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"Ja, warum laufen sie denn?"

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

07.06.2000

"Ja, warum laufen sie denn?"
Eine Frage mit vielen Antworten ...

"Ja, wo laufen sie denn?" Jeder, der Loriot kennt, hat diese Frage beim legendären Pferderennen
schon mal gehört. Wandeln wir sie einmal ab in "Ja, warum laufen sie denn?", dann bin ich nicht
sicher, was uns Loriot darauf in seiner unnachahmlichen Art antwortet. Würde man dagegen
Läuferinnen und Läufer befragen, dann erhielten wir vermutlich nicht die gleichen, aber immer
wieder ähnliche Antworten, die sich in verschiedene Motivgruppen bündeln lassen. Wie wäre es mit
einem kleinen Selbstversuch: Bevor Sie hier weiterlesen, beantworten Sie die Frage - sofern sie
selbst regelmäßig laufen - einmal für sich selbst. Okay?

Ich vermute, wie immer vom genauen Wortlaut her Ihre Antwort auch ausfällt - sie läßt sich
irgendwie einordnen in die seit Jahren in der Sportwissenschaft diskutierten sog. Sinnbezirke
des Sporttreibens, die der Bielefelder Sportpädagoge Dietrich Kurz (selbst ein begeisterter
Langstreckenläufer und Finisher beim BERLIN-MARATHON) allgemein aufgestellt hat und die sich
sehr gut auf das Laufen übertragen lassen. Jeweils auf eine "Kurz"-Formel gebracht, lassen sie
sich so darstellen: (1) Menschen suchen im Sport den körperlichen Ausgleich, der Wohlbefinden
und Fitness auslöst. (2) Menschen suchen im Sport die Reize, die durch körperliche Aktivität
in der Natur ausgelöst werden. (3) Menschen suchen im Sport nach Möglichkeiten, ihre eigenen
Fähigkeiten und Grenzen durch selbstproduzierte Leistungen wahrzunehmen. (4) Menschen suchen
im Sport Situationen, die in gewisser Hinsicht offen sind, die sie aber selbst aktiv steuern
können. (5) Menschen suchen im Sport den Kontakt mit anderen, die Erfahrungen eines besonderen
menschlichen Miteinanders. (6) Menschen suchen im Sport Situationen, in denen sie sich mit
ihren Bewegungen als besonders schön und gelungen darstellen können.

Das Laufen - egal ob ab und zu im Park oder regelmäßig bei Wettkämpfen betrieben - scheint
für alle diese sog. Sinnbezirke offen zu sein, wahrscheinlich sogar weit mehr als andere
Sportarten oder körperliche Aktivitäten. Das Laufen als "Prototyp" des modernen Sports? Einige
mögen das gern hören, andere wiegeln vermutlich energisch ab. Wie dem auch sei: Die vier "F" der
Turner (Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei) sind längst zu den vier "L" der Läuferinnen und Läufer
lautverschoben worden. Das geht dann nämlich so: "Laufen ist lebenslang lebensbegleitender
Lebensinhalt!" Aber Vorsicht: Nur alleiniger Lebensinhalt darf das Laufen dennoch nicht werden.

Dr. DETLEF KUHLMANN


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