statt des Cam-Flusses, war ihr Trainingsgebiet jetzt die flache Landschaft in Cambridge. Aber es ging gut, zweimal lief sie 1:40 bis 1:45 Stunden für den Halbmarathon und 45 Minuten über 10 km. Die lange Zeit auf den Beinen war im Gegensatz zum Rudern, wo man mit einer Viertelstunde hundertprozentiger Anstrengung rechnen und auf die Hinweise des Steuermannes achten musste. „Beim Laufen konnte ich mich auf mich selbst konzentrieren. Aber ich bin zweimal 20 Meilen im Training gelaufen, und das fand ich hart.”

 
Am Renntag ging es gut nach Plan: „Ich hatte vor, mit einem Tempo innerhalb von 8:30 Minuten pro Meile zu laufen, wurde aber langsamer über die letzten vier bis fünf Meilen.” Der Zielstrich wurde in 3:42:19 Stunden erreicht, aber „danach konnte ich kaum gehen.” Eine Massage am selben Tag hat der Erholung viel geholfen.

 
Jess Barker hat zwei sportliche Leistungen vollbracht: einen der größten City-Marathonläufe absolviert und schnelle, harte Rennen im Ruderboot. Wie vergleicht sie ihre Fitness zu diesen Zeitpunkten?

 
“Als ich im zweiten Studienjahr meine besten Ergebnisse bei den Ergo-Einheiten im Rudertraining hervorbrachte, hätte ich bestimmt nicht 45 Minuten über 10 Kilometer auf der Straße laufen können. Und umgekehrt: in den Wochen nach dem London-Marathon fiel es mir sehr schwer, bei einem Ergo-Test mitzuhalten. Das Erlebnis, mich auf einen Marathon vorzubereiten und dann zu laufen, war einfach anders.”                        



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