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Save the Date 29. September 2019

Newsarchiv

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Vom Ausschluss zur Integration? Frauen und Olympische Spiele

Von Gertrud Pfister

Einleitung/Fragestellung

Der Weg der Frauen nach Olympia war mit zahlreichen Stolpersteinen gepflastert.

Der Widerstand richtete sich dabei nicht nur gegen die Beteiligung von Frauen

am Sport, sondern auch gegen die "Emanzipation" und die als

bedrohlich imaginierte Veränderung der Geschlechterordnung an sich. In

einer Zeit, in der Modernisierungsprozesse die Geschlechterrollen im Alltag zu

verändern drohten, sollten Sport und Olympische Spiele dazu beitragen, den

Mythos männlicher Stärke aufrecht zu erhalten.

An den Auseinandersetzungen über die Beteiligung der Frauen an

Olympischen Spielen waren Gruppen mit divergierenden Interessen, u.a. das IOC,

die internationalen Fachverbände und der Internationale

Frauensportverband, beteiligt. Im folgenden Beitrag sollen die Forderungen,

Strategien und Ideologien dieser Interessengruppen rekonstruiert werden. Dabei

wird deutlich gemacht werden, dass auch unter den am Diskurs beteiligten Frauen

die Integration in die von Männern dominierten Olympischen Spielen

umstritten war. Abschließend wird nach der Bedeutung der

"olympischen Emanzipation" für die Bewegungskultur der Frauen

und Mädchen sowie nach den gegenwärtigen Problemen und den

Perspektiven der Frauen in der Olympischen Bewegung gefragt.

Außenseiterinnen bei Olympischen Spielen

Die Olympischen Spiele der Neuzeit waren von Männern für Männer

erfunden worden. Frauen hatten in der olympischen Arena nichts zu suchen und in

der olympischen Bewegung nichts zu melden. Wäre es nach dem Willen Baron

de Coubertins, dem "Macher" der Spiele, gegangen, dann hätten

Frauen überhaupt nur die Aufgabe gehabt, die Athleten von den

Zuschauerrängen aus zu bewundern und die Sieger zu bekränzen. Deshalb

durfte auch keine einzige Athletin bei den Wettkämpfen der ersten

Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen 1896 antreten. Ironie des Schicksals:

Zwei Frauen liefen "inoffiziell" die Marathonstrecke, eine vor und

die andere nach den offiziellen Wettkämpfen (Pfister 2002).

Allerdings waren die Verantwortlichkeiten für die Organisation der

Spiele zunächst nicht eindeutig festgelegt. Da die Olympischen Spiele 1900

und 1904 im Rahmen einer Weltausstellung stattfanden und die Entscheidung

über das Programm weitgehend in den Händen des jeweiligen

Organisationskomitees lag, wurde in vieler Hinsicht gegen Ideal des Olympismus

verstoßen. Zu den von Coubertin beklagten negativen Entwicklungen

zählte die Zulassung von Frauen zu einem Fest, das er als zeremonielle

Feier männlichen Athletentums beschreibt. Bereits bei den zweiten

Olympischen Spiele in Paris 1900 treten 17 Frauen zu Wettkämpfen in den

Oberschichtsportarten Golf und Tennis an, freilich "ohne offizielle

Zustimmung von Seiten des IOC“.

Außerdem konnten Frauen an einigen der sogenannten gemischten

Wettkämpfe teilnehmen. Die erste Olympiasiegerin war Helen de

Pourtalès, die im Mai 1900 gemeinsam mit drei Männern in einem der

elf Segelwettbewerbe siegte. Und es gab noch weitere "gemischte"

Wettkämpfe, u.a. im Ballonfahren, im Drachensteigen und im Dressurreiten,

bei denen sich allerdings die Wissenschaftler streiten, ob sie

"olympisch“ waren oder nicht. Wenn sie berücksichtigt werden,

dann beteiligten sich wesentlich mehr Frauen an den Spielen von 1900, als

bisher von der Sportgeschichte an- und wahrgenommen wurde.

Nachdem 1904 in St. Louis nur acht amerikanische Bogenschützinnen an

den Spielen teilgenommen hatten, stieg die Zahl der Olympiateilnehmerinnen 1908

und 1912 langsam an. Gleichwohl blieb das Programm für Frauen auch bei

diesen Spielen auf wenige Sportarten mit hohem Sozialprestige und hohem

Gesundheitswert beschränkt. 1908 standen Bogenschiessen, Tennis und

Eiskunstlauf auf dem Programm der Frauen, außerdem beteiligte sich

jeweils eine Frau am Segeln und am Motorbootfahren. 1912 durften Frauen im

Schwimmen und Tennis antreten.

Die ersten Olympiateilnehmerinnen stammten überwiegend aus dem jeweiligen

Gastgeberland; relativ kontinuierlich beteiligten sich vor dem 1. Weltkrieg nur

Athletinnen aus Großbritannien, dem Land mit der längsten

Sporttradition. Sie fehlten nur 1904 bei den Olympischen Spielen in St. Louis.

Deutschland entsandte zum ersten Mal 1908 Sportlerinnen, zwei

Eiskunstläuferinnen, zu den Olympischen Spielen nach London. Elsa

Rendschmidt wurde Zweite im Einzelwettbewerb, Anna Hübler gewann mit ihrem

Partner Heinrich Burger die Goldmedaille im Paarlauf (Kamper/Mallon 1992, S.

295).

Einen Aufschwung erlebte der olympische Frauensport 1912:

Zum ersten Mal kämpften Frauen bei den Olympischen Spielen in Stockholm um

Meter und Sekunden. Die "feministischen" Schweden - so das Protokoll

der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von 1911 - hatten

Frauen zu Schwimmwettbewerben zugelassen. Dagegen lehnte das Schwedische

Organisationskomitee den Antrag der Britischen Athletin Helen Preece auf eine

Beteiligung am Modernen Fünfkampf ab.

Die Aufnahme einer so populären Sportart wie Schwimmen in das

Frauenprogramm förderte die Beteiligung von Sportlerinnen aus zahlreichen

Ländern: 11 Nationen hatten Athletinnen zu den Spielen in Stockholm

entsandt (Odenkirchen 1993). Dem deutschen Team gehörten 5 Sportlerinnen

an, die alle Medaillen erringen konnten.

Olympische Spiele und/oder

"Frauenolympiaden"

Obwohl auch nach dem ersten Weltkrieg der Widerstand gegen die Beteiligung des

"schwachen Geschlechts" am Wettkampfsport nicht überwunden war,

wurden weitere Sportarten für Frauen olympisch: 1924 das Florettfechten,

1928 der Teamwettkampf im Turnen und die Leichtathletik, die besonders

umstritten war. Die Leichtathletik hatte seit je her als die klassische

Domäne der männlichen Athleten gegolten. Noch in den 20er Jahren

konnte Karl Ritter von Halt, ein bekannter Leichtathlet und IOC-Mitglied von

1929 bis 1964, behaupten: "Der Kampf gebührt dem Mann, der Natur des

Weibes ist er wesensfremd. Darum weg mit den Damenleichtathletikmeisterschaften

..." (zit. in Kühn 1926, S. 193). Das Eindringen von Frauen in das

Zentrum der Olympischen Bewegung, in das Stadion, stieß bei Coubertin und

vielen IOC-Mitgliedern auf energischen, lange anhaltenden, aber letztlich

vergeblichen Widerstand.

Die Integration in den "Männersport" war eine, die

Organisation eigener Verbände und Veranstaltungen war eine andere

Möglichkeit für Frauen, Sport und Leistungssport zu betreiben. Zu den

ersten internationalen Wettbewerben für Frauen gehörten die

"Frauenolympiaden", die 1921, 1922 und 1923 in Monte Carlo als

Attraktion für die begüterten und sportbegeisterten Gäste des

Fürstentums Monaco ausgetragen wurden (Meyer 1988). Der Erfolg dieser

"Olympiaden", bei denen die Leichtathletik im Mittelpunkt stand,

erleichterte die Organisation weiterer internationaler Begegnungen im

Frauensport. U.a. fand am 30. Oktober 1921 in Paris ein Länderkampf

zwischen England und Frankreich in der Leichtathletik und im Fußball

statt, den der Französische Frauensportverband (FSFSF) und seine

Präsidentin Alice Milliat initiiert hatten. Auf der dieser Begegnung

folgenden internationalen Konferenz wurde dann die Fédération

Sportive Féminine Internationale (FSFI) gegründet. Anlass war die

Weigerung der International Amateur Athletic Federation (IAAF), sich für

die Frauenleichtathletik einzusetzen. Begünstigt wurde diese Initiative

durch die sportpolitische Konstellation in Frankreich, u.a. durch die

Konkurrenz verschiedener eigenständiger

Frauensportverbände.

Die wichtigste Aktivität der FSFI war die Durchführung

"Olympischer Frauenspiele“ - 1922 in Paris, 1926 in Göteburg,

1930 in Prag und 1934 in London -, die die Leistungsfähigkeit der

Athletinnen dokumentierten und in der Öffentlichkeit auf positive Resonanz

stießen (Pfister 1994; 2001). Diese Frauenweltspiele waren die

Trumpfkarte in den Auseinandersetzungen um den olympischen Frauensport. Sie

boten nicht nur Athletinnen die Chance, durch ihre Beteiligung an

internationalen Wettkämpfen die Marginalisierung des Frauensports zu

überwinden, sie dienten der FSFI auch als wichtigstes Mittel, Druck auf

das IOC und insgesamt Einfluss auf die Entwicklung des Frauensports

auszuüben.

Die Auseinandersetzungen zwischen der FSFI und seiner Präsidentin,

Alice Milliat, auf der einen, und dem IOC und dem IAAF auf der anderen Seite

können im Rahmen dieses Beitrags nicht im einzelnen dargestellt werden.

Sie endeten erst 1936 mit einem schleichenden Machtverlust und der mehr oder

weniger erzwungenen Auflösung der FSFI.

Die FSFI kämpfte zunächst für die Zulassung von Frauen zu

leichtathletischen Disziplinen, dann für die Ausweitung des

Leichtathletikprogramms bei Olympischen Spielen und später auch für

die Durchführung eigener Olympischer Spiele für Frauen mit einem

umfangreichen Sportartenangebot. Dabei vertraten insbesondere die Delegierten

aus Großbritannien in der FSFI einen eher separatistischen Standpunkt mit

dem Argument, dass die Integration in den "Männersport" mit

einem Verlust von Macht und Einfluss erkauft werden müsse. Die

US-Delegierten in der FSFI unterstützten zwar Alice Milliat und ihre bis

Anfang der 30er Jahre dauernden Versuche, in den "olympischen

Herrenclub" aufgenommen zu werden, sie mussten dabei aber mit

Widerständen in ihrer Heimat rechnen. In den 20er Jahren entwickelte sich

in den USA nämlich eine breite Front des Widerstandes gegen den Leistungs-

und Wettkampfsport der Frauen (vgl. besonders Hult 1989), der vor allem von

Dozentinnen für Leibesübungen an Colleges oder Universitäten

getragen wurde. Ihr Ziel war die Förderung des Breitensports; ihre Devise

lautete: "A sport for every girl and every girl in a sport" (u.a.

Guttmann 1991, S. 138).

Auch in den Männergremien IOC und IAAF gab es divergierende Strategien:

Zunächst war man sich zwar darin einig, dass die Beteiligung von Frauen an

der olympischen Leichtathletik verhindert werden müsse. Später

mussten sie ein Mindestmass an Integration zulassen, um ihren Einfluss auf den

Frauensport nicht völlig zu verlieren. Die wichtigste Strategie war dabei,

Frauen auf wenige Disziplinen zu beschränken. Allerdings differierten die

Haltungen der IOC- und IAAF-Mitglieder in der "Frauenfrage" dabei

u.a. auch in Abhängigkeit von den Interessen und Direktiven der nationalen

Sportverbände. So setzten sich beispielsweise die Amerikaner im IOC im

Vorfeld der Olympischen Spiele 1932 für die Leichtathletik der Frauen ein,

da sie in Los Angeles auf diese Wettbewerbe, bei denen sich die USA

Medaillenchancen ausrechnen konnte, nicht verzichten wollten.

Die Forderungen der FSFI, den Frauen bei den Olympischen Spielen 1928 ein

umfangreiches Leichtathletikprogramm mit mindestens 10 Disziplinen anzubieten,

wurden nur teilweise erfüllt; immerhin wurden Frauen zum ersten Mal zum

Kampf um Meter und Sekunden im Olympischen Stadion zugelassen und zwar zu

folgenden 5 Disziplinen: Hochsprung, Diskuswurf, 100 m, 4 x 100 m Staffel und

800 m. Besonders umstritten war der Mittelstreckenlauf, der die Kräfte der

Frauen zu übersteigen schien. Dass sich einige Athletinnen nach dem

Wettkampf erschöpft zu Boden sinken ließen, war Anlass genug, um die

gesamten Leichtathletikwettbewerbe der Frauen im IOC erneut zur Disposition zu

stellen. Zwar fand der Antrag des IOC- Präsidenten Baillet-Latour auf

Abschaffung der Frauenleichtathletikwettbewerbe 1930 keine Mehrheit, der 800 m

Lauf wurde aber 1932 aus dem Olympischen Programm gestrichen (Hargreaves 1994;

Pfister 1996).

Die in diesen Auseinandersetzungen vorgebrachten Argumente wie insgesamt die

Alltagstheorien über die Fähigkeiten und Aufgaben der Geschlechter

inner- und außerhalb des Sports wurden in den 20er Jahren durch den

"Mainstream" der Medizin gestützt, deren Erkenntnisse nicht auf

empirischen Untersuchungen sondern auf weltanschaulichen Orientierungen

basierten. Die Sorge um das Wohl der Frauen verband sich mit der Sorge um die

Aufrechterhaltung der herrschenden Geschlechterordnung. So meinte z.B. ein

Gynäkologe 1931: "Bei der erwachsenen Frau müssen alle

sportlichen Übungen vom Standpunkt der Fortpflanzung aus betrachtet

werden" (Küstner 1931, S. 791). Und Hugo Sellheim, Direktor der

Universitäts-Frauenklinik in Leipzig warnte:" Durch zu viel Sport

nach männlichem Muster wird der Frauenkörper direkt vermännlicht

... Die weiblichen Unterleibsorgane verwelken und das künstlich

gezüchtete Mannweib ist fertig" (Sellheim 1931, S. 1740). Insgesamt

trug die Medizin mit ihren Ge- und Verboten zur Marginalisierung der Frauen im

Wettkampfsport entscheidend bei (zusammenfassend Pfister 1990).

Trotz der erwähnten Widerstände erlebte der Frauensport bei den

Spielen 1928 in Amsterdam sowohl im Hinblick auf die Ausweitung des

Wettkampfprogramms, als auch im Hinblick auf die Teilnehmerinnenzahlen einen

weiteren Aufschwung: 11,5% der Wettbewerbe wurden für Frauen ausgerichtet,

und 9,6% der Olympioniken waren weiblich, ein Prozentsatz, der erst wieder 1952

übertroffen wurde.

Auffallend ist, dass den deutschen Olympiateams

überproportional viele Frauen angehörten. Auch für die als

"unweiblich" geltenden leichtathletischen Disziplinen wurden

zahlreiche deutsche Athletinnen gemeldet, die sowohl 1928 als auch 1936 sehr

erfolgreich waren. 1928 erkämpfte Lina Radke-Batschauer im 800-m-Lauf

sogar die erste Goldmedaille in der Leichtathletik für Deutschland

(Pfister 1994). 1936, bei den von den Nationalsozialisten

organisierten und zu Propagandazwecken genutzten Spielen in Berlin, stellte

Deutschland in der Leichtathletik, aber auch in der Gesamtabrechnung das

stärkste Frauenteam, das 13 der 45 Medaillen erringen konnte. Obwohl der

Hochleistungssport der Frauen den Direktiven der Rassenhygiene und der

nationalsozialistischen Weiblichkeitsideologie widersprach, wurden

Spitzenathletinnen wie Christl Cranz oder Gisela Mauermayer intensiv

gefördert, weil sie die šberlegenheit des NS-Systems demonstrieren

sollten.

Athletinnen im Kalten Krieg

Auch nach dem 2. Weltkrieg war die Beteiligung der Frauen an den Olympischen

Spielen noch nicht unumstritten. So schlug der IOC-Präsident Avery

Brundage 1952 erneut vor, die Frauenwettbewerbe abzuschaffen (Mayer 1960, S.

222), und noch 1966 wurde im IOC diskutiert, Kugelstoßen und Diskuswerfen

aus dem Olympischen Frauenprogramm zu streichen (Hargreaves 1994, S. 216).

Trotzdem nahm die Zahl der Olympiateilnehmerinnen, der für Frauen

ausgerichteten Wettbewerbe und der Länder, die Frauenteams zu den Spielen

entsandten, kontinuierlich zu. Die Beteiligung der leistungsstarken

sowjetischen Sportlerinnen seit 1952 und die Einführung der ersten

Teamsportart für Frauen, Volleyball 1964, waren Meilensteine in der

Geschichte des Olympischen Frauensports, der jetzt auch immer mehr ins

Rampenlicht der Öffentlichkeit trat. Schon in den dreißiger und

vierziger Jahren waren Athletinnen wie Babe Didrikson, Sonja Henie oder Fanny

Blankers-Koen, die "fliegende Hausfrau", bekannt gewesen, und in der

Fernseh- und Mediengesellschaft wurden Wilma Rudolph oder Olga Korbut,

später Nadia Comaneci oder Katharina Witt zu Idolen, die modische

Frauenideale - schlank, anmutig, nicht allzu muskulös und auf jeden Fall

"weiblich" - repräsentierten. Der Star der Spiele von Seoul,

Florence Griffith-Joyner, kompensierte ihre androgynen Körperformen durch

ein extrem weibliches Outfit.

Seit einigen Jahren sind es vor allem die Kindfrauen, die sich gut

"vermarkten" lassen. Sie verbinden höchste Leistungen mit dem

Aussehen eines Models und signalisieren in Kleidung und Haltung weibliche

Erotik. Bei den Spielen in Sydney wurden dann auch bei Frauen Muskeln und

Waschbrettbäuche modern.

Mit der politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung hatte der Sport in

den 50er Jahren auch in beiden deutschen Staaten einen neuen Aufschwung erlebt.

Er gewann im Rahmen der politischen Auseinandersetzungen zwischen der

Bundesrepublik und der DDR, wie insgesamt im Wettstreit der Systeme, immer mehr

an Bedeutung.

Es kam zu einem "sportlichen Wettrüsten" und einem starken

Anstieg des sportlichen Leistungsniveaus vor allem in der DDR und in anderen

sozialistischen Ländern. Dabei waren insbesondere die sportlichen Erfolge

der Frauen, in die die sozialistischen Staaten u.a. auf Kosten des

Breitensports investierten, um die Überlegenheit ihres politischen und

ökonomischen Systems zu "beweisen". Seit den 60er Jahren

dominieren Athletinnen aus sozialistischen Ländern die Olympischen

Wettkämpfe - sie gewannen z.B. 1976 73 % aller

Medaillen.

Gleichberechtigung - und dann?

Die Entwicklung der Olympiateilnahme von Frauen spiegelt zugleich beides wider,

die zunehmende Integration der Frauen in den Sport und die immer noch

bestehende männliche Dominanz. Auch heute sind mehr als die Hälfte

der Olympioniken Männer. Die Chancen von Frauen, an den Olympischen

Spielen teilzunehmen, ist dabei in starkem Masse von ihrer Nationalität

abhängig: Bei den Olympischen Spielen in Seoul betrug beispielsweise die

Frauenquote im englischem Team 35 %, in der spanischen Delegation dagegen nur

18 %. Von den 160 teilnehmenden Ländern entsandten 42, darunter 21

islamische Länder, ausschließlich Männer nach Seoul (Hargreaves

1994, S. 227).

In vielen Entwicklungsländern und vor allem auch in islamischen

Ländern hat der Frauensport mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, die

von der geringen Verbreitung des Mädchensportunterrichts über

fehlende Sportangebote für Frauen bis hin zu Verboten von gemeinsamem

Training beider Geschlechter reichen. Vor allem die religiösen Gebote -

Verhüllung des Körpers in der Öffentlichkeit, keine gemeinsamen

Aktivitäten mit Männern - sind Barrieren, die eine Verbreitung

westlich orientierter Sportpraktiken verhindern oder zumindest erschweren. In

vielen Ländern entspricht Sport zudem nicht der somatischen Kultur von

Mädchen und Frauen und/oder er lässt sich nicht in den Lebenskontext

integrieren.

Derzeit stehen zwei gegensätzliche Strategien und Perspektiven zur

Diskussion: Zum einen fordert die Initiative Atlanta Plus, die von

französischen Politikerinnen ins Leben gerufen wurde und sich inzwischen

weltweit verbreitet hat, die Nationen, die keine Frauen zu den Spielen

entsenden, aus der Olympischen Familie auszuschließen. Zum anderen wurden

und werden islamische Frauenweltspiele 1993, 1997 und 2001 in Teheran,

durchgeführt, bei denen Männer auch vom Zuschauen ausgeschlossen

sind.

Hargreaves spricht als weiteres Problem der internationalen Sportbewegung

die Verteilung der Ressourcen an. Armut hat in vielen Ländern ein

Geschlecht: Frauen sind meist in besonderem Masse von Armut betroffen. Sie

können sich zudem kaum an sportlichen Aktivitäten beteiligen.

Hargreaves stellt daher die Frage, ob es sinnvoll ist, angesichts des

täglichen Kampfes um das Überleben Ressourcen für den

Leistungssport und damit überwiegend auch für Männer zu

verwenden?

Inzwischen sind Frauen zu weiteren Sportarten bei Olympischen

Spielen zugelassen worden, auch zu den lange als gesundheitsschädlich

angesehenen Ausdauerdisziplinen wie dem Marathonlauf (1984).

1996 in Atlanta traten erstmals Frauenteams im Fußball an. Damit ist eine

Sportart für Frauen olympisch geworden, die bis vor kurzem als

männliche Bastion galt. Und seitdem ist die Zulassung der Frauen zu mehr

und mehr Sportarten nicht mehr aufzuhalten. Aber nicht nur der Ausschluss von

Frauen aus Sportarten, sondern auch die Inszenierungen von Männlichkeit

und Weiblichkeit, beispielsweise im Eiskunstlaufen, und die Einführung von

Disziplinen, die nur Frauen offen stehen (Synchronschwimmen und rhythmische

Sportgymnastik seit 1984) kann zur Verstärkung geschlechtstypischer

Zuschreibungen - Frauen als das anmutige Geschlecht –

beitragen.

Das olympische Programm wird von den Fachverbänden und dem IOC

verantwortet. Nicht nur das IOC ist ein Männerbund - 1993 waren von 93

Mitgliedern 7 weiblich (Hargreaves 1994, S. 221) - auch in den NOKs und den

internationalen Sportverbänden befinden sich Männer an den

Schalthebeln der Macht.

Trotzdem ist in den letzten Jahren eine Sensibilisierung für Frauen und

ihre olympischen Probleme zu verzeichnen. So wurde z.B. in die Olympische

Charta aufgenommen, dass niemand aufgrund seines Geschlechts diskriminiert

werden darf.

Inzwischen ist die olympische Bewegung, wie der Hochleistungssport

insgesamt, zahlreichen Einflüssen und Entwicklungen ausgesetzt, die nur

teilweise im Einflussbereichs des IOC und der Verbände liegen.

Stichworte sind: Vermarktung, extreme Zunahme des Trainingsaufwands,

ständige Steigerung der Leistungsstandards usw. Viele der damit

verbundenen Probleme treffen Frauen in anderer Weise als Männer, schon

allein deswegen, weil die Athletinnen in vielen Sportarten wesentlich

jünger sind als die Athleten.

Im Streben nach Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der

Olympischen Bewegung sind Fortschritte zu verzeichnen, aber ist das genug? Sind

Frauen, wenn sie dann die Integration erreicht und damit - potentiell -

Einfluss erlangt haben, nicht zugleich aufgefordert, sich stärker als

bisher einzumischen und sich an der Suche nach Lösungen für die

Probleme des Hochleistungssports zu beteiligen? Generell ist zudem zu fragen,

ob Gleichberechtigung in der Olympischen Bewegung Auswirkungen auf die

Situation von Frauen im Breiten- und Freizeitsport hat.

Hochleistungssportlerinnen sind eine kleine Minderheit mit ganz spezifischen

Problemen, aber auch mit zahlreichen Privilegien. Die überwiegende

Mehrzahl der Frauen hat im Sport mit anderen Problemen zu kämpfen, wie

z.B. mit der Schliessung des Hallenbads im Wohnviertel, der Schwierigkeit,

Kinderbetreuung zu organisieren, den hohen Kosten mancher Sportaktivitäten

oder auch dem Fehlen von Sportangeboten in zumutbarer Entfernung. Olympische

Erfolge können zwar für den Frauensport werben, sie führen nicht

unbedingt zu einem Abbau der Barrieren, die das Sportengagement von Frauen

erschweren oder verhindern können.

*

Coubertin 1912; vgl. auch Simri 1977; Mitchell 1977;

Pfister 1981. Die folgenden Zahlenangaben stammen, wenn nicht anders angegeben,

aus Kamper 1972 und Simri 1977. Sie beziehen sich auf die Sommerspiele.vgl. zum

folgenden Text auch Pfister 2000, 2001 und 2002.

Mitchell 1977, S. 212; Simri 1977. S. 8

Mitchell 1977, 212; Simri 1977, 8. Kluge 1997; Mallon 1998.

Vgl. zu den Spielen 1900 Lennartz/Teutenberg 1995;

Odenkirchen 1995/96; Kluge 1997; Mallon 1998.

Von Odenkirchen 1995/96 und Daniels/Tedder 2000 wurden die Spiele 1900

intensiver auf die Beteiligung von Frauen untersucht. Der Kalender der

Olympischen Wettbewerbe ist abgedruckt in Lennartz/Teutenberg 1995, 145

ff.

Eiskunstlauf wurde 1908 und 1920 im Rahmen der Sommerspiele ausgetragen.

Zit. nach Mitchell 1977, S. 212.

Daniels/Tedder 2000, S. 26.

In der 4x100-m-Staffel erschwamm sich das deutsche Frauenteam einen zweiten

Platz ; Kamper/Mallon 1992, S. 243.

Die Tennispielerin Dorothea Köring erzielte im Dameneinzel den zweiten,

und im Mixed den ersten Platz, vgl. Kamper/Mallon 1992, S. 247.

Meyer 1988, S. 83; vgl. Pfister 2001.

LAuto vom 29.10.1921, S. 5.

Vgl. FSFI 1936; Pfister 2001)

Auf Druck des IOC wurden die FSFI-Veranstaltunge seit 1926 Frauenweltspiele

genannt.

Quelle:

www.nok.de

 

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