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Save the Date 29. September 2019

Newsarchiv

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Der Hunderter von Biel

Im Herbst letzten Jahres hatten Roland (ein topfiter Läufer aus meiner

Sonntags-Lauftruppe) und ich beschlossen, den Klassiker aller Ultra-Läufe,

die "100 km von Biel" anzupacken.

Nun, acht Monate später war es soweit: Es ist Juni und in den

Alpenländern herrschen Rekordtemperaturen mit bis zu 38 Grad:

Freitag, 12. Juni

21:00 Uhr: In einer Stunde beginnt der Lauf und die "Nacht der

Nächte". Es sind immer noch 32 Grad vor der Eissporthalle im

westschweizerischen Biel. Die übrigen 2.300 Teilnehmer sehen etwas anders

aus als die Läufer bei den üblichen Stadtmarathons: Der typische

100-km-Läufer ist männlich, zwischen 40 und 55 Jahre alt, hat kein

Gramm Fett am Körper; sonnengegerbte Haut, fast alles asketische,

Dr.-Strunz-Typen. Die wenigen Frauen sind entweder hagere Terrier-Typen oder

barocke Muttis, die man eher beim Volkswandern im Harz vermuten würde.

Jeder bereitet sich nun auf seine Weise vor: meditierend, stretchend,

Horrorgeschichten verbreitend (" vor zwei Jahren hat`s dann in der Nacht

ab zwölfe geschüttet und die Strecke in ein Schlammloch

verwandelt") sich mit Vaseline einschmierend; einige Soldaten (der Lauf

ist gleichzeitig die "Militärweltmeisterschaft" über 100

km) müssen mit den Kameraden für Fotos stramm stehen. Roland und ich

legen uns bei Sonnenuntergang auf einen Fußballrasen, um etwas

kühlere Luft zu bekommen. Ich bin bereits ziemlich müde: Der Versuch

am Nachmittag zu schlafen war nämlich eindeutig gescheitert: In unserem

Gasthof im Dorf Rütli war es unerträglich heiß und an der

Badestelle am Bieler See tobten zuerst aufgeweckte kleine Eidgenossen.

Anschließend begann ein Schützenverein unmittelbar neben der

Badewiese, mit großkalibrigen Gewehren zu ballern.

21:55 Uhr: Nun gibt´s kein Zurück mehr: Wir stehen im Startblock

mit den anderen Kandidaten. Der Bürgermeister schweizert salbungsvolle

Worte ins Mikrophon und dann geht´s los. Zuerst 6 km durch Biel. Die

feucht-heiße Luft steht in den Straßen. Es herrscht

Volksfeststimmung: Livemusik und tausende Bieler, die sich "die

Verrückten" anschauen, anfeuern sowie Bier & Wein trinken.

22:35 Uhr: Wir verlassen die lärmende, hell erleuchtete Stadt. Nun

müssen wir einen giftig-steilen 200-Meter-Hügel erklimmen. Wir laufen

nun auf unbeleuchteten Wegen durch Felder und Wiesen. Die Läuferschar

zieht sich bereits weit auseinander. Der Vollmond gibt genügend Licht.

Endlich spüre ich auch eine etwas kühlere Brise.

22:55 Uhr: Bei Kilometer 10 kommen wir ins erste Dorf: Die Bewohner auch der

umliegenden Weiler sind gekommen, um den Höhepunkt des Jahres

mitzuerleben. Vor den Häusern stehen Sofas, die Straßenränder

und Vorgärten sind zu Biergärten geworden. Die Kinder dürfen

aufbleiben. Die Gasthäuser machen den Umsatz des Jahres. Die Stimmung ist

gigantisch! An eine Wand hat jemand "Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun

muss!" gesprüht. Akkordeonspieler sitzen im Dunkeln am Wegesrand und

quetschen Aufmunterndes aus ihrem Instrumenten. Ich bin euphorisch dabei.

23:45 Uhr: Bei km 18 kommt der erste Höhepunkt der "Langen

Nacht": Das schöne Städtchen Aarberg. Hier überquert man

eine alte überdachte Holzbrücke auf der einige Aarbergerinnen

jodelartige Gesänge zur Erbauung der Läufer von sich geben. Auf dem

Marktplatz kocht die Stimmung. Durch eine Phalanx von Begeisterten schwebe ich

durch den Ort. Am Ausgang von Aarberg wartet Guido, ein Freund aus Berlin, der

sich bereit erklärt hat, mein "Coach" auf dem Fahrrad zu sein.

Fast die Hälfte aller Läufer hat ab Aarberg einen "lizenzierten

Begleiter", der Verpflegung und Ersatzkleidung transportiert und den Weg

ausleuchtet.

Nun geht es 32 km durch Wälder, Wiesen und munter feiernde Dörfer

mit Namen wie "Grossatfoltern" oder "Mülchi".

Kühe und Schafe schauen mich verdutzt an und scheinen zu fragen, was die

vielen Menschen nachts auf ihrer Weide zu suchen haben. Das Ganze hat nun auch

etwas Kontemplatives: Es erinnert an eine nächtliche Prozession oder an

einen Bußgang: Man sieht vor sich die roten Rückleuchten der

Begleit-Fahrräder, die sich wie eine Perlenschnur ruhig durch die Nacht

ziehen.

03:55 Monduntergang: Nun wird es richtig dunkel. Erst gegen 5:00 Uhr

dämmert es am Horizont. Nun starten die Mücken ihre finalen Attacken

in die feucht-warmen Wäldern. Das Gelände ist viel hügeliger als

das Streckenprofil im Anmeldeprospekt ("Nur 600 Meter

Höhendifferenz") versprach.

04:11 Uhr die Verpflegungsstation bei Kilometer 59 ist erreicht. Mir ist es

kotzübel. Die von Roland gebraute isotonische Getränkemischung

verträgt sich offenbar mit meiner Magensäure nicht. Ich bin

leichenblaß und will aufgeben. Roland ist bereits seit Kilometer 50

davongezogen. Ich gehe zur Massage, lasse meine Beine durchkneten und frage

dann die Leiterin dieses Kontrollpostens, wo ich aussteigen könne und wie

ich nach Biel zurück komme. Die junge Frau war mit diesen Fragen sichtlich

überfordert. Stattdessen antwortete mir ein Fahrrad-Coach: "Der beste

Punkt auszusteigen ist bei Kilometer 100". Dies leuchtete mir ein.

"Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss!" Guido gab mir frische

Laufsachen aus seinem Rucksack und ich lief weiter. Ich beschloss von nun an

keine isotonischen Getränke mehr zu trinken und nur noch Cola (ein

Gebräu welches ich sonst nie anrühre), Wasser und trockene Kekse zu

mir zu nehmen. Dies hatte immerhin zur Folge, dass mein Magen nicht weiter

übersäuerte. Der mir bewußte Nachteil dabei: Ich nehme nun kaum

noch energiespendende Kohlehydrate zu mir. Nun zehre ich von meinen

Fettreserven.

Nach dieser kurzen Pause folgt der fieseste Teil der Strecke: Der

berüchtigte "Ho-Chi-Minh-Pfad". Dies ist ein zeitweise nur

wenige Zentimeter breiter Weg, der größtenteils von Wurzeln oder

Wackersteinen bedeckt ist. Hinzukommen Brennesseln in Waden- und Äste in

Augenhöhe. Das Doofe daran: Es dämmert erst zu diesem Zeitpunkt und

man sieht nicht viel. Nun geht es durch das Emmental (jaja, das mit dem

löchrigen Käse). Alle 100 Meter gibt es nun eine Tafel mit

Geschichten aus der Bibel, die für einen müden Läufer nicht

gerade aufbauend sind ("Die Babylonier zerstören den Tempel"

oder am Ende: "Christus stürzt zum zweiten Mal mit dem

Kreuze").

Bei km 65 ist die Sonne aufgegangen. Die Vögel zwitschern und die

Weidentiere wundern sich nicht mehr. Meine Konzentration beschränkt sich

nun jedoch auf die schweizerische Fauna auf der Strecke: platt gefahrene Igel,

Schnecken, Kröten und Lurche nehme ich noch wahr. Wichtig erscheinen mir

auch die Verpflegungsstationen und Guidos Wasservorräte. Die Zurufe der

Schweizer an der Strecke verstehe ich auch wegen des derben

Berner-Unterland-Slangs nicht mehr. Ich denke mir nur: "Ist wohl nett

gemeint" und trabe weiter.

8:45 Uhr: Es beginnt

wieder heiß zu werden. Mit den Beinen habe ich keinerlei Probleme.

Lediglich der Puls geht etwas zu hoch. Nun geht es steil bergab. Erholsam finde

ich das jedoch auch nicht.

Bei Kilometer 87,5 komme ich endlich in das Aartetal zurück. Nun sind

es noch 12,5 km. Ich versuche mir das klein zu reden "Andor, nur noch

fünfmal um die Krumme Lanke!". Ich bin übermüdet und kann

Lärm nicht mehr ertragen. Geräusche von Autos oder einem

vorbeifahrenden Zug erscheinen mir unerträglich. 6 Kilometer vor dem Ziel

wartet meine Freundin Hédi auf mich und begleitet mich auf der letzten

Etappe. Ich bin recht nahe an den Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Ich

sage halblaut: "Andor, denk an Deine Pumpe" und gehe die letzten

Meter durch die sengende Hitze.

Samstag, 10:22 Uhr: Nach 12 Stunden und 22 Minuten Ich bin im Ziel. Als 577.

der 2.300 Gestarteten. 1.200 von diesen werden aufgeben und nicht ins Ziel

kommen. Einige der "Volkswander-Muttis" sind jedoch schon dort! Der

Stadionsprecher brüllt in meine sensiblen Ohren: "Herzlich Willkommen

in Biel! Wir begrüßen Andor Poll aus Berlin. Er ist zum ersten Mal

dabei! Herzlichen Glückwunsch! Ich hoffe wir sehen Dich nächstes Jahr

wieder!" Naja, das würde ich sofort nicht garantieren. Nun

geht´s erstmal unter die Dusche. Und dann schlafen und nicht mehr Laufen!

Es dauert mindestens eine halbe Stunde bis ich realisiert habe, dass ich es nun

wirklich geschafft habe. Dann beginnt man, etwas infantil zu grinsen.

Fazit: Ich habe etwa 5,5 Kg Körpergewicht in 12 Stunden verloren,

obwohl ich 12,5 l getrunken und Einiges gegessen habe. Nun, 48 Stunden danach

mit einem langen Schlaf und einem Tag mit schweren Beinen fühle ich mich

wieder prächtig: Kein Muskelkater, keine Blasen. Auch die Strapazen sind

längst vergessen. Es bleiben nur angenehme Erinnerungen an die skurrile

"Nacht der Nächte".

Warum tut man sich das an? Ein Spruch beschreibt es wohl am treffendsten:

"Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss!"

Andor Poll

poll@entree-berlin.de

 

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