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Save the Date 29. September 2019

Newsarchiv

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Mein erster BERLIN-MARATHON - Teil II

Der Literatur-Marathon gehört seit über einem Jahrzehnt zum

umfangreichen Rahmenprogramm des real,- BERLIN-MARATHON. Dr. Detlef Kuhlmann,

Dozent am Institut für Sportwissenschaft der FU Berlin und Professor und

Lehrstuhlvertreter für Sportpädagogik am Institut für

Sportwissenschaft der Universität Regensburg, organisiert und leitet von

Beginn an diesen Teil des Programms am Marathonwochenende in Berlin Er

motivierte auch Teilnehmer des real,- BERLIN-MARATHON ihre Erlebnisse und

Gefühle beim Lauf durch die City niederzuschreiben - und bat

zusätzlich Prominente ihre Ansichte und Gedanken über den real,-

BERLIN-MARATHON zu Papier zu bringen. Wir veröffentlichen diese Texte in

loser Reihenfolge.

Marathon boomt. Jedes Jahr kommen Läuferinnen und Läufer neu

hinzu, die zum ersten mal die 42,195 km auf sich nehmen. Beim real,-

BERLIN-MARATHON starten allein jährlich mehrere Tausend zum ersten Mal bei

einem Marathon. Dieser Premieren-Marathon stellt einen Einschnitt in der

Laufkarriere eines jeden einzelnen dar. Wir haben 999 Debütantinnen und

Debütanten gebeten, einen kleinen Aufsatz zu schreiben zum Thema

"Mein erster Berlin-Marathon":

Sven Goldmann (Jahrgang 1964), leitete das Ressort Sport beim

"Tagesspiegel" Berlin):

Monika war Schuld. Monika war damals, im Sommer 1981, das schönste

Mädchen der Welt (auch wenn ein paar neidische Mitschüler in meiner

elften Klasse das ganz anders sahen). Ich weiß nicht mehr, warum ich

ausgerechnet mit ihr über den BERLIN-MARATHON gesprochen habe, denn Monika

hatte nicht viel übrig für diesen Sport. Vielleicht war sie gerade

deshalb so beeindruckt: 42 Kilometer, alles an einem Tag, und dann auch noch

auf Asphalt. "Das schaffst du nie!", sagte Monika.

Heute ahne ich, daß sie mich provozieren wollte. Ich war ein dankbares

Opfer. 42 Kilometer? Lächerlich! Zur Vorbereitung werde ich im Urlaub ein

paar Mal um diese Insel laufen, auf der ich mit meinen Eltern die Sommerferien

verbringen wollte. Sardinien hatte in meiner damaligen Begriffswelt

ungefähr die Größe der Pfaueninsel - ein

Mißverständnis, an das Monika mich nach meiner Rückkehr auf

ziemlich kleinliche Weise immer wieder erinnerte.

Es kam der erste Berliner Stadtmarathon, und ich fühlte mich nach gut

fünfwöchiger Vorbereitung in bester Verfassung. Der Lauf wurde um 9

Uhr am Reichstag gestartet. Ich war pünktlich um fünf vor neun da und

wunderte mich ein wenig über die vielen Leute, die noch früher

gekommen waren. Als es dann losging, ging erst mal gar nichts. Menschen

über Menschen stauten sich vor mir, und ich nahm mir vor, später von

meiner Gesamtzeit zehn Minute abzuziehen. So lange muß es wohl gedauert

haben, bis ich die ersten 100 Meter geschafft hatte. Danach lief es ganz gut,

so gut, daß meine Eltern zu spät am verabredeten Streckenabschnitt

auftauchten. Sie hatten einfach noch nicht mit mir gerechnet. Überhaupt -

keiner war da, um mich anzufeuern, nicht einmal Monika, die eine Klassenfahrt

nach München offenbar wichtiger fand.

Ich habe sie dann auch nicht allzu sehr vermißt, später, als der

Regen kam und mein T-Shirt sich genauso schwer anfühlte wie meine

Oberschenkel. Wundgescheuerte Brustwarzen verhalfen mir zu der Erkenntnis,

daß es für Marathonläufe geeignetere Textilien gibt als

Baumwolle. Die Aufenthalte an den Verpflegungspunkten zögerte ich,

taktisch klug, immer mehr in die Länge. Seit diesem Sonntag weiß ich

zweierlei: 1. Der Hohenzollerndamm ist in Richtung Fehrbelliner Platz die

steilste Straße Berlins. 2. Gehen ist eine in weiten Kreisen der

Öffentlichkeit völlig zu Unrecht belächelte Sportart.

Irgendwie habe ich es dann doch bis ins Ziel geschafft, und das sogar unter

vier Stunden, wenn man die zehn Warteminuten am Start abzog. Ich war ein

einsamer Held: Nach Hause bin ich mit der U-Bahn gefahren, auch in der Schule

sind meine Entbehrungen nicht angemessen gefeiert worden. Monika hat mich ein

paar Wochen später verlassen, aber da war sie auch schon nicht mehr das

schönste Mädchen der Welt.

(BERLIN-MARATHON 1981; 4:07 Std.)



Jörg Wenig (Jahrgang 1967), Sportredakteur mit Schwerpunkt

Leichtathletik, schreibt unter anderem für den Tagesspiegel Berlin sowie

die Fachzeitschrift Leichtathletik und bearbeitet die Programmhefte des

BERLIN-MARATHON und des ISTAF Berlin:

An gute 42 Kilometer hatten wir eigentlich gar nicht gedacht. Zumal meine

ganz persönlichen Helden weder Frank Shorter noch Waldemar Cierpinski

hießen, sondern: Sebastian Coe und Steve Ovett. Doch es war die Zeit des

Testens - was schaffst du? Eine nicht ganz legale Piste unter dem Sessellift

herunterfahren, ohne dabei mangels Haltung von oben verspottet zu werden -

machen wir. Die 1000 Meter unter drei Minuten laufen - schaffen wir. Zelten

während eines Hurrikans - wir fliegen nicht weg. 25 Kilometer laufen am

Stück - machen wir. Denkste! Denn als wir diese Idee hatten, waren die

"25 km de Berlin“ gerade gelaufen. Ohne uns!

Mit weniger wollten wir uns freilich nicht zufrieden geben, und ein Jahr

warten kam nicht in Frage. Also blieb im Mai 1984 nur ein Ziel übrig: der

Marathon. Wir wußten: der konnte uns nicht weglaufen, denn er fand erst

nach den großen Ferien statt. Zum Trainingsprogramm zählte im Sommer

eine Radtour: von Brighton nach Nordwales und zurück über Liverpool

und Cambridge nach London mit Zelt und allem drum und dran - schaffen wir.

Danach hatten wir eigentlich kaum noch Respekt vor diesem BERLIN-MARATHON.

Dennoch passierte irgend etwas merkwürdiges mit André. Er

verzichtete, weil er tags darauf unbedingt seinen 18. Geburtstag feiern wollte

... - das hätten wir auch noch geschafft.

Also ging ich alleine zum Start an jenem 30. September. Von dem positiven

Effekt eines Nudelessens am Tag zuvor hatte ich schon einmal etwas gehört.

Viel mehr über eine angepaßte Ernährung habe ich erst viel

später erfahren. Doch das machte nichts. Nach einem wenig hilfreichen

Frühstück und mit genügend Traubenzucker in der Tasche machte

ich mich auf den Weg am Marathontag. Vor lauter Läufern lief am Reichstag

erst einmal gar nichts. Mein Vier-Stunden-Plan war dahin. Als bei Kilometer 25

André im strömenden Regen mit seinen Eltern wartete, hatte ich zwar

aufgeholt, doch bald kam der erste Wadenkrampf. Die Menschenmassen trieben mich

zum Steglitzer Kreisel, wo Inge unter dem Regenschirm wartete.

Aber sehr viel weiter ging es nicht mehr gut. Die Wadenkrämpfe kamen

wieder, und die Massage am Rotkreuzbus war eine Zeitverschwendung. Ich war,

verglichen mit einem Trainingsplan für Anfänger in Woche drei: Zehn

Minuten laufen, drei Minuten gehen - fünf Minuten laufen, drei Minuten

gehen - zehn Minuten und so weiter. Gehpausen - vorher dachte ich, so etwas sei

bei einem Marathon verboten und hatte Angst vor einer Disqualifikation. Doch

die realistische Folge war, daß meine Klassenkameradin Antje nicht mehr

am Hohenzollerndamm stand, als ich dort ankam. Mein Sportlehrer Sebastian hatte

mehr Geduld mit mir. Er wartete an den Uhlandstraße und schrie - doch ich

sah ihn nicht und hörte nichts mehr in diesem einzigartigen Spektakel.

Nach gut viereinhalb Stunden war ich im Ziel und sagte nicht, nie wieder.

Seitdem habe ich keinen BERLIN-MARATHON mehr verpaßt - allerdings aus

einer anderen Perspektive. Ich bin eben zu langsam, um laufen und schreiben zu

können.

(BERLIN-MARATHON 1984; 4:40 Std.)

 

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